Im Norden der Niederlande werden Ampeln und Verkehrszeichen abgebaut. Seitdem gibt es kaum noch Unfälle: Die Schilderstürmer von Friesland

GRONINGEN. Der alte Mann an der Hauptstraße von Makkinga will keine Ampel mehr sehen und kein Verkehrschild. "Seit die Dinger weg sind", sagt er, "seitdem passiert nichts mehr". Keine toten Fahrradfahrer mehr und keine schwerverletzten Fußgänger. "Es ist schon viel Verkehr hier, zwischen der Schule und der Ecke da ", sagt er mit einer ausholenden Handbewegung, und zur Bestätigung donnern zwei Tanklaster vorbei, "aber es passiert nichts mehr. Nicht mal `ne Delle in einem Auto".Makkinga ist ein kleiner Ort in Friesland, im Norden der Niederlande. Bis vor ein paar Jahren bestand das Dorf im Wesentlichen aus einer Straßenkreuzung mit Durchgangsverkehr. Vier riesige Ampelanlagen beleuchteten den täglichen Stau, alle paar Wochen zog das Rote Kreuz einen Dorfbewohner unter einem Lastwagen hervor. Irgendwann beschloss der Gemeinderat, dass sich etwas ändern müsse. Statt wie bisher nach jedem Unfall neue Schilder aufzustellen, bauten sie nun die Verkehrszeichen ab. Radikal. Keine Ampel mehr, kein Vorfahrtsschild, nicht einmal mehr Parkverbote. Selbst die Bordsteine wurden abgesenkt, bis sie sich nur noch wenige Zentimeter von der Straße abhoben. Das war vor neun Jahren. Seit neun Jahren gab es in Makkinga keinen Unfall mehr.Autofahrer sind vernünftig"Wir haben den Menschen die Verantwortung zurückgegeben", sagt Henk Veenstra. Er ist Verkehrsplaner der Provinz Friesland. In seinem Büro am Tweebaksmarkt in Leeuwarden stapeln sich die Skizzen für neue schilderfreie Kreuzungen in der Region um Groningen. 30 friesische Dörfer haben das Modell Makkinga bereits kopiert, selbst in Städten wie Drachten und Groningen wird der Schilderwald gelichtet. Die Unfallzahlen sind um 90 Prozent gesunken.Veenstra ist selten im Büro. Meist ist er in Dörfern unterwegs, um die Bewohner von seinen Ideen zu überzeugen. Er ist ein knorriger Mann, Ende vierzig, Vollbart, braune Cordhose, Lederjacke. Einer, den die Leute ernst nehmen, weil er glaubt, was er sagt. In Makkinga stellt er sich mitten auf die Straße, links und rechts rollen Lastwagen vorbei, langsam, wie es sich gehört. "Wenn es keine Schilder gibt", erklärt der Verkehrsplaner, "reagieren die Leute auf die natürliche Umgebung, schätzen die Situation ein und verhalten sich danach". Autofahrer sind vernünftiger, als Verkehrsplaner früher dachten."Bisher war es doch so", sagt Veenstra, "wenn es ein Problem gab, dann hat man nach dem Staat gerufen und der hat ein neues Verkehrsschild aufgestellt". Bis man gemerkt habe, dass es nichts bringt. "Jetzt reißen wir die Schilder raus und haben Erfolg damit.""Shared Space" heißt das Konzept, das der Groninger Verkehrsplaner Hans Monderman von der Keuning-Stiftung entwickelt hat: Fußgänger, Radfahrer und Autofahrer teilen sich die Straße. Kern des Konzeptes ist, dass niemand Vorrechte hat. "Wer weiß, dass er Vorfahrt hat, der zieht durch", sagt Monderman-Schüler Veenstra, "und wer weiß, dass er aufpassen muss, der passt eben auf".In der nahen Kleinstadt Drachten führt der Verkehrsplaner vor, was er meint. Vor drei Jahren hat er die zentrale Kreuzung am Ortseingang umgebaut. Die Ampeln ließ er abschrauben, die Schilder entfernen und stattdessen einen Kreisverkehr mit Rasenberg in der Mitte angelegen. Plötzlich stapft Veenstra los, geht mitten im Verkehrsgewühl über die erste Zufahrtsstraße, ein kurzes Stück auf dem Gehsteig, dann über die nächste Straße, zweimal ganz herum. Vor und hinter ihm kreuzen Fahrradfahrer, Autos und Lastwagen. So wie Veenstra nie anhält, bleibt auch keines der Fahrzeuge stehen. Der Verkehr fließt. Langsames Fahren statt Stop and Go.Am Anfang hätten die Leute schon protestiert, sagt Henry Frieswijk von der Stadtverwaltung Drachten und zieht dabei unwillkürlich den Kopf ein. Es gab erboste Briefe: "Das war ein Schock für viele, so ohne Verkehrszeichen." Doch inzwischen haben sich die Drachtener daran gewöhnt und die Stadt will nun auch an anderen Kreuzungen abrüsten. "Uns geht es darum, die Staus loszuwerden", sagt Frieswijk. "Ohne Verkehrszeichen fahren die Leute langsamer, aber sie kommen zügiger durch die Stadt." In Drachten regt sich keiner