Thomas Bach wurde in Sydney zum IOC-Vizepräsidenten bestimmt. Es irrt jedoch, wer aus diesem Faktum ableitet, Deutschland hätte in Bach einen rigorosen Interessensvertreter in diesem Gremium. Anders als sein ebenfalls im IOC sitzender Kollege Walther Tröger, Präsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK), hat Bach seine Rolle gegenteilig definiert. Für Bach zählt in erster Linie das IOC - er betrachtet sich als Olympier, der zufällig in Deutschland lebt.Seine Prämisse machte Bach vor einiger Zeit bei einer für ihn peinlichen Sitzung des NOK-Präsidiums deutlich. Es ging damals um die Auswertung einer mehrjährigen Diskussion über die gescheiterte Fusion des NOK mit dem Deutschen Sportbund (DSB), die dem deutschen Sport enormen finanziellen und personellen Schaden zugefügt hat. Hauptverantwortlicher war Bach. Aus dem Hintergrund hatte er sich als Drahtzieher der Fusionsdebatte betätigt. "Ich fühle mich manchmal wie im Märchen", hat Tröger damals gesagt, "irgendwo im Wald sitzt ein Rumpelstilzchen und treibt Schabernack."Als NOK-Präsident Tröger dann im November 1996 in Chemnitz den unfreundlichen Übernahmeversuch mit einer kämpferischen Rede abschmetterte, war Bach zu feige, die Niederlage am Ort einzugestehen. Dienstliche Verpflichtungen - Bach ist als Lobbyist für verschiedene Konzerne tätig - hätten ihn daran gehindert, trug er vor. Sein damaliger Bündnispartner indes, DSB-Präsident Manfred von Richthofen, saß in Chemnitz in der ersten Reihe. Er steckte Trögers verbale Backpfeifen ein. Seither hat sich das Verhältnis zwischen Richthofen und Bach abgekühlt. Überhaupt hat sich Bach im deutschen Sport ziemlich isoliert. Wenngleich es viele Gefolgsleute gibt, die seinen Aufstieg als Ja-Sager an Samaranchs Hof mit unterwürfigem Beifall begleiten.Zu sagen, Bach wäre 1991 ins IOC gewählt worden, trifft nicht den Kern. Das Gremium hat ihn, wie üblich, lediglich kooptiert - nachdem Willi Daume den Platz für seinen jungen Zögling geräumt hatte. Der Dank an Daume fiel spärlich aus, so dass der große Olympier, der 1996 starb, zuletzt nicht mehr gut auf seinen Nachfolger zu sprechen war.Samaranchs neuer Stellvertreter genießt den Ruf eines gründlichen Arbeiters. Bach werkelt in einer Grauzone zwischen Sport, Wirtschaft und Politik. Interessenskonflikte oder gar die Verquickung von Ehrenamt und Privatgeschäft weist er stets von sich und beruft sich dabei auf "international übliche Ethikstandards". Unter Funktionären erntet meist ein Grinsen, wer nach Bachs angeblich so segensreichem Wirken fragt. Unter Sportlern gilt er als Mann der Industrie, in Wirtschafts- und Politikkreisen als Mann des Sports. Sein wirkliches Feld aber ist das Niemandsland.Wie hat Fecht-Olympiasieger Arnd Schmitt, langjähriger Aktivensprecher des DSB, einmal formuliert? "Was Thomas Bach, der sich als Anwalt der Athleten bezeichnen lässt, für seine Klientel erreicht haben will, ist nicht nur mir bis heute verborgen geblieben." Am Mittwoch in Sydney hat Bach nichts dafür tun müssen, die Unklarheiten auszuräumen. Denn ein Wahlprogramm wird im IOC noch immer nicht verlangt.