KREUZTAL. Das Wort Kriegsverbrecher hat einen unwirklichen Klang, hier auf dem Parkplatz vor dem Friedrich-Flick-Gymnasium im westfälischen Kreuztal. Es geht auf den Abend zu, der Schulbetrieb ruht, Blütenduft weht aus Gärten herüber. Oliver Hirsch deutet auf die Betonschule aus den siebziger Jahren mit ihrem Flachdach. "Hier hat von Anfang an einiges nicht gestimmt. Ein Flachdach im Siegerland, wo es dauernd regnet. Das ist fast so schlimm wie der Name."Mehr als zwanzig Jahre ist es her, seit Oliver Hirsch in Kreuztal sein Abitur gemacht hat - am Friedrich-Flick-Gymnasium, benannt nach dem Großindustriellen und verurteilten Kriegsverbrecher. Als Hirsch und andere Schüler damals gegen den Namen protestierten, habe der Schulleiter gesagt: "Ihr gehört nicht an diese Schule."All die Jahre habe ihn diese Geschichte nicht losgelassen, sagt der 41-jährige, der heute als Neuropsychologe arbeitet. Deshalb hat er sie jetzt wieder aufgegriffen. Er hat sich daran erinnert, dass vor zwanzig Jahren im Kreuztaler Stadtparlament um die Frage gerungen wurde, ob ein städtisches Gymnasium den Namen eines Kriegsverbrechers tragen dürfe. 1988 entschieden die Verordneten mit 29 zu 16 Stimmen: Ja. Der Antrag der Grünen auf Umbenennung wurde abgelehnt. "Ich habe jetzt jedem einzelnen Abgeordneten per Brief die Frage gestellt, wie er damals abgestimmt hat und warum gerade so", sagt Oliver Hirsch. Viele hätten ihm geantwortet, einige ihn beschimpft, etliche wollten nur Ruhe, sagt er. Hirsch hält es für unfassbar, dass die meisten noch immer an Flick festhalten.Die Aktion hat aber so viel Staub aufgewirbelt, dass der Rat vor einigen Wochen in geschlossener Sitzung darüber diskutierte. Damit ist es Hirsch gelungen, die Angelegenheit erneut auf die politische Agenda der Kleinstadt mit ihren 33 000 Einwohnern zu setzen. "Vergangenheitsbewältigung", dieser Begriff aus der alten Bundesrepublik, klingt in Kreuztal plötzlich wieder ganz aktuell."Was hat sich denn geändert, gibt es irgendeinen neuen Sachstand?" fragt Werner Müller, CDU-Fraktionsvorsitzender im Stadtparlament. Der Sachstand ist der gleiche. Aber es hat sich etwas geändert. Auch im kleinen Siegerland gibt es heute das Internet. Ende April schaltete Hirsch zusammen mit einem früheren Schulfreund eine Website mit dem Titel "Flick-ist-kein-Vorbild", die seither weit über Kreuztal hinaus für Diskussionen sorgt. "Wie kann es sein, dass ein Gymnasium nach einem Mann benannt wird, der Zwangsarbeiter beschäftigt hat, von denen viele starben?" sagt Hirsch. "Einen Mann, der wegen Sklavenarbeit zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt wurde?"Ja, wie? Weil Friedrich Flick aus Kreuztal stammte. Und weil es ohne ihn das Friedrich-Flick-Gymnasium gar nicht geben würde. Denn er, der einstmals reichste Mann Deutschlands, hat 1969 drei Millionen Mark für den Bau der Schule gestiftet und sie auch später stets finanziell gefördert. Es gibt allerdings Stimmen, die sagen, das Geld sei über Steuerabschreibungen und Bauaufträge an ihn zurückgeflossen."Sie verstehen unser Dilemma?" fragt der Schulleiter Herbert Hoß, ein hochgewachsener 53-Jähriger mit Schnurrbart. Wenn man ihn besuchen will, muss man an einem Porträt Friedrich Flicks vorbei. Der Geist von Flick, waltet er hier? "Den werden Sie nicht finden", sagt der Direktor. "Wir sind keine Ewiggestrigen." Der Frage nach dem Vorbild versucht er auszuweichen. "Müssen etwa alle Schüler auf dem Rubens-Gymnasium malen können? Oder auf dem Clara-Schumann-Gymnasium musizieren?" Man spreche ohnehin nur vom "FFG" statt vom