Müll ist, Müll reden, im Müll wühlen in André Kubiczeks zweitem Roman fast alle und alles. Der Irrsinn, Schwachsinn und Blödsinn, der hier verhandelt wird, ist trotzdem kein Unsinn, sondern eine wunderbare Satire auf Berlin, die Wiedervereinigung und die Medien. Darüber hinaus geht es um Porno, Pop und Popel. Kein Klischee ist zu abgedroschen, kein Kolportageelement zu billig und kein Kalauer zu geistlos. Hier schreibt kein junges Talent, sondern einer, der sein Handwerk beherrscht, ein wütender junger Mann, der die Faust auf alles niedersausen lässt, was sich in Reichweite seiner Fiktion bewegt. Sein Stil hämmert und klopft die Bilder platt, bis auch dem Leser der Schweiß von der Stirn tropft. Der politische Aufbruch des Herbstes 1989 wird in "Die Guten und die Bösen" zum Steinbruch der Geschichte, in dem mancher erschlagen und vieles zerschlagen wird: Weltanschauungen, Träume und Utopien. Durch die fiktiven Bruchstücke, aus denen sich der Roman zusammensetzt, wimmelt eine Vielzahl von Figuren. Da ist Börries Freiherr von Stammler, der als Kolumnist der Zeitschrift "Die Zeitgeist" den Ton des Romans anstimmt. Mit den Worten "Boom" beendet er einen seiner Artikel und damit ist bereits alles über den Sound des Buches gesagt. Krach, Bumm, Bäng, Ping erschallt es, während sich die Figuren in Comicmanier die Köpfe einschlagen. Ihr Schlagabtausch ist nicht nur heftchenheftig, sondern gerät gleich zum weltumfassenden Rundumschlag gegen die "spätbürgerliche, nachindustrielle, postpräinfantile Gesellschaft". "Veilchensträuße" tragen die männlichen Helden hier im Gesicht und nicht am Revers. Nur die Liebe riecht und klingt anders. "Hi, ich bin Nike", säuselt die junge Dame einem der Helden mit dem noch sagenhafteren Namen Zeus ins Ohr. Der ist ein zwanzigjähriger Anarchist vietnamesischer Abstammung, der keine Bomben schmeißt, dafür aber fleißig Viren im Internet klaut und mit einer anderen "fleischgewordenen Cartoonfigur" zusammen wohnt. Die grunzt regelmäßig "Uaahhh", wenn sie "sich mal wieder die Schamhaare rasiert hatte und die Prozedur nun mit einer Hand voll Aftershave beendete". Der Vater dieser Figur ist Leit Wolf, ein ehemaliger Stasi-Offizier. Statt einer Weltanschauung teilt er sich mit den früheren Genossen nun die Sixpacks am Imbissstand. Bis der Alkoholpegel die Herren eines Tages zu einer Schnapsidee verführt: als quasiterroristische Vereinigung errichten sie sich die DDR in den Maßen einer P2-Neubauwohnung unter märkischem Sandboden. Von dort aus planen sie Aktionen, die den Arbeitern wieder zum Bewusstsein ihrer Klasse verhelfen sollen. Unter der Erde hecken die Männer ihre zündenden Ideen aus, über der Erde zünden sie dann die Sprengkörper. Unter dem Namen Sergej Eisenfaust informiert Leit Wolf eine Fernsehzicke darüber, die mit diesen Beiträgen ein "debiles Magazin" am Laufen hält. Kubiczeks Roman hat auch einen Detektiv zu bieten, der sich meistens so fühlt wie sein Kühlschrank: voll oder leer. Sein Name, Raymond Schindler, verrät, dass dieser Underdog direkt aus der amerikanischen Hard Boiled Novel in den Prenzlauer Berg spaziert ist, Marlowes Hut auf dem Kopf, einen Schlager auf den Lippen und einen Reim auf der Zunge. Die Frauen nennt er Schätzchen oder Baby. Er tritt mit der Coolness eines dreißigjährigen Frührentners auf und hält sich an einer Flasche billigen Gin fest wie andere am Steuerknüppel eines Sportwagens. Was dem einen billig ist, kommt dem anderen teuer zu stehen. Volltrunken fällt der Afrikawissenschaftler Dr. Schwarzhaupt, der als Albino ein "Weißer-als-Weißer" ist, über seine studentische Hilfskraft Nike her, die sich dem Würgegriff des Wüterichs nur mit einem Schlag ins Gemächte entziehen kann. Doch nicht der wird ihm zum Verhängnis, sondern ein Schrumpfkopf im Tresor. Angeblich gehörte der einst auf den Rumpf des legendären afrikanischen Häuptlings Mkwawas, der sich acht Jahre lang den deutschen Kolonialherren widersetzte. Bis ihn ausgerechnet Nikes Urgroßvater in den Tod trieb. Ein Strahl Pisse verbindet die zwei Handlungsstränge: einer pinkelt und den anderen trifft der Strahl aufs Haupt. So wechselt Kubiczek geschickt die Perspektiven. Zu guter Letzt ist in der Stimmenvielfalt des Romans auch ein Wellensittich zu vernehmen, Lord Nelson. Zu sodomitischen Handlungen missbraucht, ersinnt er den Plan für einen perfekten Mord, den er mit Hilfe eines ebenso missbrauchten Hundes und einer Katze dann auch ausführt. Klar, dass da kein Kommissar dahintersteigt. Kubiczeks Roman ist nicht nur Gesellschafts- und Mediensatire. Er ist auch ein Berlin-Roman. Der Osten funzelt, flimmert und funkelt in seiner Mitte wie ein "Musical", der Westen glimmert, glitzert und glänzt wie eine "Operette". Hier singen die Gewinner der Geschichte, dort schlagen sich die Verlierer. Zu übertrieben ist das nur manchmal, dann stöckeln die Sätze davon und ihr Sinn geht in dem lauten Klacken verloren. Worin besteht nun zum Donner der Sinn dieses Gewetters? André Kubiczek ist ein Idealist, der die Bösen böse sein lässt, um des Guten willen. Die Welt ist schlecht, in seinem Roman ist sie noch viel schlechter, und was so schlimm sich darstellt, das muss einfach verändert werden. Also, Leser aus Ost und West, vereinigt euch endlich!André Kubiczek: Die Guten und die Bösen.Rowohlt, Berlin 2003. 320 S. , 18,90 Euro.

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzten Zugang zu allen B+ Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio.

1 Monat kostenlos.

Danach 9,99 € im Monatsabo.

Jederzeit im Testzeitraum kündbar.

1 Monat kostenlos testen

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.