Seine Hände zittern vor Aufregung. Doch seine Stimme bleibt ruhig und sein Englisch ist flüssig. Olaf Brandes erzählt, wie er eines Nachts neben einer Kartoffel aufwacht. Aufgeregt fragt er den Erdapfel, ob sie wenigstens ein Kondom benutzt haben. Nach sechs Minuten hat Olaf Brandes seine Rede beendet, das Publikum applaudiert kräftig. Schließlich ist der 36-Jährige erst seit einem Monat Mitglied im englischsprachigen Mercury Club, einem von vier Berliner Toastmaster-Vereinen. Doch ist er gut genug, um den Titel des Berliner Meisterredners zu tragen? Der soll nämlich gewählt werden, an diesem Sonnabendabend in Steglitz.Die Kunst der freien Rede üben, das wollen die Toastmasters. Die Clubs haben sich weltweit organisiert, in über 9 000 Vereinen treffen sich die Mitglieder. Zwanzig Vereine gibt es allein in Deutschland. Gesprochen wird meistens englisch, aber auch deutsch und französisch. Mitglied kann für 100 Euro Jahresbeitrag jeder werden, der seine Redekünste verbessern will. Der Ablauf ist immer der gleiche: Abwechselnd treten die Mitglieder ans Pult, um Stegreifreden zu halten oder über ein vorbereitetes Thema frei zu sprechen. Die Vorträge werden von einem vierköpfigen Expertenteam überwacht. Der so genannte Timer prüft die Redezeit, die zwischen fünf und sieben Minuten liegen muss, ein "Grammarian" achtet auf sprachliche Patzer. Der "Äh-Counter" haut auf die Glocke, wann immer eines der verpönten Füllwörter "äh" oder "hm" auftaucht und ein "Evaluator" beurteilt am Schluss die Rede. Geachtet wird auf richtiges Tempo, Betonung, auf Augenkontakt und Körpersprache. Nach jedem Auftritt gibt es ein wohlwollendes Feedback, bei dem man erfährt, wo die Stärken und Schwächen liegen."Die meisten, die hierher kommen, haben eine berufliche Motivation, besser reden zu lernen", sagt Patricia Jaenisch vom Mercury Club. Die Treffen folgen den Anweisungen in einem Handbuch, das seit der Gründung der Toastmasters vor 80 Jahren in den USA ständig weiterentwickelt wurde. Die Toastmasters treffen sich zwei mal im Monat, ein Verein hat etwa 20 Mitglieder. Die Weltzentrale befindet sich in Kalifornien. Sie gibt die Leitlinien für die Clubs heraus und veranstaltet einmal im Jahr die Toastmasters International Convention, auf der der beste Redner der Welt gewählt wird.Doch zunächst gilt es, den Berliner Meisterredner zu wählen. Olaf Brandes hat intensiv für seinen Auftritt geübt. Zu Hause vor dem Spiegel übte er seine Rede, feilte an der Sprache und an den Bewegungen. Schließlich muss man die Leute mitreißen und zum Lachen bringen. Das gelingt ihm, aber auch vielen seiner Konkurrenten. Viktor Warden tritt ans Redepult. Er ist ein erfahrener Toastmaster. Vor dem Wettbewerb sah man ihn auf dem Fußballfeld vor der Tür seine Rede einstudieren. Wild gestikulierend und konzentriert schritt er das Feld ab. Er erzählt davon, wie er als Amerikaner nach Berlin kam und sich über einiges wundern musste. Die GEZ-Kontrolleure vor seiner Tür zum Beispiel, die vorgaben, eine Umfrage zu machen. Und seine bereitwillige Auskunft darüber, wie viele Fernseher und Radios er besitzt. Viktor redet laut und setzt seinen Körper ein, um das Gesagte zu untermalen. Das Publikum ist begeistert und die Richter sind es auch. Sie wählen ihn zum Sieger. Viktor Warden ist der neue Berliner Meisterredner.------------------------------Redekünste // Die Toastmasters sind eine weltweite Non-Profit-Organisation. Sie wurde in den 20er-Jahren in den USA gegründet. Die Clubs wollen ihren Mitgliedern beibringen, wie man effektiv redet - in beruflichen und persönlichen Situationen.Herzstück der Organisation sind die Clubs. Jeder hat etwa 20 Mitglieder. In Berlin gibt es vier Vereine, zwei englischsprachige und zwei deutschsprachige. Auf regionaler Ebene sind die Clubs in so genannten Areas zusammengeschlossen.Mehr unter www.meisterredner.de------------------------------Foto: Körpereinsatz: Viktor Warden ist der Berliner Meisterredner.