Der hellhäutige Alvaro, zwölf Jahre alt und aus guter Anwaltsfamilie, lebt in Rio de Janeiros Strandviertel Barra da Tijuca fast ständig hinter Gittern. Alvaro gehört zur sogenannten "Geração Condomínio", der Kondominium-Generation. Das heißt: Alvaros Zuhause ist in einer weitläufigen Bilderbuch-Wohnanlage der Mittel- und Oberschicht. Zehn- bis fünfzehngeschossige Appartementblocks, daneben Swimmingpools, Spiel- und Tennisplätze, Golfwiesen und etwas Park, ferner eine Bäckerei, eine Apotheke und vor allem Sicherheit im Übermaß. Denn der ganze Condomínio ist von hohen Gitterstäben umgeben und wird von einer bewaffneten Spezialgarde überwacht. Alvaros Familie hat mehrere Hausangestellte. Am stabilen Portal mit den TV-Kameras werden sie wie andere Ortsfremde gefilzt. Die Gutbetuchten der immerhin achtgrößten Wirtschaftsnation lassen sich ihre Sicherheit jährlich nicht weniger als 28 Milliarden Dollar kosten, schotten sich immer perfekter gegen Kriminelle und die rundum wachsende Misere ab.Ein Fahrer bringt Alvaro morgens zur Privatschule, nachmittags zurück. In Barra da Tijuca, einer Miami-Kopie für Neureiche und Aufsteiger, zählt Alvaro zu jenen Kindern, die vom Rest Rios weit weniger kennen als der oberflächlichste Copacabana-Tourist. Das berühmte Opernhaus, Klöster und Kirchen der Altstadt haben sie bestenfalls auf Prospektfotos gesehen. Besorgte, bildungsbeflissene Eltern organisieren deshalb regelmäßig Bustouren, die den Sightseeing-Trips für Ausländer aufs Haar gleichen. Auch Alvaro mußte einmal mit.Das Viertel seines Altersgenossen Paulo sah er nicht einmal von weitem. Die Favela Jacarezinho, nur ein paar Autominuten von der Präfektur entfernt, ist eines von rund achthundert Armenvierteln der Sieben-Millionen-Stadt. Anders als Alvaro geht Paulo morgens nie zur Schule, statt dessen zur Bahnstrecke, die Jacarezinho streift. Nachts werfen die Milizen der Verbrechersyndikate dort ihre Opfer ab. Paulo schaut nach, wer es ist und mit wie vielen Kugeln die Leiche durchsiebt wurde. Kommen Leute in der Nähe vorbei, fragt Paulo, ob sie nicht Lust haben, einen Blick auf die Toten zu werfen, es könnte ja ein Bekannter sein. Er spielt dann den Führer zwischen Lianen und Bananenstauden. Vergangenes Jahr fand er eines Morgens zwei Leichen, eine davon war die des Onkels, den nachts Banditenkumpane abgeholt hatten. Paulo hörte, wie sie stritten. Der "Tio" hatte das in den Favelas geltende "Lei do Silencio", Gesetz des Schweigens, gebrochen. Auch zu seiner Leiche führte der Junge ungerührt Schaulustige. Veronica Gebara, Psychologin und Familientherapeutin in Rio: "Paulos Verhalten weist auf die schwerwiegende soziale Krise dieses Landes. Kinder müssen mit Psychopathen leben, haben folgenreiche Probleme mit Emotionen, in Beziehungen." Über zehntausend Mordtote zählt die brasilianische Metropole jährlich offiziell, in den Favelas mit ihren etwa zwei Millionen Bewohnern sahen über 30 Prozent der Minderjährigen bereits mindestens einem Mord zu. Michel Lind, neokonservativer Herausgeber der nordamerikanischen Zeitschrift "The New Republic", hat diese seit Jahrzehnten existierenden Sozialstrukturen nicht nur in Rio, sondern auch in São Paulo, der größten lateinamerikanischen Industrieregion, ausgiebig studiert. Die hat soviel Einwohner wie die Ex-DDR und über eintausend deutsche Multi-Filialen, von Mercedes-Benz bis VW. Erschreckend für Michel Lind, daß Eliten und Mittelschicht auf mehr Arbeitslosigkeit und Misere nur mit noch mehr Abschottung reagieren. Im neuesten Buch "The Next American Nation" schreibt er: "Wir befinden uns in einem besorgniserregenden Prozeß der Brasilianisierung, hin zu einem tyrannischen System immer schärfer getrennter sozialer Klassen." Für Lind bedeutet Brasilianisierung, "daß sich die dominierende weiße amerikanische Klasse innerhalb der eigenen Nation noch weiter in eine Art Barrikadennation zurückzieht, in eine Welt abgeschirmter Viertel mit Privatschulen, Privatpolizei, privater Gesundheitsbetreuung und Privatstraßen. Draußen das dekadente Amerika mit Ungleichheit und Kriminalitätsraten wie in Brasilien, all