Friedrich-Flick-Gymnasium. Das Kürzel sei die Marke der Schule.Hoß weiß, dass sich die Widersprüche nur mit viel Mühe übertünchen lassen. So geht das schon seit vierzig Jahren. Kein Geist von Flick, aber sein Name. Ein Bild im Vorzimmer, aber kein Text über ihn auf der Homepage der Schule. Ein Verbrecher - kein Verbrecher. "Er hat was gemacht, dafür hat er gebüßt", sagt Herbert Hoß. "Hier hat er viel Gutes getan. Ohne ihn könnten wir unsere Migrantenkinder nicht fördern oder auch keine Zuschüsse für Klassenfahrten geben."Noch immer fließt aus zwei Stiftungen Geld an das Gymnasium mit seinen 800 Schülern. Vor zwei Jahren konnten neue Computer angeschafft werden. Der Physikraum wurde neu ausgestattet. Der beste Abiturient bekommt einen Förderpreis. "Und bei uns muss kein Lehrer seine Kopien selbst bezahlen." Geld stinkt also wirklich nicht? "Ich kann schlecht dazu beitragen, jemandem, der so viel getan hat, einen Fußtritt zu geben", sagt Hoß. "Aber es ist ohnehin nicht unsere Aufgabe, das zu entscheiden. Das kann nur die Stadt Kreuztal."Als Stadt gibt es Kreuztal erst seit 1969, als sie aus vier Dörfern entstand. Damals wurde an einer Wegkreuzung ein neues Stadtzentrum gebaut, das mit seinen Betonfassaden, einem monströsen Kaufmarkt und der Fußgängerzone den Geist der siebziger Jahre atmet. Im Rathaus regiert der CDU-Bürgermeister Rudolf Biermann, ein schlanker Mann mit weißem Haar, ein unkonventioneller Typ. Er will zur Umbenennungsfrage nichts sagen, bis er eine Anfrage der Grünen über die rechtliche Lage geklärt hat: Wenn man den Namen ändert, muss dann zurückgezahlt werden? Ist die Förderung an den Namen gebunden? Und - kann die Stadt es sich leisten?Das sollte möglich sein, denn in Kreuztal gibt es nur sechs Prozent Arbeitslosigkeit und gute Steuerzahler, viele Industriebetriebe, darunter die Brauerei Krombacher. Er habe "den besten Fachanwalt des Siegerlandes" eingeschaltet, um das Problem zu erörtern, sagt der Bürgermeister. Er weiß, dass man die Vergangenheit nicht so einfach loswird. "Der Rat ist verpflichtet, sich der Thematik zu stellen", sagt er. Er halte nichts davon, die Diskussion einfach abzuwürgen.Das ist ein offener Affront gegen den Fraktionsvorsitzenden seiner Partei, Werner Müller, der im Rat angekündigt hatte, jeden Antrag auf eine Debatte mit der CDU-Stimmenmehrheit abzulehnen. Wenn allerdings die Schulkonferenz etwas anderes wolle, dann gäbe es eine "neue Qualität der Auseinandersetzung", sagt Müller. "Dann werden wir neu diskutieren." Die Stadt versteckt sich hinter der Schule, die Schule hinter der Stadt. Das ist das Spiel, wie es in Kreuztal seit zwanzig Jahren gespielt wird.Störend ist nur, dass die Schuldiskussion auch alles andere wieder aufzurühren droht, was Kreuztal zu einem Ort macht, den das Magazin Der Spiegel einmal als "gekaufte Stadt" bezeichnete. Denn es ist das eigentliche Dilemma von Kreuztal, dass die Geburtsstadt von Friedrich Flick sehr gut mit und von ihrem erfolgreichsten Sohn gelebt hat.Friedrich Flick hatte schon immer gern gespendet, 7,5 Millionen Reichsmark an die SS, mit der ihn die Mitgliedschaft im "Freundeskreis Heinrich Himmler" verband, Millionen von D-Mark an die Bonner Bundestagsparteien im Rahmen dessen, was konzernintern als "Pflege der politischen Landschaft" galt - und eben den einen und anderen Tausender an seine Heimatstadt im Siegerland. Deshalb ist er auch ihr Ehrenbürger geblieben.Doch wenn es eine Person gibt, die die Mitschuld der Großindustrie am Naziregime symbolisiert, dann Friedrich Flick. Im Rüstungsboom des Ersten