Ich bin verschiedentlich gefragt worden, wie es zu der seltsamen Freundschaft gekommen ist, die mich seit dem Herbst 1968 mit Horst Janssen verband. Gemeint war mit der Frage stets, wie zwei so offenkundig unterschiedliche, nach Wesen, Temperament und habituellem Verhalten sogar höchst gegensätzliche Menschen so viel Interesse füreinander entwickeln und über Jahre hin aufrechterhalten konnten.Die Antwort liegt, schien mir immer, schon in der Frage. Tatsächlich empfanden wir uns nicht als fremd, aber doch auf anregende Weise anders. In einem Brief hat Janssen einmal geschrieben, dass unsere Verbindung den Polen einer Ellipse entspräche: Menschen mit zwei unterschiedlichen Zentren, die doch auf das gleiche Kraftfeld bezogen seien. Mich selber hatten schon seine frühen Arbeiten beeindruckt, und geraume Zeit, bevor wir uns kennen lernten, hatte ich einen der Holzschnitte erworben, die damals Furore machten. Aber der wirkliche Anfang kam Mitte der sechziger Jahre mit der Radierung "Selbst dramatisch", die mir bis heute als eines der bewegendsten Selbstporträts der zeitgenössischen Kunst erscheint: ein von Gewaltspuren und Wundmalen gezeichnetes Gesicht, in dem weit mehr als ein persönliches Leiden, gleichsam das "Ecce homo" der zurückliegenden wüsten Jahrhunderthälfte ins Bild gesetzt war.Natürlich kam bald anderes hinzu. Schon im ersten Zusehen war Janssen als ein Mensch erkennbar, wie ihn sich keine Fantasie erdenken konnte. Immer wie aufgeladen wirkend, direkt, scharfsinnig und wundersam einfallsreich, konnte er eine Kunst der Bezauberung gegenüber allen entfalten, auf deren Freundschaft oder Liebe er es abgesehen hatte. Die Generosität, die er dabei zeigte, seine Anhänglichkeit und sein Mitgefühl waren überwältigend, nicht anders als die selbstverständliche Grandezza, die er nach Laune und Belieben aufbrachte.Niemals jedoch war man ganz sicher, dass die Stimmung nicht in verwirrend plötzlichem Wechsel kippte, und er eine Rohheit und Brutalität offenbarte, die jedermann die Sprache verschlug. Diese Unberechenbarkeit vermehrte die hochdramatische Luft noch, die ohnehin um ihn war, und es gab Leute, die seine Gegenwart mieden, weil sie die hektisch flackernde Aura nicht ertrugen, die von ihm ausging. Er liebte und hasste gleichermaßen inbrünstig, und mir selber schien schon nach kurzer Zeit, er messe im Guten wie im Bösen die ganze Spanne des Menschenmöglichen aus.Einige Eintragungen vermerken denn auch den abrupten Bruch von hinreißendem zu abstoßendem Gebaren, so dass die einen, die ihn eben noch geradezu anschwärmten, im nächsten Augenblick zu zittern begannen, während er selber als einmal tyrannischer, dann wieder gnädiger Herr und Beweger des Ganzen immer neue Launen durchspielte. Oft hatte man den Eindruck, sein Schöntun bereite nur einen Ausbruch vor: Er hatte viele quälerische Bedürfnisse abzureagieren, anderen, aber vor allem sich selbst gegenüber. Zu seinen höchsten Genüssen, hat er bei Gelegenheit bekannt, zählten die Wehrlosigkeit und die hilflos suchenden Blicke derer, die in dem Glauben bei ihm aufgetaucht seien, sich auf einen Streit mit ihm einlassen zu können. Nie hat sich mir ohne Rest erschlossen, wie und warum er selbst in den halbwegs beruhigten Jahren so viel auszehrende Macht über Menschen und Gemüter gewann. Dies alles aus der Nähe zu verfolgen und überdies in Zusammenhang mit den ingeniösen Eingebungen zu bringen, die Janssens Kunst ausmachen, war ein Abenteuer, dem niemand sich entziehen konnte.Janssen wiederum hat in mir, sofern man dergleichen beurteilen kann, vor allem den unvoreingenommenen, von seinen Launen niemals eingeschüchterten Auskunftgeber gesehen. Als wir zusammenkamen, steckte er tief in der Krise, in die er seit dem Triumphzug seiner in vielen Städten gezeigten Ausstellung der Kestner-Gesellschaft (1965) sowie mit dem Preis auf der Biennale von Venedig (1968) geraten war. Wohin er damals kam, erweckte er die Faszination einer Theaterfigur: Ein Kerl von mehr als hundert Kilo Gewicht, laut und von aufbrausendem Temperament mit dem stets griffbereiten Flachmann als Tröster und Begleiter - aber zugleich mit dem zartesten Strich auf den wie hingehaucht wirkenden Körpern, Puppen und Porträts. Er sei damals, im September 1968, hat er später versichert, in vielfacher Hinsicht am Ende gewesen: mit seiner Kunst sowohl wie "mit Kopf und Körper". Wir seien uns in dem Augenblick sozusagen über den Weg gelaufen, als er mit dem Entschluss umzugehen begann, aus dem "schönen Sumpf" herauszukommen. Getrieben von dem Verlangen, die "verlorenen und verlotterten Jahre" mitsamt der "falschen" Kunst jener Zeit hinter sich zu lassen, habe sich der "größte Bruch" angekündigt, den er je vollzogen habe. "Hochkommen oder umkommen!", sei damals seine Maxime gewesen, hat er versichert, und nichts anderes habe ihn veranlasst, nach allem zu greifen, was sich bot. Womöglich hatte damit auch sein unerschöpfliches Interesse an literarischen, politischen, historischen und anderen Themen zu tun, und mitunter meinte man wahrzunehmen, wie er alles, worauf jemals die Rede kam, buchstäblich in sich hineinsog.Horst Jannsen // WURDE AM 14. NOVEMBER 1929 in Hamburg geboren. Er starb am 31. August 1995.JANSSENS MUTTER war Schneiderin. Seinen Vater hat er nie kennen gelernt. Er wuchs in Oldenburg und Haselünne auf, besuchte die Napola in Haselünne und kam später zu einer Tante nach Hamburg. Von 1945 bis 1951 studierte er an der Landeskunstschule Hamburg. Zum Durchbruch auf dem deutschen Kunstmarkt verhalf ihm 1965 eine Einzelausstellung in der Kestner-Gesellschaft Hannover.JANSSENS LEBENSWERK umfasst mehr als 20 000 Zeichnungen und Aquarelle, ungefähr 3 000 Radierungen und 40 Buchpublikationen.DIE SKIZZEN, FOTOGRAFIEN und Tagebuchaufzeichnungen von der skandinavischen Reise sowie die Briefe, die Janssen aus dem schwedischen Svanshall an Joachim Fest schrieb, erscheinen in diesen Tagen im Alexander Fest Verlag.Horst Janssen: Skandinavische Reise. Ein Skizzenbuch, ein Tagebuch und sechs Briefe an Joachim Fest. Mit Photographien und einem Postscriptum von Gesche Tietjens. Alexander Fest Verlag. Berlin 2001. 38 Mark. ALEXANDER FEST VERLAG (5), BPG Lakselv, 18. September, 1845 Schwedensee, 21. September, 1400 Ahlströms Veranda, 23. September Verbrannter Wald, 19. September, 1125 Rovaniemi - trostlos, 20. September, 700