Herbst 1986 im Pionierhaus Ernst Fügner in einer Kleinstadt bei Halle. Zwei Steppkes sitzen auf harten Stühlen vor einem großen braunen Fernsehkasten. Auf dem Bildschirm bewegen sich zwei weiße Balken auf und ab, dazwischen fliegt ein Punkt hin und her. Pling, plong, pling, plong, pliek. Es steht zehn zu drei und der unumstrittene Platzhirsch Stefan hat mal wieder gewonnen. Für eine Revanche bleibt jedoch keine Zeit, denn hinter den beiden Duellanten drängeln sich ungeduldig sechszehn weitere Kinder, die auch endlich an das Wunderding wollen. Der Verlierer drückt dem Nächsten recht unsanft den klobigen Steuerkasten in die Hand und wirft einen bösen Blick auf das weiße BSS 01. "Doofes Ding", sagt er und stellt sich hinten an. 13 Jahre später wühlt der Verlierer, der Autor dieser Zeilen, in den Annalen und lässt die Geschichte der Daddel-Programme der DDR Revue passieren. 1980 begann das Videospielzeitalter hinter dem Eisernen Vorhang. Das BSS 01 (Bildschirmspielgerät 01) war der Atari der DRR und fesselte mit einer originalgetreuen Version des kalifornischen Klassikers "Pong". Der kleine Kasten so groß wie eine PC-Tastatur wurde einfach an einen Fernsehschirm angeschlossen, und "echte" Sportarten wie Tischtennis und Fußball waren urplötzlich out. Fast flächendeckendAndere Games konnte man mit dem BSS 01 nicht spielen, denn ein Laufwerk gab es nicht und auf der Platine waren nur die Daten für den Balken-Klassiker verewigt. Fast flächendeckend war das Spielgerät in den Jugendclubs der Republik zu finden in heimischen Wohnstuben jedoch kaum. Immerhin kostete der fiepsige Spielkasten 500 Mark, wofür so mancher fast einen ganzen Monat arbeiten musste. Da die Vorboten virtueller Daddel-Orgien trotz des stattlichen Preises heiß begehrt waren, standen sie auch nicht im Elektroladen neben RFT-Fernseher und dem senfgelben Toaster.Dafür konnte sich jeder in Freizeithäusern und Bildungseinrichtungen kostenlos mit der "Pong"-Adaption vergnügen. Der Nachfolger des ersten Videospieles auf ostdeutschem Boden erfreute sich derartiger Beliebtheit nicht mehr. Zwar wurde das BSS 02 technisch aufgepeppt doch kurz nach Produktionsbeginn standen die Bänder im Werk bereits wieder still und der Nachfolger der ersten Daddel-Maschine musste einer neuen Generation von Radioweckern weichen. Der Höhepunkt des Eifers in Sachen Videospiele war der Polycomputer, der ab 1986 zusammengeschraubt wurde. 35 000 Mark kostete die Arcademaschine von der 1 000 Stück produziert wurden. Im Berliner Sport- und Erholungszentrum (SEZ) standen allein 42 dieser klobigen Kästen, und bei 50 Pfennigen pro Spiel flossen an guten Tagen bis zu 5 000 Mark in die Kassen der Einrichtung.Als Mitte der 80er-Jahre mit der KC-Reihe auch in sozialistischen Gefilden das Computerzeitalter begann, öffneten sich für fleißige Daddler neue Türen. Auf den vorsintflutlich anmutenden DDR-Rechnern und dem Polycomputer ratterten nun Spiele wie "Ladder", "Strip-Poker" und natürlich der russische Klötzchenstapler "Tetris". Teilweise klauten die Programmierer auch keck vom westlichen Nachbarn: Klassiker, wie das Maulwurfspiel "Digger", "Donkey Kong" oder der Steinzertrümmerer "Breakout", kamen auch in der DDR zu Ehren. Aus dem putzigen Allesfresser "Pacman" wurde gar kurzerhand das Spiel zum russischen Trickfilm "Hase und Wolf". Die Spiele wurden mit neuem Namen und anderem Design veröffentlicht nicht selten auch grafisch verschlimmbessert. Dennoch kopierten die Fans, was das Zeug hielt. Fast alle Spiele waren Freeware-Versionen, die unentgeltlich und ganz legal von Kassette zu Kassette wanderten. Mit ein wenig Glück konnten die Programme auch gekauft werden. Ganze Spielsammlungen gab es für 38 Mark auf Magnetband, dem Speichermedium Nummer eins in der DDR. Da die Zahl der Computerbesitzer jedoch verschwindend klein war, entwickelten sich derartige Publikationen nicht gerade zu Verkaufsrennern. Während in der Bundesrepublik mit martialischem Eifer beim Klassiker "Space Invaders" geballert wurde und auf den ersten PCs Textabenteuer liefen, ging es in der DDR ungleich gemächlicher zu. Das schlug sich auch in der Akzeptanz der virtuellen Spielwiesen nieder. Als das BSS 01 erstmals für leuchtende Augen sorgte, diskutierte man in West-Deutschland bereits hitzig über die schädlichen Nebenwirkungen der neuen Programme. Die Anhänger grobpixeliger Ballereien und Knobeleien verkrümelten sich sukzessive in Richtung Subkultur. Ab 1984 war es im Westen gesetzlich verboten, Videospiel-Automaten an öffentlichen Plätzen aufzustellen. Die Klimperkisten wurden in dunkle Ecken verräucherter Kneipen oder gleich in zwielichtige Spielhöllen gerückt. Und mit der Umgebung veränderte sich auch das Image des neuen Mediums. Videospiele? Pfui!Im Palast der RepublikGenau in die andere Richtung verlief die Entwicklung in der DDR. Videospiele wurden als Bestandteil der Kultur- und Bildungspolitik angesehen; statt an Werteverfall dachte man eher an Erziehung im Sinne des Staates. Von den Sittenwächtern des Klassenfeindes verteufelt, fanden die zahmeren Programme im Osten mächtige Fürsprecher. Ein regimetreuer Forschungsleiter kam auf einer Konferenz im Jahr 1988 auf die Idee, dass "Computerspiele objektiv Tendenzen besitzen, die Ideen und Werte des Sozialismus durch die Kinder über Spiel und Romantik aneignen zu lassen". Da wundert es nicht, dass es sich eifrige Funktionäre in den Jahren zuvor nicht nehmen ließen, eine Videospielhalle einzurichten: Wer öffentlich daddeln wollte, ging in den Palast der Republik.COMPUTERSPIELE Klassiker in der DDR // Ladder In dieser "Super-Mario"-Adaption klettert statt des Klempners ein Strichmännchen Leitern hoch und weicht dicken Fässern aus.Strip-Poker Die DDR war nicht prüde. Mit dem richtigen Blatt räkeln sich schlicht animierte Damen auf dem Bildschirm. Eher witzig als erotisch.Hase und Wolf "Pacman" ist hier ein Hase, und nicht Monster, sondern böse Wölfe jagen den kleinen Pixel-Klumpen.Pong Fast originalgetreu wurde hier der kalifornische Klassiker kopiert.Die Schießbude Die Jugend stand Schlange um am Polycomputer zu ballern. Am laufenden Band ziehen bunte Büchsen und Quietsch-entchen vorbei die gilt es umzulegen. Das Kriegsspiel unter den Daddel-Programmen der DDR.Weitere Informationen über historische Computerspiele: i www. computerspielemuseum. de