Als Theodor W. Adorno am Anfang des Sommersemesters 1965 den großen Hörsaal VI der Frankfurter Universität betrat, um dort seine Vorlesung über Metaphysik zu halten, da erfüllten drei Dinge das Gemüt seiner Hörer mit immer neuer und zunehmender Verwunderung:Erstens konnten sie schwerlich begreifen, daß der Vordenker der kritischen Theorie überhaupt über "Metaphysik" las. Sie hielten "Metaphysik" für den Inbegriff der "traditionellen Theorie", also dessen, was "überwunden" werden sollte? War Metaphysik am Ende doch mehr als bloße Ideologie? Der späte Adorno hatte seine Studenten schon dadurch geschockt, daß er begeistert über Eichendorffs Gedicht sprach: "Wem Gott will rechte Gunst erweisen". Wollte Teddy jetzt auch noch vom lieben Gott und den lieben Englein sprechen? Einen zweiten Überraschungscoup landete der Professor, indem er in der Vorlesung ab und zu die Gelegenheit suchte, seine gute Frankfurter Gymnasialbildung zu beweisen; er schrieb mit sichtlicher Genugtuung einzelne Sätze griechischer Philosophen an die Tafel in der Originalsprache und mit korrekter Akzentsetzung so den Spruch des Parmenides, daß Denken und Sein dasselbe seien oder den Eingangssatz der "Metaphysik" des Aristoteles: "Alle Menschen verlangen aufgrund ihrer Natur nach Wissen." Die Studenten quittierten diese Geheimkunst Adornos mit überraschtem Beifall.Nicht ohne TonbandDrittens oder vielmehr zu allererst verblüffte das riesige Tonbandgerät. Denn wenn Adorno der Tribüne zuschritt, am Anfang begleitet von einer hübschen Blondine, der er den Hof machte, dann folgte ihm in gebührendem Abstand ein stämmiger Assistent mit dem gewaltigen Apparat. Das war neu damals, das war mondän, das war techno-erotisch. Die Vorlesungen, die Adorno ein Jahrzehnt zuvor gehalten hatte, waren nicht entfernt so spektakulär inszeniert; sie waren spezialistischer gehalten und spielten vor kleinem Publikum. Jetzt, auf dem Höhepunkt der Geltung Adornos Horkheimer las nicht mehr , kurz vor der Studentenrevolte, vier Jahre vor Adornos Tod, waren sie ein gesellschaftliches Ereignis, und der technische Riesenkoffer machte dem schlichtesten Sportstudenten aus Nordhessen klar, daß es um Großes ging: Kein Tropfen der überschäumenden Weisheit sollte verlorengehen.Trotzdem kam es zu schmerzhaften Verlusten, und wer den soeben erschienenen Band der "Nachgelassenen Schriften" mit den Vorlesungen jenes Sommers in die Hand nimmt, bekommt zunächst einmal Schwierigkeiten mit den Tücken des monumentalen Aufnahmegerätes. Denn es hat bei der zweiten und dritten Vorlesung völlig versagt, und der Wißbegierige bekommt nur die Stichworte zu lesen, die Adorno seinem DIN A 4-Briefblock anvertraut hatte und die er vor dem Publikum virtuos in druckreife Sätze zu verwandeln pflegte. Aber auch wenn das Gerät funktionierte, gab es Pannen, die den vorliegenden Text beeinträchtigen: Irgendwer schrieb die Bänder ab, ohne Griechisch oder auch nur Französisch zu können; aus Sparsamkeit löschte er sie zur Wiederverwendung; der Herausgeber Rolf Tiedemann hatte seine Last mit den verstümmelten Sätzen.Adornos Vorlesungen über Metaphysik bestehen aus zwei ungleichen Teilen: Die ersten dreizehn Vorlesungen erklären einige Probleme der Metaphysik anhand der gleichnamigen Schrift des Aristoteles; die letzten fünf Vorlesungen bringen Meditationen zu der Frage, was heute aus der Metaphysik wird, heute, da wir "am extremen geschichtlichen Gegenpunkt angelangt" seien. Das Buch bringt