Die Schwäche des Krupp-Konzerns ist in Übernahmeschlachten seine Stärke: Mit Finanzschulden von mehr als zwei Milliarden Mark stehen die Essener bei den Banken in der Kreide. Eine solche Last schweißt zusammen, mitunter stärker, als es der Konkurrenz lieb sein kann. Leidvoll erfahren mußte dies 1991/92 bereits der Lieblingssanierer der Deutschen Bank, Kajo Neukirchen. Kaum hatte der die Rohwedder-Nachfolge beim Dortmunder Hoesch-Konzern angetreten, wurde er von Krupp-Chef Gerhard Cromme mit einer Übernahme-Offerte der unfeinen Art konfrontiert. Klammheimlich hatte die WestLB als Hausbank des Krupp-Konzerns ein Viertel der Hoesch-Aktien aufkaufen lassen und damit unumstößliche Fakten für das erste "unfriendly takeover" der bundesdeutschen Wirtschaftsgeschichte geschaffen.Die Parallelen dieses Deals zur geplanten Thyssen-Übernahme sind offenkundig: Die Hoesch AG, deren Aktien wie die von Thyssen breit gestreut waren, galt seinerzeit als das eindeutig solventere Unternehmen, das sich in einem schmerzhaften Umstrukturierungsprozeß von Verlustbringern getrennt und die verbliebenen Sparten konsequent durchmodernisiert hatte. Doch die Zukunft als eigenständiger Technologiekonzern scheiterte an der Übermacht des mit den Banken verbündeten Krupp-Chefs. Erst mit der Übernahme der Dortmunder Konkurrenz erlangte Cromme den notwendigen Spielraum zur überfälligen Grundsanierung bei Krupp. Den nutzte er dann auch konsequent: 1990 schloß er das veraltete Stahlwerk in Duisburg-Rheinhausen, rund 40 000 Arbeitsplätze konnten durch die mit dem Firmenbund entstandenen Synergieeffekte eingespart werden. Ergebnis: 1995 zahlte Krupp erstmals wieder eine Dividende.Doch im letzten Jahr brachen die Erlöse beim Massenprodukt Stahl branchenweit erneut ein. Der Konzerngewinn schmolz um gut die Hälfte auf 200 Millionen Mark. Erneuter Handlungsbedarf war angesagt, zumal bei Krupp das Geld für den von der Belegschaft vehement geforderten Neubau einer ultramodernen Stahlhütte nicht aufzutreiben war. Doch bis zuletzt ignorierte der Stahl-Branchenführer die Bedrohung aus Essen, obwohl die Kursentwicklung der Thyssen-Aktie in den letzten Wochen sehr wohl auf gezielte Aufkäufe schließen ließ.Der Unterschied zu 91/92: Die WestLB will von Crommes neuen Übernahmegelüsten "nicht das Geringste" mitbekommen haben. Was zumindest für das politische Gespür der nordrhein-westfälischen Landesbanker spricht, hätte die Thyssen-Übernahme durch Krupp doch nicht nur die lukrative Mobilisierung der milliardenschweren Thyssen-Schätze, sondern auch den prompten Verlust von weit mehr als 10 000 Arbeitsplätzen an Rhein und Ruhr zur Folge. Allerdings: WestLB-Chef Friedel Neuber sitzt im Aufsichtsrat von Krupp, zudem hält sein Institut auch ein respektables Aktien-Paket des Essener Konzerns, so daß die vermeintliche Unwissenheit der Landesbank für Branchenbeobachter kaum nachvollziehbar scheint. Der Mega-Deal, für dessen Finanzierung fast zehn Milliarden Mark aufgebracht werden müssen, läßt denn auch eher auf eine konzertierte Aktion aller bei Krupp engagierten Geldhäuser schließen. Dafür spricht auch, daß nicht die Deutsche Bank allein, sondern ein Konsortium von Deutscher, Dresdner und Commerzbank das Übernahmegeschäft abwickelt. Damit steht auch die Verteidungslinie gegen die Politik. Die nämlich, mit den Arbeitsplatzfolgen der Aktion konfrontiert, scheint jetzt endlich ernsthaft die Macht der Banken ins Visier nehmen zu wollen. +++