die Miserablen, Bettler, Straßenkinder, drinnen die prosperierenden Mitglieder der herrschenden Oberschicht, mit all den Privilegien, die auch lateinamerikanische Oligarchien genießen." Und ebenso wie in Brasilien sei dann die Mehrheit der Schwarzen und Mischlinge in der Unterschicht anzutreffen, und zwar für immer. Rassenkonflikte werden nicht aufhören, meint Lind, doch verschiedene Ethnien zu haben, sei nicht weiter problematisch. Nicht die Rasse teile, sondern die soziale Schicht. Bereits 1990 kam die Unternehmerzeitschrift "Fortune" mit der vielbeachteten Studie "The Brazilianization of America" heraus, verwies auf den Niedergang der Mittelschicht, die wachsende Einkommenskonzentration nach brasilianischem Vorbild: In den industrialisierten Ländern entfallen auf die reichsten fünf Prozent der Bevölkerung durchschnittlich 13 Prozent des nationalen Einkommens, in Lateinamerika dagegen immerhin 25 Prozent. Die wirtschaftliche Führungsmacht des Subkontinents erreicht den Spitzenwert: Exakt 47 Prozent des Gesamteinkommens werden von den zehn Prozent der bestbetuchten Brasilianer eingestrichen.Sozialforscher und Demographen haben nachgezählt: Rund vier Millionen Nordamerikaner wohnen bereits in Kondominiums a la Barra da Tijuca in Rio oder Alphaville in São Paulo. Die größten Fortschritte werden aus Kalifornien gemeldet. Brasilianisierungs-Experte Dale Maharidge zeichnet es im neuesten Buch "The Coming White Minority" ausführlich nach: Weiße konzentrieren sich zunehmend in städtischen "Inseln", eingekreist von Minoritäten in regelrechten Enklaven und Ethno-Ghettos.Zu den meistgespielten Hits aller Zeiten gehört das "Girl from Ipanema" der gleichnamige noble Stranddistrikt Rios wirkt inzwischen nicht mehr anheimelnd. In zahlreichen Straßen läuft man durchweg an übermannshohen Stahlgitterzäunen entlang. Ständig beobachtet von den mißtrauischen, schlechtbezahlten Pförtnern der Appartementhäuser.Die Habenichtse hausen in Sichtweite der Penthouse-Blocks am nahen Felsenhang. Im Hüttenlabyrinth patrouillieren Kids in Shorts und Jesuslatschen, die deutsche G-3, schweizerische Sig-Sauer oder Kalaschnikow locker umgehängt, stets auf Schießereien mit rivalisierenden Banditenmilizen oder der Polizei gefaßt. Mißliebige, die dem Gangster-Normendiktat nicht folgen, wirft man gelegentlich zur Abschrekkung gleich lebendig vom zweihundert Meter hohen Felsen auf einen Penthouse-Parkplatz, den Aufprall überlebt niemand. Aufmerksame Touristen des Fünf-Sterne-Hotels "Othon" beobachten solche Szenen vom Zimmerbalkon oder von der Poolbar aus.Brasiliens katholische Kirche verdammt die auch von Lind kritisierten Eliten des Landes. Die derzeitige Wirtschaftspolitik der Regierung von Fernando Henrique Cardoso, Ehrendoktor der Freien Universität Berlin, erhöhe die Zahl der sozial Ausgeschlossenen weiter. Schwarze, Mulatten sind die typischen Slumbewohner und werden mittels eines verdeckten Systems der Apartheid am Aufstieg gehindert. Der zu PR-Zwecken noch von jeder brasilianischen Regierung um die Welt geschickte Multimillionär, Ex-Fußballstar und frühere Sportminister Pelé ist jene Ausnahme, die die Regel bestätigt.Gerade 18 Prozent der über 160 Millionen Brasilianer haben ein Bankkonto, für den größeren Rest machte es keinen Sinn. Oder schlimmer: Die meisten Geldinstitute akzeptieren nur Kunden mit Monatslöhnen von 1 500 Mark aufwärts. Die Hälfte der Erwerbstätigen bleibt maximal zwei Jahre im selben Job, ein noch höherer Prozentsatz arbeitet notgedrungen ohne Lohnsteuerkarte, schwarz. Der auch in Deutschland durch Bücher und Vorträge recht bekannte Dominikaner Frei Betto argumentiert daher: "Die im Unterbewußtsein unserer Eliten fortexistierende Sklavenhaltermentalität betrachtet den Erwerbslohn als eine Art Almosen und Arbeitsrechte als Privilegien. Man muß sich nur einmal anschauen, wie diese Eliten ihre Hausangestellten behandeln." Gutbetuchte halten sich zehn und mehr, darunter Putzfrau, Köchin, Kindermädchen, Serviererin und Gärtner, doch auch für den ökologisch-progressiv gesinnten Privatschullehrer gilt Hausarbeit als