Alles Erfindung!" Gerhard Schlotters Fazit fällt nüchtern aus. Immer wieder schüttelt der Architekt den Kopf, wenn er durch die Räume des Schlosses Köpenick geht und sich die Stuckdecken anschaut. Lorbeerkränze, Arkanthusblätter, Putten, Schwerter und Wappen . Prunkvoll, aber unecht. Schlotter, der seit 1994 für die Sanierung des Schlosses zuständig ist, hat das Ergebnis einer Rekonstruktion aus den 60er-Jahren vor sich - eine Art Nach- oder Verbesserung ohne Rücksicht auf die historische Wahrheit. Denn die Stuckdecken im Barockschloss waren beim Bau allesamt in schlichtem Weiß gehalten, von anderen Farben gar keine Spur. "Was nachträglich bepinselt wurde, entbehrt jeder Grundlage und ist frei erfunden", sagt Schlotter. Nun sollen Restauratoren die Fehler ihrer Berufskollegen aus vergangenen Jahrzehnten korrigieren. Die Farbe kommt weg, das Blattgold ebenfalls. So weiß wie zur Eröffnung des Hohenzollernschlosses im Jahr 1681 sollen die Decken wieder werden. "Preußen war immer auf Zurückhaltung bedacht", sagt Schlotter. Für ihn und seine Leute ist die Restaurierung der 29 Stuckdecken eine große Herausforderung. Nicht zuletzt deshalb, weil der vom italienischen Meister Giovanni Caroveri seinerzeit aufgebrachte Stuck für die Region Berlin-Brandenburg einzigartig ist. "So etwas gibt es im nordöstlichen Raum der Bundesrepublik kein zweites Mal", sagt Schlotter. Allerdings fand sich in der Region auch kein Experte, der sich mit der Restaurierung derartiger Decken auskennt. Nach mehreren Telefonaten stießen die Bauleute schließlich auf Oskar Emmenegger, den früheren Chefrestaurator von Zürich. Der Professor hatte in der Vergangenheit vor allem an Bauwerken im Schweizer Rheintal gewirkt. "Caroveri kennt er in- und auswendig."Inzwischen hat Emmenegger für die Stiftung Preußischer Kulturbesitz den Stuck begutachtet. Zwei Monate lang zog er mit einem rollenden Gerüst von Raum zu Raum, oft bis zu zwölf Stunden am Tag. Arbeit gab es reichlich. Immerhin war der Gips an einigen Stellen bis zu sieben Mal mit Farbe überzogen worden. "An einigen Stellen wurden sogar Anstriche verwendet, die schädlich für den Stuck sind", sagt Schlotter. Und genau das macht die Arbeiten an dem Stuck, die zurzeit europaweit ausgeschrieben werden, schwierig und teuer. Rund drei Millionen Mark dürfte es kosten, die Figuren und Allegorien freizulegen. Noch ist nicht abzusehen, wann der Stuck restauriert ist. Zunächst hatte es geheißen, dass sich wegen der aufwändigen Arbeiten der Wiedereinzug des Kunstgewerbemuseums - die Einrichtung nutzt das Schloss für Ausstellungen - verzögern würde. "Soweit sind wir aber im Zeitplan", sagt Architekt Schlotter. Seit Jahren sei bekannt, dass das Haus im Spätsommer 2002 bezugsfertig ist. "Das bleibt auch so", sagt er. Womöglich könnten die Restaurierungsarbeiten dann noch andauern. "Die können aber auch bei laufendem Betrieb ausgeführt werden." Dabei entstünde sogar ein besonderer Effekt. "Besucher könnten den Restauratoren über die Schulter schauen."Mittlerweile sind rund 80 Prozent des Schlosses saniert. Zurzeit werden die neuen Innenfenster eingesetzt. Im Keller sollen Aufenthaltsräume für die Mitarbeiter des Kunstgewerbemuseums und ein behindertengerechter Zugang entstehen. Die Außenfassade ist bereits verputzt und erhält einen gelben Anstrich. Rund 100 Millionen Mark kostet das Vorhaben. Bis auf kleine Arbeiten ist auch die dazugehörige Schlosskapelle fertig, die bereits im Dezember mit einem Gottesdienst eröffnet wurde.Wohnsitz und Museum // Schloss Köpenick wurde 1677 bis 1681 auf dem nördlichen Teil der in der Dahme gelegenen Schlossinsel auf Geheiß von Preußenkönig Friedrich I. gebaut.Der barocke Profanbau hat eine bewegte Geschichte hinter sich: Erst Wohnsitz Friedrich I. , danach Domizil für Angehörige der preußischen Könige, später Privatbesitz einer Grafenfamilie und von 1851 bis 1926 Lehrerseminar. 1963 zog das Kunstgewerbemuseum der DDR ein.Die 100 Millionen Mark teure Sanierung begann 1994 schrittweise. Seit März 1998 ist das Museum im Schloss für Besucher gesperrt. Die Ausstellungsstücke des Kunstgewerbemuseums sollen im Spätsommer 2002 zurückkommen.BERLINER ZEITUNG/WULF OLM Der Wappensaal des Schlosses: Die farbigen Verzierungen des Stucks sollen verschwinden. Die Elemente sollen ihr schlichtes Weiß zurück erhalten.