An manchen Tagen, sagt Peter Rieger, fühle er sich wie Gott. Wenn die Show beginnt, die Menge jubelt, und Elton John Don't let the sun go down on me singt, und er der Mann ist, der die Fäden in der Hand hält.Rieger ist Konzertveranstalter und bringt Musiker wie Elton John und Lou Reed auf Deutschlands Bühnen. Seit rund 25 Jahren spielt er mit in einem Geschäft, das nie ganz normal war, das vom Fanatismus lebt und davon, dass nichts verrückt genug sein kann. "Jetzt aber", sagt er, "ist alles wirklich ein wenig verrückt geworden."Seit Jahren beobachtet der Kölner Agenturchef, wie die Konzertkarten stetig teurer werden. Ein Ticket für das Konzert der Popsängerin Kylie Minogue in diesem Frühjahr kostet 64,80 Euro. Wenn Marius Müller Westernhagen im Dezember in Berlin auftritt, dann werden die Besucher rund 70 Euro zahlen - für ein paar Stunden Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz. Als die Popdiva Madonna unlängst für ein Konzert nach Deutschland kam, kosteten die Karten bis zu 110 Euro. "Viele Eintrittspreise sind überhöht", sagt auch Michael Bisping von der Hamburger Agentur ASS Concert.100 000 Euro für die StarsDie Preisexplosion hat mehrere Gründe. Der erste klingt paradox: Selten war der Wettbewerb unter den großen Konzertveranstalter so hart wie derzeit. Jede Agentur will die neuen Künstler aus dem Ausland auf die Bühne bringen. Damit das gelingt, müssen hohe Gagen gezahlt werden, um die anderen Konzertveranstalter zu überbieten. Dieser Wettlauf aber verteuert die Tickets. Denn die Gage bestimmt zu einem großen Teil den Preis der Karten. Bis zu 50 Prozent beträgt der Anteil der Künstlergehälter an den Kosten. Erhält der Künstler 100 000 Euro oder mehr für eine Tournee, werden die Karten eben teurer.Die Agenturen können sich das bislang noch leisten. Die meisten Konzertveranstalter machen Gewinne. Das Unternehmen CTS Eventim zum Beispiel, zu der die Agenturen MLK und Peter Rieger gehören, steigerte in seiner Livekonzert-Sparte den Gewinn vor Steuern im vergangenen Jahr um 4,5 Prozent auf 12,2 Millionen Euro. Selbst der Deutschen Entertainment AG (Deag), die vor Jahren wegen Problemen im mittlerweile verkauften Musical-Bereich in der Krise steckte, geht es dank der hohen Erträge in der Konzert-Sparte wieder blendend: 2004 erwirtschaftete die Deag einen Gewinn von 4,7 Millionen Euro.Während die Tonträgerbranche um jeden Kunden kämpft, macht die Konzertbranche seit Jahren ein gutes Geschäft. "Wir haben uns nie richtig schwer getan", sagt Peter Rieger.An der Spitze der Unternehmen sitzen schillernde Personen, die mit Stars wie Bryan Adams und Bruce Springsteen gut bekannt sind. Wenn die Stars aus Übersee am Flughafen ankommen, erwartet sie nicht selten einer der Agenturchefs, um sie zum Hotel zu geleiten. Nicht wenige in der Branche sagen, dass so mancher Musiker allein deshalb unter Vertrag kommt, weil der Chef aus Eitelkeit darauf besteht. "Es gibt eine Reihe von Künstlern, die ein Promoter einmal veranstaltet haben muss", sagt ein Veranstalter.Peter Rieger sieht hier das Dilemma. "Wir sind zuständig für die Preisspirale", sagt er. Die Agenten der ausländischen Künstler könnten die Forderungen in die Höhe treiben, wie sie wollten - es gebe immer jemanden, der die Gage zahlt, um den Zuschlag für die Deutschlandkonzerte zu erhalten. "Die Agenten der Künstler spielen mit uns ein schönes Spiel", sagt Rieger.Bislang ging dieses Spiel