Istanbul - Aram las die Hiobsbotschaft auf der Internetseite seiner Schule. Eine kurze Mail teilte dem 14-jährigen christlichen Armenier aus Istanbul im September mit, dass er auf eine sogenannte Imam-Hatip-Schule versetzt werde – eine Schule, die muslimische Geistliche ausbildet. „Das war schon heftig“, sagt der Junge, der mittellanges Haar und einen Oberlippenflaum trägt. „Fassungslos“ seien sie gewesen über die Entscheidung des Schulamts, fügt seine Mutter hinzu.

Die wohlhabende Familie aus dem Istanbuler City-Bezirk Nisantasi, die ihren Namen nicht gedruckt sehen möchte, hat sich wie viele der rund 60 000 türkischen Armenier mit dem Staat arrangiert, der ihnen gewisse Minderheitenrechte gewährt. Zu diesen gehört, dass ihre Kinder christlich-armenische Schulen besuchen können. Wie also kommt ein türkischer Christ auf eine Islamschule? „Sie behaupten, es sei ein Fehler im Computersystem“, sagt der jugendlich wirkende Vater, Chef einer Baufirma. „Aber in Wahrheit ist dieser Staat nur noch dem Papier nach säkular. Alles wird islamisiert.“

Obligatorische Korankurse

Aram hatte im landesweiten Test nach der achten Klasse zu wenige Punkte erreicht. Damit konnte er sich nicht für eins der besseren Gymnasien bewerben und wurde vom zentralen Schulcomputer zwangseingeteilt. Wie er stellten dieses Jahr viele türkische Kinder fest, dass sie gegen ihren Willen auf staatlichen Imam-Hatip-Oberschulen eingeschrieben wurden, in denen der Lehrplan zwar das normale Curriculum beinhaltet, aber durch obligatorische Kurse über „Korankunde“ und das Leben des Propheten Mohammed ergänzt wird.

Der Name Hatip leitet sich von dem arabischen Wort khatib ab, das den muslimischen Freitagsvorbeter bezeichnet. Doch im Lauf der Zeit avancierten die Imam-Hatip-Schulen zu einer Art Regelschule für Konservative. Seit eine Bildungsreform der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP die Imam-Hatip-Ausbildung 2012 auch in Mittelschulen einführte, hat sich der fromme Bildungszweig geradezu explosionsartig vermehrt – was die Regierung mit dem Argument rechtfertigt, dass religiöse Bevölkerungsschichten sich diese Schulen für ihre Kinder wünschten.

Seit Jahrzehnten streiten in der Türkei, deren 75 Millionen Einwohner zu 99 Prozent Muslime sind, die politischen Fraktionen über die Stellung der Religion im Staat. Einer der heftigsten Kampfplätze ist die Bildungspolitik. Vor allem Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan, selbst ein früherer Imam-Hatip-Schüler, forciert die Religionsschulen. „Wir wollen eine religiöse Jugend erziehen“, sagte er in einer Rede vor drei Jahren und sandte damit Schockwellen durch den säkularen Teil der Gesellschaft.

„Imam-Hatip-Schulen sind das zentrale Instrument der ideologischen Islamisierung“, erklärt Ayten Durmus, Lokalpolitikerin der sozialdemokratischen Oppositionspartei CHP, die sich im Stadtteil Sarigazi auf der asiatischen Seite Istanbuls um die Bildungspolitik kümmert. Ihre Partei läuft seit Jahren Sturm gegen die Bildungspolitik der AKP, die sie als Angriff auf die säkularen Fundamente des Staates empfindet.

An diesem Tag sitzt die 47-Jährige in einem Café im Zentrum von Sarigazi und hat den 15-jährigen Ahmet Can mitgebracht, Kind einer Arbeiterfamilie. „Ich habe die Punktzahl im Test nicht geschafft“, berichtet der Junge. Die Behörde schickte ihn daraufhin auf eine Imam-Hatip-Schule zwei Busstunden entfernt. „Das ist viel zu weit“, sagt der Jugendliche. „Außerdem sind wir in der Familie nicht sehr religiös.“ Ahmet will eigentlich Elektroingenieur werden, jobbt jetzt aber in einer Autowerkstatt, ohne dass sich die Behörden um ihn kümmern. Einige Freunde habe der Computer ebenfalls auf Imam-Hatip-Schulen geschickt. „Dauernd ist dort Religionsunterricht“, sagt Aram, „und es wird sehr schlecht über Atatürk geredet.“