Kairo Er fahre einen schwarzen Kia und werde am Freitag um zehn Uhr vor dem Schnellrestaurant an der Nasserstraße warten, hatte Bassam am Telefon gesagt. Der Treffpunkt im Zentrum von Kairo ist konspirativ. "Ich glaube aber nicht, dass wir Probleme bekommen", sagt Bassam bei der Begrüßung. Sein Tonfall ist ein bisschen zu abfällig und cool, das lässt Zweifel aufkommen. Mohammed mit dem wilden Lockenkopf lehnt neben ihm am Wagen. "Ich habe mein Shirt an. Aber ich habe lieber was drüber gezogen", sagt er und öffnet dabei die oberen Knöpfe seines Karohemdes. Ein Shirt blitzt hervor, auf dem eine Brille und ein Schnurrbart prangen. Nicht irgendeine Brille, irgendein Schnurrbart: Es sind die Erkennungszeichen von Mohammed El Baradei.Mubarak regiert seit 30 JahrenDer ehemalige Chef der Internationalen Atomenergiebehörde und Friedensnobelpreisträger ist der Held einer neuen Jugendbewegung in Ägypten. Seine Anhänger kommen aus gutem Hause, ihnen steht die Welt offen, doch sie haben die Nase voll von ihrer Regierung. Sie sind um die dreißig und haben noch nie einen anderen Präsidenten erlebt als Hosni Mubarak, der seit 30 Jahren an der Macht ist. "Wir sind damit aufgewachsen, dass sich nichts ändern wird. Doch dann tauchte im vergangenen Winter El Baradei auf", sagt Mohammed.El Baradei gründete mit anderen ägyptischen Oppositionsgruppen die Nationale Vereinigung für Veränderung. Sie stellten sieben Forderungen auf und sammeln seitdem Unterschriften. Es geht in erster Linie darum, die Verfassung so zu ändern, dass es am Nil faire Wahlen geben kann. Nach derzeitigem Recht könnte El Baradei nicht für die Präsidentschaft kandidieren, weil er nicht schon seit langem Parteimitglied ist."Es gibt die falsche Vorstellung, dass es uns darum geht, dass El Baradei Präsident wird", erklärt Walid, ein Mittzwanziger im Jeanshemd, der als Banker arbeitet und zur Gruppe um Bassam gehört. "Vielleicht wäre er ein guter Kandidat, vielleicht auch nicht. Aber nein: Ich will, dass es überhaupt möglich ist, dass Nicht-Regierungskandidaten antreten können", sagt Walid.Dann geht es los. Bassam setzt sich ans Steuer seines Autos und fährt voran, über die Schnellstraße aus Kairo heraus. In der Kleinstadt Diarb al Nigm ist eine Kundgebung geplant. Kein Wunder, dass den jungen Männern etwas mulmig ist. Denn Diarb al Nigm ist der Geburtsort der Volksbewegung zur Unterstützung des Präsidentensohns Gamal Mubarak. Auch diese Bewegung präsentiert sich als unabhängige Gruppe von Bürgern mit einem sieben Punkte umfassenden Forderungskatalog. Allerdings wollen sie nicht Veränderung, sie wollen, dass es in Ägypten so weitergeht wie bisher: Dass noch möglichst viele Mubarak-Jahre kommen und dass Gamal Mubarak seinen Vater im Amt beerbt."Das hat nichts mit Erb-Monarchie zu tun, wie unsere Gegner sagen", erklärt Magdy al Khordy, der das Komitee ins Leben gerufen hat. "Gamal ist der am besten geeignete Kandidat für das Präsidentenamt, da wäre es doch ungerecht, dass er nicht antreten soll, nur weil er der Sohn seines Vaters ist." Ebenso wie die El Baradei-Bewegung sammelt auch Al Khordy Unterschriften. Er will sie Gamal Mubarak persönlich überreichen. "Wir werden ihn auffordern, seine Kandidatur bekannt zu geben. Wenn er vom Volk aufgefordert wird, dann ist das doch etwas ganz anderes, als wenn sein Vater ihn ernennt", sagt Al Khordy. "Das ist Demokratie!"Endlich erreicht der schwarze Kia von Bassam das Städtchen Diarb al Nigm, einen Konvoi von Aktivisten im Gefolge. Zu ihnen gehört Buthaina