Die Mundwinkel hängen tiefen über dem Kinn. Der mürrische Gesichtsausdruck verläßt das einstige Politbüro-Mitglied Günter Schabowski auch nicht, als er seine Erklärung abgibt und erneut eine moralische Mitschuld an den Toten an der deutschen Grenze einräumt. Es ist der 106. Verhandlungstag in diesem Prozeß, in dem die Verantwortung des SED-Politbüros an den Todesschüssen geklärt wird. Knapp eineinhalb Jahre sind vergangen, seitdem der 68jährige erstmals das Wort ergriffen hat und dann in ein langes Schweigen versunken ist. An diesem Donnerstag knüpft er an sein erstes Statement an."Als einstiger Anhänger und Protagonist dieser Weltanschauung empfinde ich Schuld und Schmach bei dem Gedanken an die an der Mauer Getöteten", betont der frühere ND-Chefredakteur. "Ich bitte die Angehörigen der Opfer um Verzeihung." Die Worte klingen ehrlich. Sie heben den jetzigen Redakteur, der sich in Hessen niedergelassen hat, von den Mitangeklagten ab, die sich dazu bislang nicht durchringen konnten.Und doch hinterlassen die Ausführungen zwiespältige Gefühle. Schabowskis Ziel ist offenkundig. Er geht davon aus, daß er verurteilt wird und bittet um Milde. Auch legt vieles in seiner Erklärung den Schluß nahe, daß er sich zwar die Frage nach der eigenen Verantwortung stellt, sie aber noch nicht abschließend beantworten kann ­ oder will. Etwa wenn er die Rolle des Politbüros im DDR-Machtgefüge beschreibt. Eine "ideologische Richtlinieninstanz" sei es gewesen, aber "kein Machtorgan mit Exekutivgewalt", sagt er. Wie vor ihm schon Krenz weist Schabowski dem Generalsekretär, "die geheiligte Person", die politische Macht zu.Den Vorwurf des Totschlags weist der 68jährige zurück. "Wir haben keine Tötungen gefordert und gebilligt", betont er. Er sei immer davon ausgegangen, daß die Schüsse gesetzlich geregelt gewesen sei. Bei Toten habe er geglaubt, die Grenzsoldaten hätten in Notwehr gehandelt. Und daß die Flüchtlinge teils mit Dauerfeuer getötet wurden, will er, der die Westpresse tagtäglich auf den Tisch bekam, nicht gewußt haben. Im Widerspruch dazu stehen Sätze wie: "Wir haben die Vorkommnisse abgebucht unter der Rubrik Opfer des Klassenkampfes" und "Jeder Grenzzwischenfall war für uns Bestätigung, daß das Regime so bestehen bleiben mußte, wie es war."Nachdenklich verfolgt Horst Schmidt, dessen 20jähriger Sohn 1984 auf der Flucht erschossen wurde, die Aussage. "Schabowski ist der erste, der sein Bedauern ausspricht, bisher habe ich nur Kaltschnäutzigkeit erlebt", sagt er. "Aber ich glaube ihm nicht alles."