Schauplatz einer ungewöhnlichen Konfrontation ist zur Zeit das Schnütgen-Museum Köln. In der romanischen Cäcilienkirche begegnen sich "Joseph Beuys und das Mittelalter". Die Ausstellung will zeigen, wie sich der christliche Glaube des Mittelalters und die Gläubigkeit von Joseph Beuys auf einer spirituellen Ebene treffen.Die Ausstellungsmacher verfolgen damit ein Experiment; und gerade ein Unternehmen dieses Anspruchs erfordert ein verständliches Ordnungssystem. Als klare Gliederung, dem Thema und Ort angemessen, bietet sich das Kreuz an. Es ermöglicht den gewagten Brückenschlag zwischen Beuys und dem Mittelalter. Markante Endpunkte der Längsachse bilden in der romanischen Apsis der Cäcilienkirche Beuys' "Halbiertes Filzkreuz mit Staubbild ,Magda`" und im gegenüberliegenden Westwerk die Installation "Ich glaube (Io credo)", 1960/85. Mit dem Halbkreuz aus Filz forderte Beuys zur Ergänzung auf; in Gedanken entsteht das als Symbol des Heilstodes bekannte lateinische Kreuz. Der Betrachter nimmt teil an einem künstlerischen Prozeß. So erfüllt er die Parole von Beuys: "Jeder Mensch ist ein Künstler." Die Arbeit "Ich glaube (Io credo)" dagegen erschließt sich nicht durch den bloßen Anblick. Zum einen zielt sie mit ihren 19 auf Schwefelpulver angeordneten Orangen im Eisenkasten auf eine Deutung im Sinne der Zahlensymbolik ab. Zum anderen bietet sie Anspielungen auf die Äpfel der Hesperiden aus der griechischen Mythologie und auf den Sündenfall der Genesis. Schließlich mißt Beuys den möglichen chemischen Prozessen programmatische Bedeutung bei. Das Freisetzen von Kräften trifft seinen "erweiterten Kunstbegriff", hier speziell von der "Kunst als Batterie". Das Hauptwerk der Ausstellung ist die Beuys-Installation "Tramstop - Straßenbahnhaltestelle - Fermata des Tram - Monument für die Zukunft". Sie markiert das Zentrum des Mittelschiffs von St. Cäcilien. Auch diese Arbeit verlangt Erläuterung. Sie war als Kindheitserinnerung an einen historischen Ort und als Reminiszenz an ein künstlerisches Ereignis - die Biennale Venedig 1976 - für Beuys so etwas wie eine Reliquie. Die Straßenbahnschienen, verschiedene Teile aus Eisenguß, auch der eingeschweißte Eisentopf mit dem Ausdruck des Leidens beschwören herbe Erinnerungen. Beuys hat sie, wie er sagte, "abgelegt". Sie stehen in einer - freilich nicht auf den ersten Blick verständlichen - Verbindung zum Reliquienkult des Mittelalters. Dieser wiederum wird in den zahlreichen kostbaren Reliquiaren im Schnütgen-Museum sichtbar. Sie beschwören die Anwesenheit der Heiligen und die Kraft ihrer Fürbitte herauf. In diesem Vergleich läßt sich die Problematik der Ausstellung, die auf die "Verweisfähigkeit" der Kunstwerke baut, wohl fassen. Während nämlich der mittelalterliche Mensch die Botschaft der Bilder und Skulpturen noch ablesen konnte und sie sehr wohl verstand, bedarf das Beuys-Publikum der belehrenden Interpretation. Die Bedeutung der Materialien wie Fett, Filz, Kristall, sowie der Begriffe wie soziale Plastik, Christus-Impuls, Transformation, muß erst entschlüsselt werden. Die Kunst von Joseph Beuys erweist sich als Gedankenkunst, fast als eine Philosophie. Sie setzt auf Verbesserung der Menschheit und kritische Veränderung des Bewußtseins. "Denn so wie die Welt ist, darf sie nicht bleiben", hat Beuys gesagt. Schnütgen-Museum Köln, bis 27. 4. Di-Fr 10-17, Mi bis 20, Sa/So 11-17 Uhr. +++