mehr auf. Auch wenn nicht alle immer zufrieden sind. "Als Fußgänger komme ich mit dem neuen Konzept zurecht," sagt eine Passantin, "aber mit dem Fahrrad hab ich Angst, da mach ich lieber einen Umweg hinten ums Rathaus."Henk Veenstra kennt diese Reaktion: "Das ist gut so", sagt er kühl, "Verkehr ist nun mal lebensgefährlich, das wird zu oft vergessen." "Shared Space" verlange eben allen etwas mehr Selbstverantwortung ab, nicht nur Autofahrern. Und weil er gerade beim Thema ist, zieht er über all die verkehrsberuhigenden Maßnahmen her, über Holperschwellen und sechskantige Blumenkübel auf der Straße. "Solche künstlichen Hindernisse schaffen bei Autofahrern das Gefühl, dass man sie ärgern will, dass man sie aus den Ortschaften raus haben will." Das schüre bloß Aggression.In Oosterwolde hat Veenstra einen Bolzplatz so anlegen lassen, dass ein Eck davon zehn Meter in die Kreuzung ragt. Kein Zaun, keine Schilder, nur ein Bordstein trennt den Straßenverkehr von den Kindern. Das war nicht leicht durchzusetzen, vor allem die Eltern waren anfangs entsetzt. Auf Bürgerversammlungen mussten Veenstra und seine Leute zähe Überzeugungsarbeit leisten. "Wenn Sie als Autofahrer spielende Kinder sehen, dann gehen Sie automatisch vom Gas und passen auf", hat der Verkehrsplaner den Bewohnern immer wieder versichert, "man muss nur dafür sorgen, dass die Gefahren gut sichtbar sind".Trotzdem hätte Henk Venstra in Oosterwolde wohl auf Granit gebissen, wäre da nicht die Erfolgsgeschichte von Makkinga gewesen. "Das war ein Glücksfall", sagt er. Makkinga war einer dieser Orte, die vom Durchgangsverkehr zerstört wurden. "Das Dorf war kaputt." Viele Familien mit Kindern zogen wegen des unerbittlichen Verkehrs weg, die Alten trauten sich zum Einkaufen kaum noch aus der Tür. Die Häuser entlang der Hauptstraße kamen immer mehr herunter, niemand wollte die abgasverrußten Fassaden renovieren. Den Leuten blieb so wenig Hoffnung auf Veränderung, dass sie schließlich reif waren für eine radikale Lösung: "Wir haben mit den Bürgern gemeinsam überlegt, was man machen kann", erzählt Veenstra. "Und wenn die Bürger erstmal mitmachen, kann auch die Politik nicht mehr raus."Heute ist Makkinga wieder ein nettes friesisches Dorf. In der Dorfmitte, wo ein öder Parkplatz war, stehen Parkbänke um den neu angelegten Dorfbrunnen. Einer zum Pumpen, fast schon kitschig. Die Bewohner haben die Fassaden renoviert und fahren mit dem Fahrrad zum Einkaufen, wie es sich für ein niederländisches Dorf gehört.Das Konzept scheint also aufzugehen. Auch wenn nicht alle Ortschaften die Verkehrszeichen so radikal abbauen, der Trend ist eindeutig: "In fünf, sechs Jahren wird es in ganz Holland keine Schilder mehr geben", glaubt Veenstra, "abgesehen von den Autobahnen."------------------------------350 Euro für jedes neue SignalAuf deutschen Straßen und Plätzen gibt es rund 20 Millionen Verkehrsschilder. Der Automobilverband hält gut ein Drittel davon für überflüssig. Dabei koste es den Steuerzahler 350 Euro, wenn ein neues Schild aufgestellt wird.Das EU-Verkehrsprojekt "Shared Space", das der holländische Verkehrsplaner Hans Monderman entwickelt hat, setzt statt auf Schilder auf freiwillige Vereinbarungen zwischen den Verkehrsteilnehmern. Holland ist absoluter Vorreiter im Schilderabbau.Die Gemeinde Bohmte nahe Osnabrück in Niedersachsen will als erste deutsche Gemeinde schilderfrei werden. Bis 2008 sollen dort zwei große Kreuzungsbereiche und ein hundert Meter langer Straßenabschnitt nach Mondermans Plänen umgebaut werden. Die Hälfte der Kosten trägt dabei die EU.Die Autofahrer in Deutschland sind mit den vielen Verkehrszeichen extrem unzufrieden, wie 2005 eine Umfrage von 15 europäischen Automobilclubs bei 15 000 Verkehrsteilnehmern in verschiedenen Ländern ergeben hat:------------------------------"Wir haben den Menschen die Verantwortung zurückgegeben." Verkehrsplaner Henk Veenstra------------------------------Grafik: Zu viele Verkehrszeichen?------------------------------Foto: Eine Kreuzung in der holländischen Ortschaft Oudehaske. Fußgänger, Radfahrer, Autos und Lastwagen sind gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer.------------------------------Foto: Der berüchtigte deutsche "Schilderwald": hier in Darmstadt.