Kamal. Die 48 Jahre alte Ägypterin im Folklorekleid macht Fotos mit ihrem Blackberry und tippt einen kurzen Text dazu. "Sind jetzt vor der Moschee. Es gibt massiv viel Staatssicherheit", lautet ihre Twitterbotschaft. Bassam und die anderen Männer eilen in die Moschee, um das Freitagsgebet mit den örtlichen Aktivisten zu verrichten. Buthaina sitzt im Schatten hinter dem Polizeikordon und bestellt Tee. Sie hat lange als Nachrichtensprecherin im ägyptischen Fernsehen gearbeitet. "Aber es hat mir irgendwann gereicht, dass ich immer die Lügen der Regierung verbreiten musste", sagt sie.Staatssicherheit ist überallJetzt kommen die Männer aus der Moschee, formieren einen Demonstrationszug. Es sind vielleicht 200 Leute, sie kommen nicht weit. "Bleiben Sie sofort stehen", ruft ein Zivilbeamter der Staatssicherheit. Die etwa 100 Polizisten, die in der Nebenstraße warten, klappern mit den Schlagstöcken. Die Demonstranten werden vor der Moschee zusammengedrängt, auf der anderen Straßenseite tauchen die Gegner auf: Männer in traditionellen Gewändern, die Plakate mit Gamal Mubaraks Konterfei tragen. "Gamal, das Volk hasst dich", schallt es ihnen von der Moschee entgegen."Was seid ihr denn für welche? Euer feiner Herr El Baradei, der wird doch von Amerika bezahlt. Was weiß der von Ägypten? Und wo ist er überhaupt?", kontern die Gamal-Anhänger. Denn das wird El Baradei angekreidet: dass er sein Leben im Ausland verbracht hat und ständig reist. An diesem Tag etwa ist er in Spanien bei einem Kongress."Und Gamal, was macht der? Der schafft Geld ins Ausland. Nicht mal sein Kind bekommt er hier in Ägypten, denn die ägyptischen Krankenhäuser sind ihm nicht gut genug", schreit Buthaina zurück."Keine Angst, die werden sich nicht prügeln!", kommentiert der 19-jährige Omar. "Dafür ist hier zu viel Polizei." Und dann sind da auch noch die Lkw. Eine Kolonne Schwertransporter bahnt sich den Weg durch die Demonstration. Ihr Hupen ist ohrenbetäubend. "Das ist eine der Strategien, unsere Bewegung zu zerstören", sagt Omar.In den vergangenen Wochen hat sich der Druck auf El Baradei erhöht. Im Internet tauchten Fotos auf, die seine Tochter Leila im Bikini zeigten und auf Partys, wo Alkohol getrunken wurde. Die regierungsnahen Medien schlachteten das aus: "Soll ihr Vater Ägypten regieren?", fragten sie. "Das ist eine Schmierenkampagne", erklärt Omar, und außerdem gehe es darum, einen Keil zwischen El Baradei und die Muslimbrüder zu treiben. Im Frühsommer hat El Baradei mit der großen islamischen Opposition eine strategische Allianz geschlossen. Die Muslimbrüder unterstützen die Forderung nach Veränderung. 600000 der 700000 Unterschriften, die bisher gesammelt wurden, kamen von ihnen.Seit El Baradei angekündigt hat, mit zivilem Ungehorsam den Demokratie-Forderungen Nachdruck zu verleihen, macht die Staatssicherheit Jagd auf seine jungen Anhänger. "Sie haben mich mitten in der Nacht abgeholt, mir die Augen verklebt, mich verprügelt und ausgefragt", sagt der 23-jährige Amr. "Stunden später wurde ich außerhalb der Stadt ausgesetzt." Opposition hatte es in Ägypten immer schwer, und vor der Parlamentswahl im November ist die Regierung nervös. Sie will nicht riskieren, dass eine Gruppe entsteht, die ihre Macht gefährden könnte. Davon kann noch keine Rede sein. Doch wer weiß? Bassam und seine Freunde jedenfalls sind voller Hoffnung.------------------------------Foto: Das neue Idol: Mohammed El Baradei bei einer Demonstration.

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