Das Wasser steht hoch, aber nicht zu sehr. Da und dort erheben sich grüne Flecken, auf denen knapp eine Hütte, acht oder zehn Menschen, zwei Kühe, drei Ziegen, ein Papayabaum Platz finden. Hochspannungsmasten, Schornsteine von Ziegeleien stehen verloren im Nassen. Die Stadt Bandhar am Westufer des Meghna ist von einem Meer umgeben. Aber das Wasser hat Transportwege geschaffen, die Ziegelei kann ihre Steine zum Markt bringen. Und der Bauer steuert sein schmales Boot über die zwei Meter unter der Wasseroberfläche liegenden Reisfelder und wirft Netze aus. So hat das Schlechte auch sein Gutes und Nayeem: "Haben wir nicht großes Glück, keines der Kinder ist ertrunken, die Hütte ist fast trocken, sogar die Tiere sind alle da. " Er zieht sein Netz ins Boot. Die Fische vom Feld werden die Familie heute satt machen. Da ist er, einer der etwa 130 Millionen Bangladeschis, die vor allem den reichen, aber unzufriedenen Teil der Welt mit ihrem beharrlichen Glücksempfinden verblüffen.Ganz ohne Weichspüler Fast einhundert Prozent der Einwohner Bangladeschs haben den Urhebern einer 54 Länder vergleichenden Glücksstudie der London School of Economics bestätigt, sie seien "sehr" oder "ziemlich" glücklich. Bangladesch führt den Glücksindex der Welt an. Deutschland platzierte sich im letzten Viertel, an 42. Stelle, noch weiter hinten rangieren die Schweiz und Kanada. Im Verständnis Goethes, um einen Verehrer westlicher wie östlicher Lebensart zu wählen, war Glück die "Göttin der lebendigen Menschen". Um deren Gunst zu erlangen, müsse man "leben und Menschen sehen, die sich recht lebendig bemühen und recht lebendig genießen". Das klingt wenig luxuriös oder gesteigert philosophisch, vielmehr ziemlich praktisch. Doch warum soll ausgerechnet Bangladesch zu den liebsten Aufenthaltsorten der Glücksgöttin gehören, ein Land, das regelmäßig von Überschwemmungen heimgesucht und von tropischen Wirbelstürmen verheert wird, wo das Trinkwasser durch Arsen im Boden verseucht ist, wo 86 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben, wo die höchste Bevölkerungsdichte der Welt herrscht, wo in der Masse der Menschen die Freiheit des Einzelnen so wenig bedeutet? Europäische Forschungsreisende der jüngeren Zeit sahen, rochen und fühlten das Elend Bangladeschs und kamen zu dem Schluss: "Das ist kein Leben. " Aber fragen wir die dürre kleine Frau im zerrissenen Sari, die bei Sonnenuntergang in den Ruinen des uralten buddhistischen Klosters von Paharpur im Nordwesten Bangladeschs hockt. Mit einer Sichel schneidet sie wie ihre Vorfahren vor 1 000 Jahren Gras und stopft es in einen Jutesack. Wenn sie redet, werden in ihrem Mund einige schwarze Zahnstummel sichtbar. 40 Jahre alt ist Mujahi Beggum, bald am Ende ihres Lebens, wenn man seinen Augen und den Statistiken über die Lebenserwartung trauen darf. Das Gras sammelt sie für die zwei Kühe ihres Bruders, bei dem sie Aufnahme fand, als ihr Mann sie verstieß.Jener Tag war der traurigste ihres Lebens, sagt sie, weil sie "mit dem Mann mehr Kinder" hätte haben können. Aber sie beharrt: "Mir geht es gut, ich esse zweimal am Tag. " Zweimal, das ist in der Tat nicht schlecht. Und sie lacht so, dass der Blick auf ihre Zahnstummel vollständig frei ist. Weder Frau Mujahi noch ihr 23-jähriger Sohn Musun haben je ferngesehen, sie wissen nicht, welches Glück Weichspüler für Frotteetücher verheißen oder welches Gefühl von Freiheit eine bestimmtes Automarke vermittelt. Wenn sie Geld hätte, würde Frau Mujahi den Sohn verheiraten oder seine Nachtblindheit behandeln lassen. Aber unglücklich? Nein, nein. "Very, very happy" sei sie, selbstverständlich, sie lebe ja, und zwar in einer Familie und "unter dem großen wunderbaren Himmel".So alt wie die Form ihrer Sichel ist auch ihre Art, Glück zu verstehen. Aristoteles empfahl im 4. Jahrhundert vor Christus ein tüchtiges, arbeitsames Leben als Glücksrezept. Auch dem Aktivisten der modernen Glücksforschung, Mihaly Csikszentmihalyi, einem Anthropologen aus Chicago, würde Frau Mujahi gefallen: Er entdeckte das Geheimnis des Glücks im "Fließen", dem Flow-Erlebnis. In diesen Zustand tritt der Mensch ein, wenn er intensiv mit einer Sache beschäftigt ist, die ihn weder über- noch unterfordert und das Gefühl vermittelt, etwas gut zu können. Es erklärt zum Beispiel die Freude am Autofahren, an leichter Lektüre, am Computerspiel. Oder auch am Sicheln von Gras in der Stille eines orientalischen Abends."Man muss seine Erwartungen kontrollieren", lautet das persönliche Glücksrezept von Mohamed Jahangir. Der 35-jährige Hochschullehrer aus