In Ödipus Studierstübchen fern der thebanischen Öffentlichkeit läutet das Telefon. Ein Gott ist am Apparat. Ödipus will nicht mit dem Schicksal sprechen. Ödipus diktiert an seinem faustischen Studierstübchenarbeitstisch, auf dem dekorativ elf leere Gläser sich befinden, und das Stück von Sophokles hat jetzt zehn Figuren. Ödipus diktiert auf das Tonbandgerät eine Rede an sein thebanisches Volk, die er auf den beiden Leinwänden des Bühnenbilds hinter sich gerade hält. Der doppelte Ödipus. Der König im Schlafanzug redet mit sich im Politikerdress, nimmt jungdynamisch Einfluss auf sich selbst, orientiert sich auf sich selbst und an sich selbst, scharrt dabei mit nackten Füßen doch im Bühnensand der Vergänglichkeit. Auf Wirkung kommt es an.Yuppie Ödipus ist im Selbstfindungsprozess begriffen. So einer ist das, führen uns der Film und die Bühne vor. "Man kann nämlich dem Schicksal insofern entgehen, als man es vollkommen überflüssig findet", meint Hans Neuenfels. Die Polis, der Markt, das Volk, die Pest, also Sophokles sind nicht präsent. Hätte sich das Stück da nicht einen anderen Regisseur wählen sollen? Der neue Ödipus hört auf keinen Gott, nicht auf einen Menschen. Er hört auf sich selbst, auf die innere Stimme. Sie ist sein Maß. Ein Menschlein wie du und ich und vor allem wie Hans Neuenfels. Das wollte wohl der Regisseur Hans Neuenfels erzählen, der den "König Ödipus" des Sophokles im Deutschen Theater inszenierte, ihn zu diesem Zweck neu konfigurierte, ihm einen nun jedermann zumutbaren, selbstgewissen Schluss verpasste: Ich bin Ödipus. Wer ist mehr. Stückfassung: Hans Neuenfels. Motto: Die Verinnerlichung. Ein Fall von Romantik. Was geht mich die Gesellschaft an. Die Lesart kommt von Achtundsechzig her, zumindest ist sie eine Folge des Scheiterns und der Melancholie. Um Politik geht es nicht auf dem Theater, vielleicht um Verweigerung. Sich aufklärerisch dünkende Regisseure pflegen am Schicksal in der antiken Dramatik zu scheitern.Die Filmszenen auf der Bühne haben einen Vorteil. Dieser schwarzweiße Stummfilmdepressionszauber rechts und links hinter den Schauspielern und seitenverkehrt symmetrisch, links lauter Rechtshänder, rechts lauter Linkshänder, bebildert fasslich, worauf das Stück sich bloß bezog, den Tod des König Laios. Theater aber ist Wort. Laios, der im Stück ja eben tot ist und deswegen nicht auftreten kann, ist nun endlich einmal zu sehen, in homoerotischer Deutung. Sein Tod wird einer kriminalistischen Aufklärung unterzogen, wir sehen ein Kaufhausvideo, das das Verbrechen aufzeichnet, die Neudeutung des Ödipus-Komplex mitliefert: Laios ist in voller Fahrt auf seiner Quadriga mit vier menschlichen Zugtieren gerade an der Wegscheide in der Einöde angekommen, an der er, wie das Stück erzählt, den ausgesetzten Ödipus brüsk aus dem Weg schiebt, der darauf wutentbrannt den Fuhrpark und den Laios erschlägt. Neuenfelsens Laios tut etwas anderes. Er reißt dem schlanken, ranken, glutäuigen Jüngling Ödipus das Lendentuch vom Leibe und betrachtet ihn sich auch. Er begehrt. Da tötet Ödipus auf einen Streich die Quadriga und schiebt vatermordend dem Laios langsam und genüsslich die Gabel des Hirtenstabs unter die Gurgel, bis dass er rittlings stürzt. Das Blut aber des Getöteten streicht er auf seinen Penis. Das ist die Mystik des Neuenfels schen Aufklärertums.Filmisch ist das nicht schlecht gemacht, ein bisschen in der Art des Expressionismus. Die Filme drehte Benedict Neuenfels, der Sohn. Das Kammerspielartige der Bühne folgt mit Notwendigkeit aus der verengten, ich-personalisierten Sicht des Regisseurs, wo das Stück von Nichtentweichenkönnen, zu deutsch Schicksal, erzählt und eine Schuldfrage nicht stellt. Wo kein Schicksal walten soll, muss verniedlicht werden. Da müssen kleine Leute her. Frauenmangel hat Neuenfels dem Sophokles diagnostiziert, deshalb gibt er dem blinden Seher Teiresias eine "Mutter", dem Personal eine "Magd" und eine "Freundin" bei, dafür entfällt der Chor, dessen Passagen sie sprechen. Schauspielerisch? Mittelmaß. Der Ödipus des Sven Lehmann ist ein wackerer Kerl. Die Iokaste der Elisabeth Trissenaar ist die Tragödin, die man von ihr kennt. Ingo Hülsmann als Kreon spielt, was man von ihm schon sah, etwas nervig Mephistophelisches, Antichambrierendes, Glattes. Über seinen langen Efeumantel darf geschmunzelt werden. Margit Bendokat als Magd spricht das lispelnde Zungen-S und gerät mit ihrer Rollenauffassung zu sehr nach Berlin. Mit der Buchszene, es sei alles bloß eine alte Geschichte, beeindruckt sie, als Märchentante.Das Stück, eine Tragödie und ein Reißer von Schicksal und Verwirrung, ist 2 500 Jahre alt und wovon es erzählt ist 3 200 Jahre her. Es kippt leicht in die Komik um. Ein solcher Fall liegt vor. Alfred Kerr, zum Beispiel, mochte das Stück auch nicht. Es könnte "Blödipus" heißen. Das Gleichnis von einem, dem prophezeit sei, er werde "seinen Vater töten, seine Mutter heuern und der trotzdem beides tut", hinke entsetzlich. Und so hinkte es im DT in den Beifall: Der bekannte, letzte Satz des Stückes "Kann man fortan einen Menschen glücklich nennen, der noch nicht seine ganze Bahn durchmessen?", ist dem Kreon untergeschoben. Er wird zurückgenommen durch Neuenfels Hinzuerfindung: "Keinen Millimeter meines Unglücks möcht ich missen. Ich bin ich. Kein Anderer. Ich bin Ödipus."Es hört sich an wie Sisyphus."König Ödipus" von Sophokles // Übersetzung: Ernst Buschor; Regie: Hans Neuenfels; Bühne: Karl Kneidl; Kostüme: Elina Schnitzler, Film: Benedict Neuenfels.Darsteller: Sven Lehmann, Ingo Hülsmann, Margit Bendokat, Isabel Schosnig, Stefan Kaminski, Edgar M. Böhlke, Silke Sense, Elisabeth Trissenaar, Michael Gerber, Ronald Zehrfeld.Nächste Vorstellung: 30. 10. , mit Gespräch.MARCUS LIEBERENZ Nicht zerbrechen, um nicht zu finden: Sven Lehmann als Ödipus.