Als Luisa Serafin 2006 nach Berlin kam, setzte sie sich eine Frist: Wenn sie innerhalb eines Monats einen Job findet, dann würde sie in Berlin bleiben. Schon am ersten Tag fand sie Arbeit in einem Modeunternehmen. Drei Jahre später hatte sie eine eigene Boutique an der Sophienstraße in Mitte: "La Dolce Vita". Sie verkauft italienische Mode, elegant, schwarz, figurbetonte Kleider, dazu legere Berliner Streetfashion. Stolz präsentiert sie ihre Kollektion. "Wenn man eine Idee hat, ein Projekt, dann ist Berlin perfekt", sagt sie mit italienischem Akzent. "Was willst du schon als Künstler in Italien machen?"Hinzu kommt, dass in den großen Städten Italiens das Leben mit geringem Einkommen kaum mehr finanzierbar ist. Ein winziges Zimmer, das sich mehrere Mieter teilen müssen, kostet 300 Euro pro Person. Deshalb wohnen viele Italiener noch bis in die Dreißiger bei ihren Eltern. Im Süden gebe es dazu nur wenige Jobs, sagt Luisa Serafin, und auch im Norden bekomme man nur Arbeit, wenn man die richtigen Leute kenne: "In Italien hat man einfach nicht die Chance, etwas Neues auszuprobieren."Billigflieger bringen TouristenIn den vergangenen Jahren kamen auch immer mehr Touristen aus Italien nach Berlin. Im Jahr 2000 zählte das Tourismusmarketing-Unternehmen Visit Berlin 261000 Übernachtungen von Italienern in Berlin. 2009 waren es schon 721000 Übernachtungen - so viele wie von keiner anderen Nation. Angelockt von dem Ruf einer weltoffenen Stadt, zieht es vor allem junge Leute, Kreative und Künstler hierher. "Berlin hat in Italien das Image einer liberalen Stadt, in der man sich selbst verwirklichen kann", sagt Christian Tänzler vom Berliner Tourismusbüro. Begünstigt werde diese Entwicklung auch durch Billigflieger, die Scharen von Italienern günstig nach Deutschland bringen.Viele kommen erst zu Besuch und bleiben später ganz in Berlin. Die Anzahl der italienischen Einwanderer steigt stetig an. 15800 leben jetzt in Berlin, 3000 mehr als noch vor zehn Jahren. Auch Marina Sorbello fasste bei ihrem ersten Aufenthalt den Entschluss auszuwandern. Nach dem Studium kehrte sie Italien endgültig den Rücken, zog vor zehn Jahren nach Berlin und arbeitet seitdem freiberuflich als Kuratorin. Ihr jüngster Auftrag war es, Werke für eine Ausstellung in der Italienischen Botschaft in Berlin auszuwählen. Die Schau "Italiens junge Kunst in der Botschaft", die derzeit zu sehen ist, zeigt Arbeiten junger italienischer Künstler, die in Berlin leben. "Viele Werke beschäftigen sich mit dem Verfall und der Wandlung Berlins", erklärt sie. "Berlin bietet den Künstlern viel. Das Material ist hier günstig, auch die Produktionsbedingungen sind durch die vielen Ateliers besser als in Italien."In Italien gehe es im Unterschied zu Berlin nur darum, mit Kunst Gewinne zu erzielen, sagt Corrado Lampe vom Deutsch-Italienischen Kulturverein. "Hier in Berlin steht das Kunstwerk an sich im Mittelpunkt und nicht der Gewinn, der damit erzielt wird", sagt er. Dass Italiener in Berlin nur mit Restaurants ihr Geld verdienen, sei längst vorbei. "Mittlerweile kommen auch immer mehr Akademiker und arbeiten hier als Forscher oder Uni-Dozent".Tancredi Gusman zum Beispiel lebt seit einem halben Jahr in der deutschen Hauptstadt. Der 29-Jährige schreibt seine Doktorarbeit über die deutsche Theaterkritik zu Beginn des 20. Jahrhunderts und hat es so geschafft, seine Arbeit mit seinem Berlin-Faible zu verbinden. Dass es für die zahlreichen Galerien, Theater und Kinos in Berlin ein interessiertes Publikum gibt, hat Gusman fasziniert. Im derzeitigen Italien komme der Kultur leider nicht so eine große Bedeutung zu. Zwar gebe es viele Künstler, die sich trotz der schlechten Förderung nicht unterkriegen lassen. Aber Berlin sei auch wegen der niedrigen Lebenskosten der bessere Ort, ein Projekt zu starten. Nur Geld bekomme man dafür in der Regel nicht. Freunde von ihm hätten zwar ein Atelier in Berlin, verkauften aber ihre Werke nach Mailand.Auch die Forschungsausgaben seien in Berlin wesentlich höher als in Italien, ein Job an der Uni damit wahrscheinlicher als zu Hause, lobt Tancredi Gusman noch. Aber: Wie und wo es nach der Promotion weitergeht, weiß er noch nicht. "Ich lasse das Schicksal entscheiden."Viele Zugezogene bleiben nicht ewig in der Stadt. Die Sprache sei zu Beginn das größte Hindernis, erzählt Luisa Serafin, dazu komme das trübe Wetter und das deutsche Essen. Zudem müsse man sich jedes Jahr einen neuen Freundeskreis aufbauen. Viele ziehen nach einem oder zwei Jahren weiter nach London oder gehen zurück nach Italien, wenn es mit der Selbstverwirklichung nicht geklappt hat.Luisa Serafin scheint es geschafft zu haben. Für sie ist Berlin wie das Rom der sechziger Jahre, so wie es in dem Film "La Dolce Vita" gezeigt wird. Fasziniert von dem pulsierenden Leben der Stadt, macht sich im Film ein Paparazzo auf die Suche nach den Geheimnissen der Schönen in Rom und findet hinter der Welt des Scheins die Vergänglichkeit und geplatzte Träume. "Jeder Tag ist wie ein Kampf", sagt Luisa und lächelt. "Ich hatte Glück."------------------------------450000 Ausländer leben in BerlinAusländer in Berlin: Etwa 450000 von 3440000 Berlinern haben keinen deutschen Pass. Die Ausländerquote liegt damit bei 13,5 Prozent. Vertreter von 190 Nationen leben in Berlin, damit ist fast jedes Land der Welt hier vertreten.Europäer: Fast ein Drittel aller Ausländer aus der Europäischen Union sind Polen, an zweiter Stelle liegt Italien, gefolgt von Frankreich und England.Italien: Waren im Jahr 2000 noch 12800 Bürger mit italienischem Pass in Berlin gemeldet, waren es zehn Jahre später bereits 3000 mehr. Die größte Gruppe stellen die 15- bis 45-Jährigen.Nicht-EU-Länder: Mit mehr als 100000 Menschen stellen die Türken die größte Gruppe aus Nicht-EU-Ländern.Tendenz: In den vergangenen Jahren ist der Anteil der Ausländer in Berlin leicht gesunken. Im Jahr 2010 waren es 2000 weniger als 2009. Als Grund nennt das Amt für Statistik die Tatsache, dass nach der Vergabe von Steuernummern alte Adressen gelöscht wurden.------------------------------Foto: Luisa Serafin kam aus einem Dorf in der Nähe von Verona nach Berlin. Seit zwei Jahren besitzt sie eine eigene Boutique.