Mit diesem Ort verbinden sich angenehme Erinnerungen. Ende 1995 eröffnete in dem Eckhaus an der Oderberger Straße das Restaurant "Rosenbaum", in dem man gemütlich sitzen und vorzüglich französisch essen konnte. Es gab Fisch und Wild und saftig zarte Poularde. Irgendwann machte der "Rosenbaum" dicht, und nach dem Intermezzo eines Mexikaners zog vor anderthalb Jahren das "Bernstein" ein, das sich bis heute behaupten kann. Leicht ist das sicherlich nicht. Das Kneipenviertel rund um den Kollwitzplatz ist nur wenige Schritte entfernt und zieht das Massenpublikum ab. In der Kastanienallee, die die Oderberger Straße kreuzt, haben seit "Rosenbaums" Zeiten zahlreiche Restaurants, Bars und Kneipen eröffnet. Die Kulturbrauerei gegenüber wurde aufgemöbelt und beherbergt seit April die Weißbierhalle "Leopolds" mit gut tausend Plätzen. Da muss man sich etwas einfallen lassen. Das "Bernstein" versucht es mit Allerlei zu zivilen Preisen. Klaus Müller, der vorher acht Jahre lang als Chefkoch im Szenetempel "1900" am Kollwitzplatz gearbeitet hat, bietet am Freitag frischen Fisch und am Wochenende Brunch. Rührei mit Tomaten steht neben Mozzarella mit Tomaten auf der Karte. Eine Zwiebelsuppe mit Käsecroûtons findet sich ebenso wie Berliner Kartoffelsuppe mit Wiener Würstchen. Man kann Spinat-Zucchini-Champignon-Lasagne haben und Kasslersteak mit Zwiebeln, Äpfeln und Kartoffelgratin. Gegen solche Vielfalt ist nichts einzuwenden, obwohl es immer etwas misstrauisch macht, wenn die Küche behauptet, alles gleich gut zu können. Wir erleben zwei unterschiedliche Tage im "Bernstein". An einem Montagabend ist der Service zuvorkommend und das Essen nicht schlecht. Gegen den Kräuterquark mit Gemüsestiften (8,50 Mark) als Vorspeise kann man nichts einwenden, bei den Räucherlachsstreifen auf Salat (14,50 Mark) stört höchstens das allzu dominierende Senfdressing. Die gemischten Pilze (14,50 Mark) von der Tageskarte sind in in Ordnung, die Rinderfiletsteaks (26,50 Mark) dagegen noch arg blutig. Umgeben mit Champignons und Bratkartoffeln und garniert mit größeren Stücken Geflügelleber ruft das Gericht ein gewisses Völlegefühl hervor. Unter "Unsere Sattmacher" ist es zu Recht auf der Speisekarte rubriziert. An Kleinigkeiten merkt man bald, dass Perfektion nicht zu den Stärken des Hauses zählt. Der Pastis kommt mit Wasser aufgefüllt an den Tisch, eine Prozedur, die der Gast lieber selbst vornimmt. Der Chateauneuf du Pape ist viel zu warm, was offensichtlich daran liegt, dass die Rotweinflaschen zur Dekoration auf dem stattlichen Tresen stehen und draußen Sommer ist. Am Nebentisch fordert ein junger Mann nachdrücklich Eisstücke für seinen Drink. Beim zweiten Besuch an einem frühen Sonntagabend wird der Eindruck des Unvollkommenen zur Gewissheit. Die junge Kellnerin duzt aufdringlich ("Was kann ich euch denn bringen"), und was sie dann bringt, wird in jeder Kantine besser geboten. Auf dem italienischen Vorspeisenteller kugeln öde Oliven zwischen lustlos hingeworfenen Gemüsescheiben, ungewürzten Tomaten und fadem Mozzarella. Die drei Personen, die sich das Gericht teilen wollen, erhalten keine Teller, so dass sie mit ihren Gabeln über der Tischmitte hakeln müssen. Die Roulade ist außen warm und innen heiß - eine Erscheinung, die man vom Aufwärmen in der Mikrowelle kennt. Bei den Schweinemedaillons in Eihülle schwimmen die Spaghetti in einer wässrigen Tomatensoße und sind weich und ungesalzen. Der Blick in den Brotkorb schließlich führt zum Zusammenbruch. Trockene Schwarzbrotscheiben krümmen sich neben alten Brötchenhälften. Warum nur tut man Gästen so etwas an?Adresse: Oderberger Str. 61, Prenzlauer Berg, Tel. : 4404 9329 Öffnungszeiten: Mo-Fr 17-1 Uhr, Sa/So 10-1 Uhr Karten: Visa, AmexWeitere Restaurantkritiken: http://www. berlinonline. de/kultur/essen_und_trinken