In alter Stärke: "Marionetten", der neue Thriller von John le Carré: Terrortrauma in Hamburg

In den frühen Spionageromanen John le Carrés herrschte ständig schlechtes Wetter, es regnete, der Himmel war grau, die Sonne existierte nur als Versprechen hinter den Wolken - eine angemessene Wetterlage für den Kalten Krieg und probate Metapher für die Gemütslage von le Carrés Figuren, die in den seltensten Fällen etwas zu lachen hatten. Inzwischen, vier Jahrzehnte später, in denen einige seiner Romane auch in den heißen Gegenden der Erde spielten, kommt in le Carrés neuestem, einundzwanzigstem Roman "Marionetten" auch in Hamburg die Sonne durch, obwohl immer noch die wenigsten etwas zu lachen haben. Aber John le Carré ist altersmilde geworden. Nicht, dass er an Verve und Können eingebüßt hätte, immer noch hasst er die amerikanische Weltpolitik, immer noch lässt er die Geheimdienste aufeinander los und immer noch hält er ungebrochen, obwohl etwas verbittert, die Fahne des Humanismus hoch. Aber manchmal sieht es für einen Moment so aus, als gäbe er jetzt sogar der Liebe eine Chance.Schmutziges GeldIn Hamburg taucht ein merkwürdiger Kauz auf, eine gebrochene, verletzte Figur, die sich durch die Straßen schleppt auf der Suche nach einer Unterkunft - Issa, ein tschetschenischer Flüchtling, dessen sich schnell die junge Anwältin Annabelle Richter von der Organisation Fluchthafen annimmt und ihn in Verbindung mit dem privaten Bankhaus Brue Frères bringt, denn Issa, gläubiger Moslem, möchte etwas Schmutziges loswerden: sehr sehr viel Geld. Allerdings sind auch so gut wie alle europäischen Geheimdienste auf ihn aufmerksam geworden, denn Islam, Geld und Europa reimen sich, schüttelt man nur lange genug, auf Terror, und das ganz besonders in dem vom Mohammed-Atta-Debakel traumatisierten Hamburg, weil Hamburg, wie es ein Geheimdienstmann formuliert, "eine schuldige Stadt" ist. Und während Issa von einem Medizinstudium träumt, zieht sich um ihn herum ein bedrohliches Netz zusammen, dem sich nicht einmal die wohlwollendsten Gastgeber entziehen können.Bei "Marionetten" hat etwas zusammengefunden, was förmlich nach Gemeinsamkeit schrie: der klassische Geheimdienstroman - und niemand hat bessere geschrieben als John le Carré - und das Thema Terrorismushysterie. Genau mit diesem Sujet hat le Carré nun nach einigen etwas schwächeren Romanen wieder zu alter Stärke zurückgefunden. Eindrucksvoll und mit minutiöser Akribie schildert er, wie bei der Jagd nach Terror-Phantomen aus Fakten inspirierte Hypothesen, aus diesen - in Verbindung mit den richtigen ideologischen Hintergründen - wieder Indizien und daraus schließlich knallharte Handlungsanweisungen werden.Dabei drehen sich alle Beteiligten im Kreis; bewegt von vorgeblichen Notwendigkeiten und gezogen von unsichtbaren Fäden taumeln sie auf eine Lösung zu, die allen suspekt ist. Insofern ist der deutsche Titel "Marionetten" - für "The Most Wanted Man" - ausnahmsweise eine exzellente Wahl.Dass sich dann rivalisierende deutsche, englische und amerikanische Agenten letztendlich gegenseitig diesen Auftrag ruinieren, hat mit le Carrés Bedürfnis nach ironischer Brechung, aber auch mit einer augenzwinkernden Reminiszenz an einen seiner frühen Romane, "Krieg im Spiegel" aus dem Jahre 1965, zu tun, wo er schon einmal dem trostlosen überbürokratisierten Agentenmilieu mit Mitteln der Groteske das James-Bond-Image austrieb. Allerdings macht er sich inzwischen keine Illusionen mehr über die tatsächlichen Möglichkeiten moderner Geheimdienste und stellt in "Marionetten" trotz aller Ironie und liebevoller Einlassungen zum Thema "aufkeimende Liebe" nur allzu klar, dass er die derzeitige Entwicklung für eine knallharte Bedrohung der Demokratie hält.Mit dem verliebten Banker Tommy Brue hat er im Übrigen eine Figur geschaffen, die sich in Sachen "Fondsmanager, Versicherungsmakler, Bankierskollegen und andere unbedeutendere Gauner" sehr gut auskennt, und niemand würde sich wundern, wenn John le Carré sich in einem seiner nächsten Romane des Themas internationale Finanzkrise annähme.------------------------------John le Carré: Marionetten. Aus dem Englischen von Sabine Roth und Regina Rawlinson; Ullstein Berlin 2008. 368 S., 22,90 Euro.------------------------------Foto: Der Ex-Spion und Schriftsteller John le Carré im Hamburger Hotel Atlantic