Weiß-rote Plastikfähnchen sind sorgsam auf Schnüre gezogen. Die Wimpelketten bewegen sich nahezu bei jedem Lüftchen. An Zäunen und Toren befestigt, sollen sie das Rehwild von den Gärten unterhalb des Kienbergs fern halten. Rehe haben in der kalten Jahreszeit besonderen Appetit auf das, was die Parzellen bieten: frischen Grün- und Rosenkohl, Rinde und junge Zweige von Obstbäumen. Auch Feldhase und Kaninchen, Eichhörnchen, Krähen und Elstern schätzen die im Winter verlassenen Kleingärten als günstige Nahrungsquelle. 15 Rehe werden derzeit im Marzahner Teil des Wuhletals gezählt, der Großteil davon lebt im Dickicht des 102 Meter hohen Kienberges.Nach dem Abklingen der letzten Eiszeit vor etwa 10 000 Jahren entstand die Schmelzwasserrinne der Wuhle. Beidseitig des Tals bildete sich eine flachwellige Grundmoränenlandschaft. Das Fließtal der knapp zwei Meter breiten Wuhle bildet einen der größten Grüngürtel Berlins. "Ein Paradies für Tiere" nennt ihn der Leiter des Marzahner Naturschutz- und Grünflächenamtes (NGA), Gerd Steinberg. Denn in dem durch Berge und Hügel, Teiche und Feuchtgebiete, Wiesen und Auenwald geprägten Areal haben zahlreiche seltene und vom Aussterben bedrohte Tierarten ihren Lebensraum. Dort sind beispielsweise der auf der Roten Liste stehende Feldhase, Mauswiesel, Bisam und Schermaus zu finden. Laut Steinberg brüten 70 Vogelarten im Wuhletal, darunter Bussard, Rohrweihe, Eichelhäher, Nachtigall, Neuntöter und Zaunkönig. Als Gäste kommen aber auch der Eisvogel, der Kiebitz und Raubvögel wie Habicht, Sperber und Turmfalke.Weniger FeldhasenSeit 1998 hat der Bestand an Wasservögeln zugenommen. Auch die Frosch- und Molchpopulation in Kienbergnähe hat sich vergrößert. Der Grund: Naturschützer haben drei Dämme zum Anstauen der Naturwuhle gebaut und vier Flächen ein Gelände von etwa drei Hektar Größe unter Wasser gesetzt. Den ehemaligen Feuchtgebieten war in den letzten Jahrzehnten unter anderem durch den Bau der nahe gelegenen Großsiedlung Hellersdorf das Wasser entzogen worden. "In diesem Sommer wurden bis zu zehn Graureiher gesehen, die sich im neu entstandenen Wuhlesee ihr Futter geholt haben", sagt Steinberg. Die Blesshühner hätten sich ebenfalls stark vermehrt "zur Freude der Greifvögel", erklärt Sporzecki. Nun finde im Wuhletal sogar die selten gewordene Rohrweihe, von der nur noch etwa zehn Brutpaare in Berlin leben, bequem Nahrung.Enttäuscht sind die Mitarbeiter des Naturschutz- und Grünflächenamtes allerdings über die Dezimierung anderer Arten. "Das Rebhuhn ist im Wuhletal praktisch ausgerottet", bedauert Steinberg. Auch der Bestand an Feldhasen sei deutlich zurückgegangen. Den Übeltäter hat Steinberg schon längst ausgemacht: Die Füchse haben sich unverhältnismäßig vermehrt. Die jährliche Tollwut-Immunisierung vermindere Krankheiten bei den Raubtieren.Doch auch der Mensch trägt einen Teil Schuld. "Viele Spaziergänger leinen ihre Hunde nicht an", sagt Steinberg. Insbesondere große Tiere und Jagdhunde versuchten, Wild aufzustöbern. Auch Rehe wurden schon gerissen. Steinberg appelliert an die Hundehalter, den Leinenzwang ernst zu nehmen, damit "der einzigartige Tierbestand im Wuhletal" erhalten bleibt.DAS WUHLETAL 20 Kilometer Grün // Das Wuhletal zwischen den Neubaubezirken Hellersdorf und Marzahn bildet einen der größten Grüngürtel Berlins. Auf fast 20 Kilometern Länge erstreckt es sich von Ahrensfelde bis Köpenick. Ein Wanderweg durchzieht das gesamte Tal.Zu DDR-Zeiten gab es folgenschwere Eingriffe in den Landschaftsraum: So wurde in den 50er-Jahren der Biesdorfer Trümmerberg aufgeschüttet, in den 70er- und 80er-Jahren folgten Kienberg und Ahrensfelder Berg. Der Bau der Großsiedlungen beeinträchtigte das Gebiet am schwersten: Fernwärmeleitungen, Hochspannungstrassen und andere Versorgungsleitungen wurden durch das Tal gezogen.Zur Ableitung der Abwässer des Klärwerks Falkenberg erfolgte der teilweise Ausbau der Wuhle als Klärwerksableiter südlich vom Rohrbruch am Kienberg. 2003 soll das Klärwerk geschlossen werden. Weil dann im Wuhletal der Wasserpegel abzusinken droht, wird seit geraumer Zeit über Maßnahmen nachgedacht, die einem Wassernotstand entgegenwirken können.Seit Anfang der 90er-Jahre wird ein Freiraumkonzept für das Wuhletal verwirklicht. Etliche Landschaftspläne für spezielle Abschnitte wie beispielsweise das Gebiet Wuhlgarten oder Biesdorfer Höhe/Kaulsdorfer Wiesen wurden erarbeitet und schrittweise umgesetzt. Im Wuhletal befinden sich sowohl Parks als auch Flächen für den Biotop- und Artenschutz.Rund 250 Arten an Farn- und Blütenpflanzen werden im Wuhletal gezählt, darunter 23 geschützte beziehungsweise gefährdete Arten der "Roten Liste". Erstmals gesichtet wurde im Sommer 1999 eine Kreuzotter.Naturbeobachtungen im Wuhletal bietet das Freilandlabor Marzahn an. Interessenten können sich unter 5 62 88 82 informieren. Ab 1. Januar ist das Freilandlabor im Erholungspark Marzahn zu erreichen, Tel. 5 46 98-0.

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