Dhaka kennt die Londoner Studie und versteht das Ergebnis als Folge der weiten Verbreitung seiner eigenen Ansicht: "Die Leute hier sind zufrieden, weil sie wenig vom Leben erwarten. Wessen Leben auf Obdach, Essen und Kleidung gerichtet ist, freut sich, wenn er das hat. " Aber in seiner Nachbarschaft, in seinem von Mittelklassefamilien bewohnten Appartementhaus, beobachtet er erste Anzeichen von Neid und Konkurrenz, die er aus seiner Kindheit überhaupt nicht kannte. "Vergangenes Jahr hat sich ein Nachbar ein Auto angeschafft. Klein und verbeult, aber alle haben darüber geredet. Jetzt verschulden sich manche, um auch ein Auto zu haben. " Schwindet dann das Glück? Es nimmt jedenfalls nicht zu, wenn Massenwohlstand einzieht. In den vielen Umfragen, die das Allensbacher Institut für Demoskopie seit 1954 zu diesem Thema unternommen hat, bekundet stets ein fast gleich bleibender Anteil von 28 Prozent der Befragten Glück. Auch in der globalen Glücksstudie nahmen nur 25 Prozent Geld für sehr wichtig, hingegen hielten 59 Prozent aller Befragten Gesundheit für das wichtigste Element der Zufriedenheit, ein harmonisches und gesichertes Familienleben folgte mit 41 Prozent.Eine bessere Braut Abu Taher wird wahrscheinlich immer zu den Glücklichen zählen. Der junge Mann hat alles, was man dafür braucht. Er ist gut anzuschauen, besitzt einen Kiosk, in dem er Sandalen und Gummilatschen verkauft, und kann es sich leisten, die heiße Mittagszeit im "Traumland" von Nabab Geng zu verbringen. Nabab Geng ist ein Marktflecken im Norden Bangladeschs und sein Traumland ein Park mit Teichen und schattigen Plätzen unter Bäumen. Abu Taher ist ein moderner junger Mann, geradezu revolutionär, denn er stellt eine in Bangladesch bislang unerschütterte Praxis in Frage: "Ich will mir meine Frau selbst aussuchen und sie soll sagen können, ob sie will. " Normalerweise arrangieren auch heute noch die Familien eine Ehe, die künftigen Partner lassen sich überraschen. Sie fügen sich in ihr verordnetes Glück. Abu Taher aber will erst noch arbeiten, einen größeren Schuhladen, in dem er auch mit besserem Schuhwerk handeln wird. Er nennt das "Position verbessern". Sein Ziel heißt: "eine bessere Braut", was auch bedeutet: eine mit hellerer Haut, die dann, dank jahrhundertelanger Farbselektion innerhalb einer Eth-nie, auch einer "besseren" Familie entstammen wird. Das kann er schaffen und dann wäre er zufrieden. Ein Auto etwa wünscht er sich nicht: "Das ist ein zu großer Wunsch. Man muss seine Wünsche erfüllbar halten. " Diese Haltung erscheint viel versprechend für lang anhaltendes Glück.Aber wo sind die wenigen bekennenden Unglücklichen in Bangladesch? Versuchen wir eine Methode der Meinungs- und Glücksforscherin Elisabeth Noelle-Neumann, die sich 1973 in Leipzig nach eigenem Bekunden plötzlich fragte: "Woran erkenne ich, dass die Menschen hier so unglücklich sind?" Sie ging selbstverständlich davon aus, sie seien unglücklich, stellte sich auf eine Brücke und suchte in den Gesichtern nach Zeichen und notierte: "Die Augen sind so zugekniffen. Die Lippen so schmal gepresst. Die Mundwinkel sind abwärts gezogen. Die Ellbogen sind so eng an den Körper gepresst. " Kein Wunder, dass sich noch im Jahr 2000 eine gut gelaunte Ostberlinerin erfolglos gegen den Generalverdacht einer frisch zugezogenen Bonner Diplomatenfrau wehren muss, sie habe in der DDR 30 Jahre verzweifelten Alltag durchlitten.Aber vielleicht hilft in Bangladesch der Augenschein tatsächlich ein Stück weiter. Nach langer Suche wird ein bedrückt aussehendes Mädchen ausgemacht. Es ist in einen wertvollen, mit Goldfäden bestickten Sari gehüllt, die schwer beringten Finger umklammern ein glitzerndes Täschchen, die feinen Sandalen erleben offenbar ihren ersten Tag. Das bezaubernd schöne junge Mädchen spricht nicht, schlägt die Augen nieder.Aber da ist ja ihr Mann. Erst sieben Tage zuvor hat er sie geheiratet, er ist ganz beseelt vom Glück, mit 40 einen solchen Schatz zu haben, eine solche Schönheit. Seine Familie hat ganze Arbeit geleistet, er sah seine Braut vor der Hochzeit nur einmal. Er ist schließlich seit zwölf Jahren in den USA, hat sich etwas erarbeitet, hat eine Stellung. Was hat sie für ein Glück, sie wird mitgehen in die USA. Will sie das? Selbstverständlich, sagt der Mann. Sie zieht den Zipfel ihres Saris vors Gesicht. Ist sie glücklich? Sie nickt.In der Glücksstudie der London School of Economics steht Bangladesch auf dem ersten Platz.BLZ/MARITTA TKALEC So schön kann das Leben sein: Für 70 Pfennig pro Tag Steine zu Split klopfen bei 35 Grad im Schatten.