BERLIN. Am Fenster, dicht neben Dan Kramers Schreibtisch fristet ein grün verschliertes Glasbecken sein trostloses Dasein. Es sieht so aus, als hätte der Chef der Berliner Firma Cyano Biofuels vor Monaten Zierfische ihrem Schicksal überlassen. "Wir arbeiten, schlafen, essen, versorgen unsere drei Kinder." Mit einer Handbewegung bezieht Kramer seine Forschungschefin und Lebenspartnerin Heike Enke am Schreibtisch nebenan in diese Zustandsbeschreibung ein: "Für mehr reicht es momentan kaum." Tatsächlich wirken beide Mitdreißiger etwas blass und abgespannt. Wen wundert´s?Die NagelprobeUnter den 50 Mitarbeitern der 1000 Quadratmeter großen Forschungsetage an der Adlershofer Magnusstraße fiebert es. Runden tagen. Telefone klingeln. Emails huschen. Auf und Ab auf den Fluren. Ihre über Jahre entwickelte Idee verlässt gerade die lichtdurchfluteten Labors in dem Technologiepark. Der Abstimmungsbedarf ist hoch. Schon alsbald wird Cyano Biofuels unter Floridas Sonne Biosprit herstellen. Gewiss, das ist das Teufelszeug, das manchem flotten Otto-Motor einen flotten Otto macht. Aber um künftige Kunden muss Dan Kramer wirklich nicht bange sein. In Brasilien läuft längst jedes dritte Auto mit Ethanol. Und Luftfahrtgesellschaften warten händeringend auf einen klimaneutralen Treibstoff. Ab 2012 werden sie in den Handel mit CO2-Verschmutzungsrechten einbezogen. Dann wird es teuer.Der in Adlershof erfundene Biosprit ist anders als der in Brasilien, anders als die jetzt an deutschen Zapfsäulen boykottierten E10-Beimengungen. Er wird anders hergestellt. "Wir haben kein Teller-oder-Tank-Problem. Wir benötigen keine Lebensmittelpflanzen und auch keine landwirtschaftlichen Flächen", sagt Kramer. Das Ethanol aus Berlin wird aus Blaualgen gewonnen. Die junge Truppe um Kramer und Enke hat es geschafft, dass sich die als Badespaßverderber im Hochsommer verhassten Blaualgen nützlich machen. Sie haben sie genetisch umprogrammiert. Die Bakterien - was diese Seenverpester in Wahrheit sind - produzieren nun so viel natürliches Ethanol, dass sie andere Bio-Spritquellen wie Zuckerrüben, Mais oder Weizen alt aussehen lassen. "Auf dem Feld werden wir ungefähr zehn Mal ertragreicher sein als Zuckerrohr", ist Heike Enke überzeugt. Ein Hektar Zuckerrohr wirft im Jahr 7500 Liter Ethanol ab. Die Adlershofer Blaualgen schaffen auf gleicher Fläche 75000 Liter. Das und deutlich mehr haben sie in ihren heimischen vielfarbigen Glaskolben vielfach gezeigt. In Florida müssen sie es nun unter freiem Himmel beweisen.Bei Fort Myers errichtet Algenol, die amerikanische Muttergesellschaft, zu der die Adlershofer seit Kurzem gehören, gerade eine Pilotanlage. Seit ihrer Firmengründung 2007 werden die früheren Humboldt-Uni-Studenten von den Amerikanern unterstützt. Die wittern den Erfolg. Nicht nur, weil die Berliner den Blaualgen Beine machen konnten. Sie halten vom Bakterium bis zur Ethanolaufbereitung wichtige Patente, die sich sehr günstig auf die Kosten auswirken. Ziel der Projektentwickler sei es, einen industriellen Herstellungspreis von unter 40 Cent pro Liter zu erreichen. Denn das Produkt wird sich nur über den Preis am Markt durchsetzen, ist Dan Kramer überzeugt.Florida wird nun die Nagelprobe. Zwischen 2012 und 2015 soll die Großproduktion des Algensprits beginnen. Vom Zutrauen in die Turbo-Bakterien zeugt, dass Algenol