Kunst im 20. Jahrhundert kommt ohne Vorwissen nicht aus - und so ist denn auch der Kunstbuch-Markt entsprechend breit gefächert. Mittlerweile wirft einem der Kölner Benedikt Taschen Verlag die poppigen Prachtbände schon zu Dumping-Preisen hinterher. Die Botschaft beruhigt: Schenken Sie sich die beschwerliche Reise zu den Originalen (ist ja eh nicht sicher, ob man nicht gerad' wieder vor einer Fälschung steht), denn: Prestige, Flair und Geschmack können bebildert und erkauft werden. Was gut fürs Auge ist, kann für den Kopf nicht falsch sein, oder?Nun gibt es aber Bücherwürmer, die bedürfen der sonnig-hellen Bekunstung nicht, die wissen natürlich einen kostbare Prachthandschrift zu schätzen, aber: ihnen genügt einen erstklassige Typographie, solide Fadenheftung mit Leseband - lediglich die Inhalte müssen faszinierend sein.Sollten Sie sich zu den Genießern zählen, die die Texte zur Kunst von der Kunst der Ablenkung zu unterscheiden vermögen, dann kann Ihnen jetzt geholfen werden, denn: Der Verlag der Kunst Dresden hat die gute alte Reihe der FUNDUS-Bücher, die es schon seit 1959 gibt, zu neuem Leben erweckt. Nach dreijährigem Dornröschen-Schlaf ist der Neustart erfolgt, und die FUNDUS-Bücher finden Sie ab Frühjahr 1995 wieder in Ihrer Buchhandlung. Die Reihe wird herausgegeben von zwei Berliner Experten, Gerti Fietzek und Michael Glasmeier, die insbesondere Wert auf eine lebendige und lesbare Auseinandersetzung mit der modernen Kunst legen. Wenn Sie also etwas auszusetzen haben an der Einebnung der Literaturlandschaft durch dünnblütige Wegwerf-Paperbacks und etwas tiefer einsteigen wollen in die Bilder hinter den Bildern, in theoretische Modelle und ästhetische Verbindlichkeiten, dann schauen Sie nach den dezent gestalteten Westentaschenformaten im Hardcover von 16 x 9,5 Zentimeter.Der erste Band der neuen Reihe ist die deutschsprachige Taschenbuchausgabe des Medien-Klassikers "Understanding Media - Die magischen Kanäle" von Marshall McLuhan, geschrieben vor 30 Jahren. Zur Jubiläumsausgabe, die vor einigen Monaten auch bei MIT-Press, Cambridge, erschien, schreibt Lewis H. Lapham: "Vieles von dem, was McLuhan zu sagen hatte, macht 1994 wesentlich mehr Sinn als im Jahre 1964. Obwohl das Buch selbst mehr oder weniger vergessen wurde, begannen sich seine profunden Aussagen auf (dem Musikkanal) MTV und dem Internet, in Ronald Reagens politischem Image und in der Wiederbelebung von Richard Nixon, via Teleshopping-Networks und E-Mail zu verlebendigen - all das Technologien, die McLuhan vorhersah, aber nicht lange genug lebte, um sie, geformt aus Silikon oder Glas, noch erleben zu können." Wer war Marshall McLuhan, geboren 1911, gestorben 1980?Eigentlich Professor für englische Literatur, gründete er 1963 sein "Institute for Culture and Technology" in Toronto. Ungewöhnlichen Erfolg, ja Kultstatus in den verrückten Sechzigern brachten ihm seine Bücher "Die Gutenberg-Galaxis" und die erwähnten "Magischen Kanäle". McLuhan zog aus der elektronischen Umwälzung des visuellen Menschen, der von der Ferne träumte, den Schluß, daß die inneren Reisen interessanter würden als die äußeren. Damit skizzierte er das poetische Tagträumen als neue Perspektive. Keine Frage, daß ihm die Lifestyle-Illustrierte "Rolling Stone" und "Playboy" in ihren Zeitraffer spannten, hochjubelten, als Technikfreak vermarkteten und bald wieder ausspuckten.Erst die junge Generation der 90er Jahre, die Cyber-Hippies und Blumenkinder der multimedialen Generation, denen, laut Zeitgeistforscher Matthias Horx, die "Clip-Kultur Notwehr des Gehirns" und "Fernsehen eine elektronische Nabelschnur" ist, hat den verrückten Vogel McLuhan wiederentdeckt.Und nun können auch Sie sich an den kulturkritischen Essays über "Straßen und Nachrichtenwege", "Kleidung", "Wohnen", "Geld", "Uhren", "comics" laben, über "Die Fotografie", "Das Auto", "Das Kino", "Das Radio" und "Das Fernsehen" - kurz über unsere Alltagspraxis nachdenken und wie wir ihr erliegen oder entkommen.McLuhans Buch ist ein Welterklärungsbuch und reflektiert insbesondere die Beschleunigung, in der wir uns befinden und die uns oft befremdet. Je schneller wir reisen, um so größere Tauchtiefe muß sein - und so zieht McLuhan den Leser hinauf oder hinab, ganz nach Belieben, in einen merkwürdigen Wust aus Zettelkasten, unendlicher Gedankenfreiheit, Rück- und Querverweisen, sprachlich präzise und ohne den Dieselruß der literarischen Überflieger. Marshall McLuhan: Understanding Media - Die magischen Kanäle. FUNDUS-Reihe. Verlag der Kunst, Dresden, Basel 1994, 540 Seiten, 28 Mark. +++

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