BRISBANE. Sie kommen pünktlich, denn es gibt etwas zu essen. Und sie kommen aus allen Richtungen. Der kleine Platz mit hölzernen Sitzbänken, an dem eine Treppe zum Strand hinunterführt, füllt sich rasch. Es sind arme Menschen, von denen viele kein Zuhause haben und die Spuren des Schicksals auf dem Gesicht und in der Seele tragen. Der rastlos umherlaufende David etwa, dessen Kappe das Logo einer Immobilienfirma trägt. Oder Rob, ein deutschstämmiger Staatenloser mit finsterer Miene, der keinen Pass mehr besitzt. Auch Ben, mit einer goldenen Halskette über dem Sweat- shirt, gesellt sich hinzu. Er ist mit 15 Jahren der Jüngste, will weg von Zuhause und einfach nur mit jemandem reden. Obdachlosigkeit hat viele Gesichter.Der Platz mit den Holzbänken liegt an der Esplanade von Surfers Paradise. Es ist das größte Feriendomizil an der australischen Ostküste, 80 Kilometer südlich von Brisbane.Wellenreiter finden hier beste Bedingungen. Mit Wolkenkratzern, die sich am schnurgeraden, goldgelben Sandstrand reihen, wirkt "Surfers" wie eine verkleinerte Kopie von Miami Beach in Florida. In den Hotels und Appartementhäuser zahlen Touristen aus Asien, Nordamerika und Europa oft hunderte Dollar für nur eine Nacht. Abends kommen Teens und Twens, die sich betrinken und den Armen mitleidige Blicke zuwerfen.Gescheiterte ExistenzenAustraliens Arbeitslosenquote ist in den vergangenen Monaten auf einen neuen Tiefstand gesunken. Genügend Gründe, das Obdach zu verlieren, gibt es dennoch. Mit Kindesmissbrauch und häuslicher Gewalt fängt es oft an. Unverantwortlich handelnde Eltern schicken 13- oder 14-jährige Kinder auf die Straße. Drogen und Alkohol erledigen den traurigen Rest. Erschwerend hinzu kommt der eklatante Wohnungsmangel: 21 Millionen Menschen leben im Einwanderungsland Australien, alle drei Jahre kommt eine weitere Million hinzu. Doch der Wohnungsbau wurde sich selbst überlassen.In "Surfers" warten sie auf die Rosies, eine katholische Hilfsorganisation mit einem rotweißen Lieferwagen, die Arme und Obdachlose mit Essen und Getränken versorgt. "Wie spät ist es?", fragt Carol, eine dunkelblonde Frau um die vierzig in schwarz-weißer Trainingshose und rosa Pulli verstört in die Runde, als die Helfer nach einer Viertelstunde noch nicht auszumachen sind. "Ich hab' sie hier schon mal um halb neun gesehen", verkündet Marc, der am ganzen Körper tätowiert ist und "ein kleines Alkoholproblem" hat, wie er eingesteht. All seine Gedanken kreisen um seinen einjährigen Sohn, der in ein Pflegeheim gekommen ist, weil die Mutter zu ihrem Freund zog. "Ich weine mir die Augen aus", sagt der 48-Jährige mit einer viel zu kurzen Jeans. Wo er denn wohne? "Im Moment nirgendwo", flüstert er.Nach dem Kalender hat der Frühling begonnen. Aber noch weht ein kalter, stürmischer Wind. In blauer Ferne, über dem Pazifischen Ozean, blitzen Gewitter auf. Und weil die Rosies sich weiter verspäten, macht Carol, die nach der Trennung von ihrem Mann in einem Motel am Highway unterkam, ihrem Ärger Luft: Dort herrsche Chaos, erzählt sie. Ein Mitbewohner habe die Gemeinschaftsräume verwüstet. Schmutziges Geschirr, zerbrochenes Glas, CDs und DVDs. "Er hat alles durcheinander geschmissen", schimpft sie und reißt die Augen hinter den kreisrunden Brillengläsern weit auf.Carol redet sich in Rage. Doch in diesem Moment treffen die Rosies ein. Es sind junge, enthusiastische Helfer, vier Frauen und zwei Männer. Sie haben ein halbes Dutzend Schachteln Pizza mitgebracht. Jeder nimmt sich ein Stück, schnell sind die Schachteln leer. Danach gibt es fleischbelegte Brote, Suppenpulver in Tüten, Kuchen und Muffins. Gespendet von Bäckereien und Imbissen der Nachbarschaft. Als einziges Getränk gibt es Milo, eine Mischung aus Kakao und Kaffee. Nicht gerade die gesündeste Ernährung also, ohne Obst und Säfte. Doch sie entspricht weitgehend dem Lebensstil der australischen Mittelschicht. Immer dienstags, freitags und samstags stoppt der Bus der Rosies an der Strandpromenade. An den anderen Tagen sind die Hungrigen weitgehend sich selbst überlassen. Zwar