schmutzig, unfein, unwürdig, ganz wie zur Sklavenzeit überläßt man diese der meist dunkelhäutigen Empregada. Bis zu 16 Stunden am Tag arbeitet sie, kauft ein, macht das Frühstück, bringt Drinks auf den Balkon, für monatlich etwa hundertfünfzig Mark. Der Schock für brasilianische Mittelschichtler dann im Lande von Lind und Maharidge nur Millionäre haben solche Hausdienerinnen.Der Anthropologe Roberto DaMatta, Dozent an der Uni von Notre Dame, sagt über die hierarchische Gesellschaftsstruktur Brasiliens: "Die Elite hat immer Paris, London und New York viel mehr geliebt; im Grunde genommen heißt, zu Brasiliens Elite zu gehören, Ausländer im eigenen Land zu sein." Als schwerwiegendes Problem sieht DaMatta, daß die Oberschicht Brasilien nicht mag, "und was man nicht gern hat, kann man nicht kultivieren und pflegen". Natürlich gibt es Ausnahmen, etwa den jüdischen Unternehmer Oded Grajew in São Paulo, Gründer der Sozialstiftung Abrinq, Kritiker im Klüngel der Geldleute, aber auch der Politikerkaste. Ober- und Mittelschicht hätten passiv zugesehen, wie sich das brasilianische Bildungs- und Gesundheitswesen gravierend verschlechterten, die öffentliche Sicherheit drastisch abnahm. Bestseller-Autor Marcelo Rubens Paiva weist auf einen besonders kuriosen Sachverhalt hin: Mann der reaktionären Oligarchien ist heute Präsident Fernando Henrique Cardoso, in den 50ern eingeschriebenes KP-Mitglied, gleichzeitig Großgrundbesitzer und Soziologe, der sich immer noch gelegentlich rühmt, einst als Dozent in Frankreich auch Daniel Cohn-Bendit unterrichtet zu haben. Für Paiva führt Cardoso heute eine Mitte-Rechts-Regierung aus Intellektuellen und Akademikern, auf dem Throne sitzend, schauten sie auf Brasilien aus der Distanz, seien den USA und Großbritannien indessen nahe. "Diese Regierung mag das Volk nicht, kennt es gar nicht, weiß nichts von dessen Drama."Unter dem Beifall von Schriftstellern wie Jorge Amado, Musikstars wie Caetano Veloso und Gilberto Gil startet der Berliner Ehrendoktor ein Stabilisierungsprogramm, das auch Bonn beklatscht, Brasiliens katholische Kirche indessen als antisozial verurteilt. Jetzt scheitert es mit einem Paukenschlag, die Währung verfällt, Kapital flüchtet, Massenentlassungen allerorten. Doch der Staatschef wiegelt eloquent ab. "Der lügt", kontern aufgebracht gefeuerte Ford-Arbeiter São Paulos, legen mit Demos den Verkehr lahm.In den abgeschotteten Kondominiums der oberen Schichten hält sich der Ex-Soziologe Cardoso gern auf, die Slums meidet er, verdrängt die dortigen barbarischen Zustände, den Terror der Todesschwadronen und Banditenmilizen. Vanilda Paiva, Schriftstellerin und Soziologie-Doktorin der Uni Frankfurt, schlußfolgert nicht zufällig, daß sich in der neoliberalen brasilianischen Gesellschaft heute "Ultraarchaisches mit Ultramodernem mischt". Auch für viele intellektuelle, literarische Schöngeister in Berlin, Wien oder Paris zumeist unbegreiflich. Cardoso ärgert die Brasilianisierungs-Debatte, weil sie seine weltweite Image-Kampagne stört. Rio de Janeiros rechter Präfekt Paulo Conde zieht mit, investiert derzeit Millionen, um auch deutsche Medien und Reiseunternehmen günstig zu stimmen. Das scheint zu klappen, sieht man sich jüngste Rio-Reportagen deutscher TV-Sender an. Der Image-Feldzug richtet sich indessen auch an die sieben Millionen Rio-Bewohner. In Tageszeitungen, Illustrierten erscheinen ganzseitig hinreißende Farbfotos von Zuckerhut und Stränden, natürlich aus der Hubschrauberperspektive, darauf der Slogan "Dein Glück, in einer Stadt zu leben, in der du am liebsten Ferien machen würdest, eigentlich immer im Urlaub bist". Reiner Zynismus, wenn man beispielsweise nur an die zwei Millionen an der Slum-Peripherie denkt, mit einer höheren Lepradichte als in Indien. Wie in Ruanda oder Bosnien arbeiten dort die Freiwilligen von "Ärzte ohne Grenzen", kennen den Hit-Favoriten ihrer Klientel, Sambastar Martinho da Vila. Keiner verkauft derzeit mehr CDs. "Blutbäder, Folterungen sind normal", sagt er, "in Rio wird mehr gemordet und gestorben als in irgendeiner derzeit von Krieg und Bürgerkrieg heimgesuchten Stadt."