also auf den ersten 150 Seiten eine Aristoteleserklärung, und es geschah in diesem Zusammenhang, daß Adorno den Beifall genießen konnte, drei oder vier griechische Sätze in großen Buchstaben korrekt an die Tafel geschrieben zu haben. Dies gab seiner Aristotelesauslegung den Anschein der Authentizität.Aber dieser Anschein täuschte. Die Textnähe war imitiert; es gab mehr als einen Hinweis, daß Adorno das Buch des Aristoteles, das den Titel "Metaphysik" trägt, nie als Ganzes und schon gar nicht im Griechischen gelesen hatte. Während es 1965 an der Frankfurter Universität mindestens vier Personen gab, die das Original des Aristoteles mehrfach durchgearbeitet hatten ich könnte die Namen nennen , stützte Adorno sich auf die Aristotelesdarstellung von Eduard Zeller; er sagte dies auch. Nun war Eduard Zeller ein hervorragender Kenner der griechischen Philosophie, aber sein Aristotelesbild war 1965 schon etwa hundert Jahre alt, und seitdem war in der Aristoteleserklärung viel passiert. Zeller stammte aus der Hegelschule, und er bot für Adorno den Vorteil, die Nähe und die Distanz des Aristoteles zu Hegel präzis zu bezeichnen. Und dies war genau der Gesichtspunkt Adornos. Aristoteles hatte Hauptmotive der Hegelschen Philosophie bestimmt, und diese Elemente wollte Adorno nutzen, um einzuführen in die Philosophie Hegels, dessen "Logik" die Aristotelische Metaphysik auf kantischem Boden erneuert.Der griechische HegelDabei konnte Adorno zeigen, daß Metaphysik nicht "Theologie" (im heutigen Wortsinn) ist. Sie betreibe vielmehr deren rationale Kritik, allerdings, um sie dadurch für die Vernunft zu "retten". Metaphysik sei also ein Phänomen der Säkularisation. Adorno führt vor, wie Aristoteles gegensätzliche Prinzipien der Weltdinge etwa Form und Stoff annehme, wie er auch deren Wechselwirkung fordere, wie er aber dennoch nicht zu einer wirklichen Vermittlung der Entgegengesetzten gelangen konnte. Aristoteles stand also vor der Schwelle der Dialektik, aber er hat sie nicht überschritten; ihm fehlte die bestimmende Macht der Negation.Dies sind interessante Aufstellungen, aber sie berühren Aristoteles nur von ferne. Adorno tat so, als habe Aristoteles das Ziel verfolgt, der griechische Hegel zu werden, um dann festzustellen, daß Aristoteles dieses hohe Ziel verfehlt habe. Diese Konstruktion mißriet vollends, da Adorno voraussetzte, Platons Ideen seien "abgetrennt" und rein jenseitig. Dieses Platonbild war 1965 längst widerlegt, und Adorno hatte von dieser Umwertung auch gehört, nur absolvierte er sich elegant mit der Formel, diese Sachen seien bei Philologen umstritten. Damit war die Sache für ihn erledigt, und er fuhr fort, seine Platonlegende und seine hegelianisierende Aristotelesbenutzung vorzutragen. Der Herausgeber beweist mit seinen Bemerkungen zur "neueren" Platon- und Aristotelesforschung nur, daß er diese Unbekümmertheit fortsetzt und die Mißachtung der Philologie für tiefsinnig hält. Er rechtfertigt gar Adorno mit der Begründung, dieser habe kein historisches Interesse gehabt und habe deswegen nicht den Text des Aristoteles zugrunde legen müssen. Ich verstehe diese Ausrede nicht. Ich denke, Aristoteles und sein Verhältnis zu Platon sei ein historischer Gegenstand, und wer darüber spricht, habe eben damit auch ein historisches Interesse.Adorno bewegte sich auf unsicherem Boden, wenn er über Aristoteles oder gar über Platon sprach, aber er fand seine Form, wenn er über die Gegenwart der