Weltkriegs reich geworden, war er um 1930 der bedeutendste deutsche Schwerindustrielle und profitierte wie kein anderer von der Aufrüstung der Nazis. Er war maßgeblich beteiligt an der so genannten Arisierung jüdischer Betriebe. Er beschäftigte in seinen Unternehmen etwa 50 000 Zwangsarbeiter, von denen nach Schätzungen 10 000 wegen der unmenschlichen Lebensbedingungen starben. Ende 1947 wurde er im Nürnberger Flick-Prozess als Kriegsverbrecher zu sieben Jahren Haft verurteilt, aber bereits 1950 begnadigt.Schnell gelang es ihm, wieder zu alter Größe aufzusteigen. Zu seinem Imperium gehörten Firmen wie Daimler-Benz, Buderus und Dynamit-Nobel. Die Bonner Republik verlieh ihm das Große Bundesverdienstkreuz. Trotz seines Reichtums weigerte sich Friedrich Flick beharrlich, die NS-Zwangsarbeiter zu entschädigen. 1985 verkauften seine Erben den Konzern für fünf Milliarden Mark an die Deutsche Bank, die sich später am Entschädigungsfonds der deutschen Wirtschaft beteiligte. Damals war der Unternehmensgründer lange schon tot. Er liegt seit 1972 begraben in Kreuztal-Ernsdorf, nur ein paar hundert Meter von seinem Geburtshaus entfernt. "Der reichste Mann Deutschlands kam aus Kreuztal", sagen die Leute heute noch, und man hört den Stolz heraus, dass einer von ihnen es geschafft hat.Während er seinen Zwangsarbeitern keinen Pfennig gönnte, überschüttete Flick seine Heimatstadt mit Wohltaten. Die Friedrich-Flick-Förderstiftung in Düsseldorf, dem Sitz der Konzernzentrale, hatte Anweisung, Anträge aus Kreuztal unbürokratisch und schnell zu bearbeiten - was sie bis zum heutigen Tag tut. "Es fließen noch immer viele Gelder", sagt der frühere Schulleiter Günter Schweitzer, der an diesem Tag zu einem Besuch ins Gymnasium gekommen ist. Der 78-Jährige hatte den Ruf, "ein harter Knochen" zu sein. Bei ihm hätten die Abiturienten die Gänge nicht mit bunten Cartoons bemalen dürfen. "Hier der Physiksammelraum, den habe ich noch selbst aufgebaut", sagt er. "Meinen Sie, wir hätten das ohne das Geld von Flick geschafft?"Schweitzer kann erklären, wie es seinerzeit zu dem Namen gekommen ist. Als die Schule gebaut wurde, schien es unmöglich, die Kosten von rund zehn Millionen Mark allein aus dem städtischen Etat aufzubringen. Als Sponsor trat wie stets Flick auf den Plan, und zum Dank schlug man vor, die Schule "Friedrich-Flick-Gymnasium" zu nennen. "Die Idee kam aus dem Stadtrat", sagt Schweitzer. "Darüber wurde nicht diskutiert." Der Gründungsdirektor hält Friedrich Flick durchaus für ein Vorbild, "in Arbeitsamkeit, Sparsamkeit, Fleiß".Früher, zu Schweitzers Zeiten, habe es kein Lehrer gewagt, sich offen gegen den Namen zu äußern, sagt Jürgen Plugge, der seit zwanzig Jahren Deutsch unterrichtet. "Aber ich finde, man kann gegen den Namen sein und die Schule trotzdem gut finden." Er erzählt von Kollegen, die auf Klassenfahrten nie den Namen angäben, sondern sich als "Gymnasium Kreuztal" vorstellten.In der Abiturwoche sieht man viele Schüler mit ihren Büchern auf dem Campus sitzen und lernen. Sie sagen, seitdem die Seite im Internet existiert, werde über Flick auch im Unterricht häufiger gesprochen. So kommt es, dass der Kriegsverbrecher Friedrich Flick dafür gesorgt hat, dass die Diskussion über die deutsche Vergangenheit in Kreuztal sehr lebendig geworden ist.------------------------------"Ich finde, man kann gegen den Namen sein und die Schule trotzdem gut finden." Jürgen Plugge, Deutschlehrer------------------------------Foto: Wer zum Direktor des Friedrich-Flick-Gymnasiums gelangen will, muss am Porträt des Sponsors vorbei.