Während die Bundesregierung noch heftig streitet, ob und wie man Griechenland finanziell weiterhin unterstützen soll, treibt die Schuldenkrise schon heute viele Griechen aus ihrem Land. In Deutschland kommen derzeit jeden Monat rund 1400 Griechen an. Auch Berlin lockt viele von ihnen. Sie kommen, auf der Suche nach einer Zukunft, die sie für sich in ihrer Heimat nicht mehr sehen. Fast alle wollen bleiben, als erstes lernen sie deutsch.Pater Emmanuel Sfiatkos, der Pfarrer der griechisch-orthodoxen Kirchengemeinde in Steglitz, sagt, er sei in seiner Gemeinde an allen Fronten im Einsatz. Er macht Hausbesuche, ist 24 Stunden auf seinem Handy erreichbar und einfach immer da, wenn er gebraucht wird. In letzter Zeit tut er aber vor allem eines: denen helfen und Trost spenden, die in ihrer Heimat Griechenland durch die Finanzkrise alles verloren haben und deswegen nach Deutschland auswandern.Seine Gemeinde umfasst 12 000 Griechen in Berlin und Umland und weitere 1500 Griechen in Ostdeutschland, die Pater Emmanuel ebenfalls betreut. "Seit diesem Frühjahr wird die Gemeinde immer größer", sagt er. Einige finden den Weg zu ihm via Internet, die meisten aber kommen persönlich, sonntags, nach dem Gottesdienst. "Ich mache mir wirklich große Sorgen um die Situation in meinem Land."Nicht so sehr die Sorge um das Heimatland, als vielmehr handfeste Informationen für einen Neustart beschäftigt eine andere wachsende Gemeinde von Griechen in der Hauptstadt: Die Facebook-Gruppe Greek Berliners wächst täglich. Derzeit sind es 660 Mitglieder, die sich in dem Forum über Jobmöglichkeiten, Hilfe mit der deutschen Bürokratie oder Tipps zur Wohnungssuche austauschen.-----Christos Keramidis ist einer von ihnen. Der 26-Jährige hat vor zwei Monaten seinen Job als Modeverkäufer in Thessaloniki gekündigt. Jetzt wohnt er in einer WG am Alexanderplatz und hofft auf einen Job als Kraftfahrer. Er sagt, von den 650 Euro Gehalt in Griechenland habe er zwar gerade so leben können. "Aber eine Zukunft gestalten, oder gar eine Familie gründen kann ich damit nicht." Einen Teil der ersparten 2000 Euro habe er schon in einen Deutschkurs investiert, aber sein Deutsch sei noch nicht gut genug, um einen Job zu bekommen. Um aber weiterhin einen Sprachkurs besuchen zu können, müsste er jetzt Geld verdienen. Er hofft, dass er nicht in sein Land zurück muss. Seiner Ansicht nach ist Griechenland verloren. "All das viele Geld wird uns nicht helfen, die Schulden zu bezahlen." Er glaubt, dass Griechenland nur noch von den Griechen im Ausland zu helfen sei. "Die jungen Leute müssen auswandern und ihr Land mit dem Geld aus dem Ausland unterstützen."Giorgios Kavalidis ist bereit, genau das zu tun. Auch der 25-Jährige wagte vor zwei Monaten den Neuanfang und kam mit seiner Freundin aus der Nähe von Thessaloniki. Der Grund: mangelnde Jobperspektive. "Es gibt einfach kaum Arbeit. Und falls du doch Glück hast und etwas findest, bleibt von dem Geld kaum etwas übrig, weil die Steuern so hoch sind." Die Wut über die griechischen Politiker versteckt Kavalidis nicht: "Die Funktionäre haben uns diese Probleme mit den Schulden eingebrockt und wir Kleinen leiden jetzt darunter." Alle paar Monate würden jetzt neue Steuern erhoben. Kavalidis hat einen Bachelor in Wirtschaftsinformatik. Eine Branche, die qualifizierte Leute braucht - eigentlich. Aber Kavalidis spricht noch kein Deutsch. Gerne möchte er einen englischsprachigen Master an einer der Berliner Universitäten machen. Ob er dort allerdings einen Platz bekommt, ist ungewiss. Für die Übergangszeit haben der Computerspezialist und seine Freundin eine Anstellung als Kellner gefunden. Dieser Job wurde ihnen von dem griechischen Wirt Kostas Papanastasiou vermittelt. Der ehemalige Schauspieler aus der Lindenstraße ist Inhaber der Taverne "Terzo Mondo" in Charlottenburg. Das Gasthaus ist ein Anlaufpunkt für viele Berliner Griechen.Theodoros Katsaras ist einer der Köche in der Taverne. Vor einem Jahr ist er aus Griechenland nach Berlin gekommen. Er fühlt sich wohl hier, aber eine aufkommende Tendenz stört ihn: "Immer mehr Deutsche denken, dass die griechischen Bürger schuld an der Krise sind. Das stimmt aber nicht."Panagiotis Andrianessis sagt hingegen: "Die Deutschen sagen die Wahrheit." Es gebe zu viel Schwarzarbeit und zu viel Schwarzgeld. Er habe den Eindruck, die