Metaphysik meditierte. Hier ging es ihm darum, wie Menschen nach Auschwitz noch leben können und wie sie noch Metaphysik als den Inbegriff von Philosophie treiben können. Dabei erklärt er auch auf sein inzwischen plattdiskutiertes Diktum, nach Auschwitz sei Dichtung nicht mehr möglich. Natürlich war es philosophisch, nicht wörtlich gemeint. Aber unerträglich, ja unmoralisch geworden ist der "affirmative Charakter" von Dichtung und Metaphysik, der Schein neuer oder alter "Geborgenheit". Er beruht auf einem Kunstgriff: Er trennt das "wahre Sein" von den Roheiten der Geschichte. Aber Zeit und unerklärbare Leiden verändern die bleibenden "Ideen".Die letzten Vorlesungen fordern, das Unglück in den Begriff der Metaphysik selbst aufzunehmen. Sie zeigen am Beispiel der Dichtung Becketts, was das heißt. Denn auch das zugespitzte Bewußtsein vom Verhängnis darf, Adorno zufolge, nicht dazu führen, auf Metaphysik einfach zu verzichten. Denn das hieße, das Denken den bloßen Tatsachen unterzuordnen oder es dem blinden Ruf nach Veränderung zu opfern. Gerade die Unglückserfahrung mache unsere Zeit zu einer Zeit der Theorie, "traurig und ironisch" sei dies gesagt. Was bleibt vom alten Glanz der Metaphysik? Nun, sie muß "materialistisch" verwandelt werden, sie muß ins Leibliche und Zeitliche eingehen, und sie muß eingestehen: "Versöhnung ist heute ausgeschlossen." Unentbehrlich bleibt sie dennoch. Wer auch nur irgendwie sagt: "Du sollst", verwickelt sich in Metaphysik. Unsere Kultur ist "gänzlich mißlungen", und die Metaphysik war ein Teil dieser Kultur. Aber deren Zerfall wird noch gefördert durch die Zersetzung der metaphysischen Ideen. Das ergibt noch lange keine "Auferstehung der Metaphysik", wie sie nach dem Zweiten wie nach dem Ersten Weltkrieg gefordert worden ist. Es zeigt nur, daß Nachdenken über Metaphysik nötig ist, distanziertes, dialektisches Nachdenken. Dieses Denken versteht seine Anstrengung als die einer "Trümmerfrau der Kultur". Es zeigt, was sie einmal gewesen ist und welche Lücke sie hinterläßt. Es zeigt, wie sie zerfällt. Aber sie ist solidarisch mit ihr "im Augenblick ihres Sturzes".Wesen als VerwesungMetaphysik das ist für Adorno Begreifenwollen dessen, was geschieht. Es ist Widerstand gegen die Verwandlung des Denkens in bloßes Registrieren. Es ist vor allem die Frage, ob dieses Begreifenwollen mehr ist als eine Illusion angesichts des Todes, angesichts des Leidens, angesichts einer mißlungenen Kultur. Wesenswissen wird Wissen von Aas und Verwesung. Was wird in einer "Welt der totalen Verstrickung" aus der Hoffnung, aus dem "Glück der Elevation", gar aus der Idee der Unsterblichkeit und aus der Transzendenz? Die eindrucksvollen Schlußvorlesungen, die in ausgearbeiteter Form die "Negative Dialektik" beschließen, geben keine Antwort. Schon gar nicht lösen sie das gegen Aristoteles immer wieder Eingeklagte, die Vermittlung. Adorno fordert nur, wir sollten das Unvereinbare zusammenhalten, wir sollten den Blick wachhalten für "das Offene", für das, was nicht unter die Identität des Begriffs gebracht ist. Das klingt nach Rilke. Fast existenzialistisch hält Adorno fest, sein Nachdenken über Metaphysik sei "unverbürgt". Es ist der Wille, sich angesichts des Lebens und des Sterbens die Frage nicht ausreden zu lassen: Ist das denn alles?Theodor W. Adorno: Metaphysik. Vorlesungen, herausgegeben von Rolf Tiedemann. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. Main 1998. 320 S., 68 Mark.