Über die Zukunft des Gedichts sind momentan wenig Sorgen bekannt. Der Trend besagt schon seit längerem: Je weniger Lyrikleser, desto mehr Dichter. Außerdem erhielt die Berliner Autorin Birgit Kreipe von Meeresgefilden her eine wirklich zuversichtliche Prophezeiung: "das letzte gedicht würde als spätkauf/ wieder eröffnet." Wer im Tagesgeschäft etwas vergessen hat, wer Wegzehrung oder Nahrung für plötzliche Gelüste braucht, der geht dann zum Gedicht - der nächtlichen Tante Emma der Endzeit!Der Band, dem der Hinweis auf die feierliche Apokalypse entnommen ist, stellt Ostseegedichte deutscher Gegenwartsautoren vor. Badeferien, das war zu erwarten, machen die wenigsten von ihnen. So manche Urlaubsenklave bräuchte erst die Verwandlungskraft der Poesie, um, wie Birgit Kreipe in dem oben zitierten Gedicht "Usedom" formuliert, in "in der nächsten Welt" wieder ein Badeort zu sein. Jan Wagners Verse in "Danzig, ungesehen" spiegeln die Grundstimmung der Sammlung: "der gitarrist vor seinem publikum/ aus laub und leeren bänken, die der regen/ mit neuem, glänzenden lack überzogen hat". Die Ostsee ist in den meisten Gedichten mehr Provinz als Meer, naturalistisch hingeträumt zwischen Mann und Frau, Strandhafer und Berlin. Sicherlich ist sie auch Spiegel der hier von Ron Winkler versammelten, souverän unaufgeregten Lyrikszenerie, die nichts so sehr liebt wie die Magie des natürlich Versehrten, eine Brise Geilheit und einen Horizont voller verregneter Romantik.------------------------------Ron Winkler (Hg.): Die Schönheit ein deutliches Rauschen. Ostseegedichte. Connewitzer Verlagsbuchhandlung, Leipzig 2010. 156 Seiten, 15 Euro.