gut - nicht zuletzt wegen der Fans. Sind die Konzerte der großen Stars ausverkauft, florieren die Schwarzmärkte. Karten für Künstler wie U2 oder Madonna wechseln dort für 150 Euro oder mehr den Besitzer. "Manchmal fragen auch wir uns, warum die Leute die teuren Tickets kaufen", sagt Frank Maass, Marketing-Chef der Deag. Maass ist die Diskussion über die erhöhten Ticketpreise dennoch unverständlich. Wie in jeder Branche bestimme auch im Konzertbusiness der Markt die Preise. Solange die Fans die Tickets kauften, könnten diese nicht zu teuer sein.Noch kaufen die Fans, doch niemand weiß, wie lange noch. Erste Anzeichen für eine Krise gab es bereits. Die Karten für das jüngste Rolling-Stones-Konzert in Hamburg verkauften sich schlechter als erwartet. Für die Veranstalter sind solche Szenarien ein Desaster, denn das Geschäft mit Konzerten ist ein knapp kalkuliertes Unterfangen. Bei einem Stadionkonzert müssen 65 000 von 70 000 Karten verkauft werden, damit ein Veranstalter Gewinne erwirtschaftet, schätzen Experten.In der Branche mehren sich daher die warnenden Stimmen. "Wir sind am Ende der Preisschraube angelangt", sagt ASS-Chef Bisping. "Die Leute beginnen zu reagieren." Jedes teure Ticket halte die Kunden davon ab, zwei weitere zu kaufen. Solch ein Abschreckungseffekt wäre fatal für die Branche. Bisping hat daher mit einigen seiner Künstler einen Deal gemacht: Niedrige Gagen, billige Konzerttickets - und gute Chancen auf volle Hallen. Die Musiker der deutschen Rockband "Juli", die mit ASS Concerts auf Tournee gehen, stehen derzeit für 22,50 Euro auf der Bühne. "Wir müssen ein bisschen weniger gierig sein", sagt Bisping. "Oder bei überzogenen Gagenforderungen einfach mal Nein sagen."Peter Rieger glaubt nicht, dass die Großen in Zukunft bescheidener sein werden. Irgendwann, so sagt er, werden die ersten Tourneen den Bach runtergehen, weil das Publikum ausbleibt - ein Albtraum für Künstler und Veranstalter. Elton John würde dann vor leeren Rängen von untergehenden Sonnen singen. Und die Götter im Hintergrund wären plötzlich wieder auf dem Boden der Tatsachen.------------------------------BRANCHE // Fans: Die Konzertbranche lebt von den internationalen Stars - doch vor allem von den Fans. Im Jahr 2003 kauften rund 33 Millionen Deutsche 142 Millionen Konzertkarten. Im Durchschnitt hat damit jeder Fan 4,2 Konzerte besucht. Die Gesellschaft für Konsumforschung hat errechnet, dass jeder Fan pro Jahr rund 80 Euro für Konzertkarten ausgibt.Veranstalter: In Deutschland gibt es rund 300 Konzertveranstalter. Zu den größten Konzertagenturen gehören die Marek Lieberberg Konzertagentur (MLK) die börsennotierte Deutsche Entertainment AG (Deag) und die Agentur von Peter Rieger in Köln. Im Jahr 2003 setzte die Branche rund 2,7 Milliarden Euro um. Die Zahl der Konzerte wird auf rund 3 000 pro Jahr geschätzt.Tickets: Einen erheblichen Teil der Einnahmen streichen die Vorverkaufsstellen ein. Sie verlangen für den frühen Verkauf der Tickets zwischen 10 und 17 Prozent des Preises. Experten rechnen damit, dass in Zukunft immer mehr Karten über das Internet verkauft werden. Durch den zusätzlichen Wettbewerb könnten die Gebühren sinken.------------------------------Grafik: Markt für Live-Musikveranstaltungen------------------------------Grafik: Musicals und Pop gleichauf------------------------------Foto: Bono, Sänger der Band U2: Shows mit Stars sind ein gutes Geschäft.