auch dafür längst ein Gelände, halb so groß wie Berlin, nahe den USA gekauft hat. In der mexikanischen Sonorawüste am Golf von Californien sollen dann pro Jahr vier Milliarden Liter Biosprit gewonnen werden. Das ist fast die doppelte Menge, die Deutschland derzeit übers Jahr gerechnet im E10 verpanscht. Neben Algenol sind auch der deutsche Gasspezialist Linde und der amerikanische Chemie-Multi Dow Chemical im Boot. Linde liefert CO2 als nötiges Futter für die Blaualgen. Von Dow kommen die Bio-Reaktoren, 20 Meter lange Plastikschläuche, in endlosen Reihen aufgefädelt. Darin werden die in Berlin gezüchteten Kulturen im Meereswasserbad mit CO2 ernährt und das Ethanol abgeschieden und gesammelt.Der Reiz der Berliner Bio-Spriterfindung besteht aber nicht nur in ihren vergleichsweise wenigen Herstellungsschritten. Perspektivisch ist auch die aktive Umwandlung von CO2 bedeutsam. Bislang gibt es neben der natürlichen Photosynthese kaum vielversprechende Technologien, die Kohlendioxid als Rohstoff nutzen oder zurück in den natürlichen Kreislauf bringen. "Aus einer Tonne CO2 machen wir etwa 560 Liter Ethanol", sagt Dan Kramer. Weil es aber noch nicht einfach so in einem Kraftwerk kaufen kann, ist das Gas für Cyano Biofuels der größte Kostenfaktor.Wettbewerber sind auch zu beachten. Darunter die mit mehreren Hundert Millionen Dollar vom Öl-Multi ExxonMobil ausgestattete Firma Synthetic Genomics von US-Genpionier Craig Venter. Auch er experimentiert mit Blaualgen.Nicht unumstrittenKritiker wie den Verband der Deutschen Chemie gibt es auch. Sie bemängeln etwa den riesigen Flächenbedarf des Projekts und schließen Anlagen in Deutschland aus. Das Münchner Institut zur unabhängigen Folgenabschätzung in der Biotechnologie wiederum warnt vor Wetterextremen in Mexiko und einer möglicherweise unkontrollierten Freisetzung der Gen-Algen. Was Dan Kramer für unbegründet hält. "Außerhalb der Bio-Reaktoren sind unsere Einzeller nicht lebensfähig."Auch eine andere Gefahr räumt er aus: Dass Cyano Biofuels nämlich Berlin bald den Rücken kehren könnte. Ein naheliegender Gedanke meint man, wenn Bio-Spritbakterien doch heiße Wüsten an Salzwasserküsten lieben. "Nirgendwo auf der Welt ist die Blaualgenforschung so weit wie in Berlin und Potsdam", glaubt Kramer. Er hält das grandiose Wissenschaftsnetz, in dem er sich hier in Adlershof bewegt, für unersetzlich. "Schauen Sie sich das hier an." Er zeigt auf das eingangs erwähnte, grün verkeimte Glasbecken. Ein seltsames Geschenk an seine Frau, in dem übrigens nie Fische lebten. "Diese Algen gibt es seit 3,5 Milliarden Jahren. Man kann noch einiges von ihnen lernen."------------------------------Tradition: Hier wurde das Kondom erfunden und die Currywurst. In Berlin fuhr die erste elektrische Lokomotive und rechnete der erste Computer. Heute gehört die Stadt zu den größten Wissen-schaftsregionen Europas.Beschäftigte: An vier Universitäten, sieben Fachhochschulen, drei Kunsthochschulen, 18 privaten Hochschulen und mehr als 60 Forschungsstätten lehren, forschen, arbeiten und studieren etwa 200000 Menschen.Resultate: Jährlich werden in Berlin knapp 1000 Patente angemeldet.------------------------------Foto: Dan Kramer ist der Chef der 2007 geründeten Firma Cyano Biofuels.Foto: Berliner Blaualgen erzeugen zwanzig Mal mehr sauberen Biosprit als Mais oder Zuckerrüben.