Eugene O'Neill, der amerikanische Strindberg, erhielt 1936 den Literaturnobelpreis für seine damals schon fast dreißig Stücke. Verdient hätte er die Auszeichnung allein schon für aphoristische, zeiterhellende Bemerkungen wie diese: "Denn in Wahrheit bin ich der Überzeugung, daß nur eine Reform Jubel verdient - und das ist eine zweite Sintflut." Hier ist O'Neills Werk und Lebensicht im Kern gefaßt.Seine Dramatik ist stark autobiographisch gefärbt. Der Autor starb zerrüttet 1953, letztlich an übermäßigem Alkoholkonsum, und hinterließ mehrere unfertige Werke, die zu spielen er testamentarisch verbot.Im Renaissance-Theater hatte am Sonnabend das eigentlich neunstündige, aus dem Nachlaß herausgegeben Werk "Alle Reichtümer der Welt" in einer Zweieinhalbstundenfassung Premiere. Gerhard Klingenberg wählte das Stück für seine Abschiedsinszenierung als Intendant.Wie in Eugene O'Neills Drama "Fast ein Poet", das erst im Oktober vorigen Jahres Premiere hatte, spielt das wunderbare "Relikt", die Dame Elisabeth Orth, die Hauptrolle. Alter West-Berliner Schauspielerinnenadel mit gediegener, feiner, emphatischer, bürgerlicher Ausstrahlung, der auf der Bühne niemals zotig und niemals direkt politisch werden könnte. Für diese Generation ist das Renaissance-Theater letzte Heimat, Bühnenkunst nach Art der sechziger Jahre. Das hat auch Reiz.Elisabeth Orth ist Deborah Harford, eine alternde, vereinsamte, hochintelligente und verrückte amerikanische Industriellenwitwe aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, die mit ihrer Schwiegertochter Sara um die Macht über Sohn, Ehemann und Firmenchef Simon kämpft. Deborah flieht am Ende der amerikanischen Familiensaga, in der alle Seelen geschlachtet werden, in den Suizid. Simon verliert jegliche Lebenskraft, und Sara gelangt dorthin, wo Deborah immer war, in das Alleinsein.Sieht man von der feinen, wissenden, psychologisierenden Spielweise der Elisabeth Orth ab, erlebten wir so etwas wie Edel-"Dallas". Benedict Freitag als Simon war bemüht, schön, böse und gefährlich auszusehen, wo er die Sau hätte rauslassen müssen. Auch Claudia Wenzel als Sara scheute die tiefe, harte Verbindlichkeit ihrer machtgierigen Figur, bot die Nettigkeit der jungen Frau in den besseren Büroetagen.Und die Inszenierung Gerhard Klingenbergs kanalisierte O'Neills Sintflut-Gedanken in verbrauchbare, betuliche Biederkeit. Alle Wassermassen flossen ab.Also getröstet begab sich das Publikum nach kurzem Beifall wieder nach Hause, um am nächsten Morgen in seinen Boutiquen, Apotheken und Handwerksbetrieben selber zu erleben, was O'Neill beschrieb. Das Gefangensein.Detlef Friedrich Täglich bis 19. April. Kassenruf 3 12 42 02. +++