Griechen wollten in die Pleite gehen. Der Wirtschaftsjournalist hat seine Emigration zwei Jahre vorbereitet. Seit diesem Sommer lebt der 45-Jährige mit seiner Frau Savvoula Kontonassiou, einer Journalistin, und ihrem zwölfjährigen Sohn fest in Berlin. Sie haben sich von ihrem Ersparten eine 65 Quadratmeter große Wohnung in Schöneberg gekauft. Er spricht schon fließend deutsch und kennt Deutschland seit seiner Kindheit. "Meine Mutter hat bei Siemens gearbeitet und ich war schon als Junge oft im Urlaub hier." In Griechenland habe ihn nichts mehr gehalten."Das Geld ist nicht das erste, es geht um das Leben." Die Stimmung im Land sei fürchterlich. Ob mit Euro oder Drachme: Griechenland sei schon jetzt "ein Land voll armer Menschen, ohne Lust am Leben." Natürlich sei Griechenland wunderschön, "aber zu einem Land gehören eben nicht nur schöne Strände und der blaue Himmel". Andrianessis' Familie lebt noch von dem, was er als Autor eines Wirtschaftsmagazins verdient. Das sei auf Dauer nicht genug, aber er spiele gut Klavier, vielleicht ließe sich ja auch damit Geld verdienen.Sotirios Balokas sieht sein Land ebenso kritisch. Er glaubt, dass alle Griechen zur desolaten Situation beigetragen hätten. "Es ist auch, aber nicht allein, die Schuld der Politik." Vetternwirtschaft, Ineffizienz insbesondere im öffentlichen Sektor und die Tendenz, keine Steuern zu zahlen, nennt er als einige Gründe. Balokas ist Arzt. Zwei Jahre arbeitete der 27-Jährige in Athen, dann wurde seine Stelle gestrichen. Aber das allein war nicht der Grund auszuwandern. Die Chancen, sich beruflich weiter zu qualifizieren seien einfach besser hier.Jetzt ist er allerdings erst einmal Barkeeper in Prenzlauer Berg. Er hätte auch andere Jobs angenommen, wenn er nicht zufällig in einem Club den Cafébesitzer Nikos Foskolos getroffen hätte. Die beiden kannten sich, weil sie von der Kykladen-Insel Tinos stammen. Foskolos, der selbst schon seit 14Jahren in Berlin lebt, bot ihm den Job an. Balokas kam Anfang des Jahres nach Berlin. Er würde die Theke wieder gegen den OP-Tisch eintauschen, das stand für ihn von Anfang an fest. Ihm war klar, dass er zunächst die Sprache lernen müsse, um hier als Arzt zu arbeiten. Das tut er nun seit neun Monaten.Sein ursprünglicher Plan war, bis Ende des Jahres sein Sprachdiplom zu machen und sich dann hier zu bewerben. Auch die Nachrichten aus dem Bekanntenkreis stimmten ihn zuversichtlich. "Allein 20 Ärzte, die ich kenne, sind nach Deutschland gekommen und sie fanden alle einen Job." Aber nun wird Sotirios doch nach Griechenland zurück gehen, er hat ein Angebot aus einem Krankenhaus in Athen. "Die Zukunft dort ist ungewiss, aber wenn es nicht klappt, komme ich zurück."------------------------------Griechische AuswanderungDeutschland: Laut Statistischem Bundesamt emigrierten im vergangenen Jahr 13 716 Menschen von Griechenland nach Deutschland. Das waren rund 4000 mehr als 2009, was eine Steigerung von rund 13 Prozent ergibt. Heute leben rund 300 000 Griechen in Deutschland.Berlin: Derzeit sind in der Hauptstadt 9590 Griechen registriert. Die Altersgruppe zwischen 14 und 45 Jahren ist mit 5035 Menschen besonders stark vertreten. Es folgen 2593 Griechen im Alter von 45 bis 65 Jahren. 1418 der Immigranten sind über 65 Jahre, 544 sind unter 15. Arbeitslosigkeit: In Griechenland liegt nach jüngsten Erhebungen die Arbeitslosenquote bei 15 Prozent. Im gesamten Euroraum liegt sie bei 10 Prozent. Die Jugend ist von der Krise besonders betroffen: 38,5 Prozent der unter 25-Jährigen in Griechenland haben derzeit keinen Arbeitsplatz. Geschichte: Bis zu der Militärdiktatur 1967 bis 1974 lebten in Deutschland etwa 200 000 Griechen. Während der Militärherrschaft steigerte sich diese Zahl bis auf 400 000. Die Zahl ging zunächst zurück. Durch die Finanzkrise wurde erneut eine Auswanderungswelle ausgelöst.------------------------------Foto: Stetiges Wachsen der griechischen Gemeinde in Steglitz: Die Heilige Eucharistie durch Pater Emmanuel ist ein religiöses Ritual.Foto: Computerspezialist Giorgios Kavalidis lebt seit Anfang Juli in Berlin. Er möchte schnell Deutsch lernen, um seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern.Foto: Cafébesitzer Nikos Foskolos (l.) lebt seit 14 Jahren in Berlin, er bot dem Arzt und Neuankömmling Sotirios Balokas einen Job als Barkeeper.