gibt es andere Organisationen, die sich um die Armen kümmern - ein System ist aber nicht zu erkennen.Seit Jahren misslingen Versuche australischer Regierungen, das wachsende Problem in den Griff zu bekommen. Premier Bob Hawke versprach zwar vor 20 Jahren, kein Kind müsse künftig in Armut leben. Tatsächlich verdoppelte sich die Zahl obdachloser Jugendlicher unter seinem Nachfolger John Howard. Nun nimmt der neue Premier Kevin Rudd einen neuen Anlauf. Er hat einen besonderen Zugang zu dem Thema: Als Elfjähriger, nach dem Tode seines Vaters, war Rudd selbst obdachlos. Die Familie verlor ihre Farm und musste zeitweise im Auto übernachten.In einem Honda schläft auch Bobby Lee, seit 15 Jahren schon. Trotz stürmischen Wetters trägt er nur eine dünne Regenjacke, Shorts und Badelatschen. Die kalten Nächte haben an seinem Körper sichtbare Spuren hinterlassen: Hautekzeme, Rötungen, Erfrierungen. Der 56-Jährige schleppt einen Husten mit sich, seine Atemwege sind angegriffen. Dabei hatte sein Leben in Australien hoffnungsfroh begonnen. Aus Malaysia stammend, studierte er Grafik-Design und arbeitete für zwei weltbekannte Unternehmen der Werbebranche. Doch mit dem Versuch, eine eigene Firma zu gründen, verlor Bobby Lee sein Geld. Und zugleich den Glauben an sich und die australische Gesellschaft."Obdachlose sehen nach wenigen Jahren wie Zombies aus", meint Rosies-Helfer Damien. Das Leben im Freien frisst sich in die Gesichter. Rob, der eigentlich einen deutschen Vornamen hat, ist ein Beispiel dafür. Sein Gesicht ist fahl und grau. An allen Fingergliedern hat er große Narben. Rob erzählt wirre Geschichten von einer Militärkarriere in europäischen Ländern und redet von sich als verkapptem Nazi, "einen höheren Rang als Hermann Göring" habe er gehabt. Er schläft in Busbahnhöfen und Shopping Malls.Kühle HelferWesentlich glaubhafter ist die Geschichte, die David, der gerade noch ein paar Sandwiches in seiner blauen Kühltasche verstaut, zu erzählen hat. Als Baby kam er in ein Pflegeheim, seine Adoptiveltern hätten Papiere gefälscht. Später wollte er Polizist werden - doch man ließ ihn nicht. Seit fast 20 Jahren lebt er auf der Straße. An Weihnachten 2001, am Brisbane River, wurde er Opfer eines brutalen Überfalls. "Jemand ist auf meinen Kopf gesprungen. Auf dem linken Ohr höre ich seither nichts mehr." An Feiertagen ist der Hass auf Obdachlose besonders groß.Während David sein verpfuschtes Leben preisgibt, geht die Verkostung an der Strandpromenade weiter. Neue Gestalten tauchen am Bus der Rosies auf. "Jeder ist willkommen", steht auf der Tür des Lieferwagens. Die Helfer verteilen Brote, doch die Lebensgeschichten der Armen scheinen sie nicht zu interessieren. Ihre Hilfsbereitschaft hat Grenzen. "In allen Ländern gibt es eben ein paar Leute, die unten durchfallen", sagt Matt, als wolle er deren Schicksale nicht an sich heranlassen. Kürzlich seien er und andere Helfer angegriffen worden, Drogen seien schuld daran: "Wir sind in den Bus gestiegen und haben von innen verriegelt."Abrupt endet die Verkostung auch an diesem Abend. Ohne sich zu verabschieden, klettern die Helfer zurück in ihren Bus. "Die Zeit ist um", ruft einer. Schnell brausen sie davon und lassen die Schar Hilfesuchender zurück in der kalten, stürmischen Nacht.------------------------------Wirtschaft und SozialesObdachlose: Die Zahl junger Australier ohne Obdach verdoppelte sich seit Anfang der 90er-Jahre auf rund 100 000. Etwa die Hälfte von ihnen ist jünger als 25 Jahre.Wirtschaft: Seit 17 Jahren wächst die Wirtschaft mit etwa drei bis vier Prozent. Die Arbeitslosigkeit liegt um vier Prozent.Das Sozialsystem ist steuerfinanziert. Recht auf Sozialleistungen hat nur, wer mindestens zwei Jahre im Land lebt und eine Daueraufenthaltsgenehmigung hat. In der Regel sind die Leistungen deutlich niedriger als in Deutschland.------------------------------Karte: Australien, Bondi Beach, Surfers Paradise------------------------------Foto: Touristen spazieren die Promenade von Bondi Beach bei Sydney entlang, in den Uferfelsen campieren Obdachlose.