Für Lord Byron waren die Griechen nichts weiter als Türken, die sich für Italiener halten" Gregor Meiering, einer der beiden deutschen Referenten bei der Konferenz "Les Représentations de la Méditerranée", konnte mit dem Schmunzeln der Teilnehmer rechnen, hatte doch der griechische Schriftsteller Takis Theodoropoulos kurz zuvor fröhlich verkündet, daß die nunmehr geforderte "mediterrane Identität" seine Landsleute überlaste. Schließlich hätten die heutigen Griechen ohnehin reichlich mit verschiedenen Identitäten zu kämpfen: "Wir sind in geographischer Hinsicht ein Balkanvolk, verstehen uns als Europäer, sind mit orientalischem Temperament begabt und dann auch noch linguistisch Griechen und damit unserer alten Kultur verbunden."Dem Literaten wird der Humor vergönnt, den Historikern, die sich in Beirut trafen, dagegen nicht. Vom Mittelmeer war bei internationalen Konferenzen bislang immer sehr diffus und summarisch die Rede. Eine Reihe von Veröffentlichungen soll nun die verschiedenen Vorstellungen vom Mittelmeer beleuchten. Sie sollen am Ende der von Thierry Fabre geleiteten Reihe von Konferenzen erscheinen, die in Casablanca begann und im kommenden Jahr in Aix-en-Provence zum Abschluß kommen wird. Neben je einem Wissenschaftler und einem Schriftsteller aus Marokko, Tunesien, Ägypten, dem Libanon, Griechenland, der Türkei, Italien und Spanien nehmen auch zwei Deutsche an dem Projekt teil.Das Mittelmeer ist Projektionsfläche par excellence, Spiegelbild des eigenen kulturellen Glanzes. So begleitet die Wiederentdeckung des phönizischen Erbes seit den 30er Jahren den Prozeß, der zur Unabhängigkeit des Libanon führte, wie der Soziologe Ahmad Beydoun anhand der Analyse von drei Periodika erklärte. Seine Ausführungen machten deutlich, wie problematisch es ist, eine mediterrane Antike zur ideologischen Grundlage für eine neue nationale Identität zu machen. Ähnliches gilt für den Versuch türkischer Intellektueller der 30er Jahre, Anatolien zur alleinigen Wiege der europäischen Menschheit zu erklären und im Prozeß nationaler Selbstbehauptung die hellenistische Kultur als Urheberin der okzidentalen Zivilisation zu diskreditieren. Anti-Sarazenen, Anti-TürkenEduardo Gonzalez-Calleja aus Madrid erinnerte an das Spanien des ausgehenden Mittelalters, für das nach der südamerikanischen Landnahme das Mittelmeer nur noch eine Metapher für negativ bewertete Andersartigkeiten war, gegen die man sich zu schützen hatte. Die Spanier waren Anti-Sarazenen, Anti-Türken, Anti-Marokkaner, leugneten das maurische Andalusien und richteten ihren Blick nur noch auf Europa. In der Geschichte der südeuropäischen Nationalstaaten kann man durchgehend eine Abkehr vom Mittelmeer beobachten. Wenn man es nicht beherrschen kann, wenn man es nicht zur Bühne für nationale Glorie machen kann, dann wendet man ihm trotzig den Rücken zu. Wie aber kann, nachdem nationalstaatlicher Egoismus die Imperien ablöste, die ihre Kulturschätze an den Gestaden des Mare nostrum hinterlassen haben und zur Parzellierung und Zersplitterung divergierender Interessen geführt haben, eine neue, zukunftsfähige Mittelmeeridentität behauptet werden, die gleichwohl nicht mehr durch Beherrschung und Kolonisierung geprägt ist? Mehr als 2 000 Jahre nach der Etablierung der Pax Romana ist ein Pax Europeana nicht gewünscht und mit den arabischen Staaten nicht mehr zu erreichen. Das neue Dialogprinzip setzt allerdings voraus, daß die Europäer begreifen, daß der so gerne dämonisierte Islam sich seinerseits einer liberalistischen, okzidentalen Herrschaft des Geldes konfrontiert sieht. Franco Cassano forderte, diese in ihrer fundamentalistischen Dimension zu erkennen.In der auch in Beirut vernehmbaren Polyphonie der Mittelmeerdeutungen ist ein systematischer Begriff für die Essenz des Mediterranen nicht zu finden. Festschreibungen von Identitäten sind in diesem Zusammenhang unbrauchbar und schädlich, eine kulturelle Endgültigkeit läßt sich nicht behaupten, im Wasser des Mittelmeers spiegelt sich außer dem eigenen Antlitz immer auch das eines fremden Anderen. So ist das mittelländische Meer ein Raum der Übergänge und unentwegten Wiedergeburten.Israel fehltEin mediterranes Teilnehmerland, Israel, fehlt indessen in dem ehrgeizigen und wichtigen Projekt über die Vielfalt der Visionen im Mittelmeerraum. Auch wenn das heutige Israel als Staat nur auf eine kurze Geschichte zurückblicken kann, ist ein Mittelmeer ohne jüdische Interpretationen nicht zu denken. Aber eine israelische Beteiligung ist derzeit, zumal bei einer Tagung in Beirut, nicht realisierbar. Dabei hätte ein Frieden, der mehr wäre als eine gefährdete Friedensregelung im Nahen Osten, eine große Ausstrahlung. Die USA haben bewiesen, daß sie bei der Überwindung der Konflikte nicht so recht helfen können; Europa muß sich engagieren, denn sonst bleibt die euro-mediterrane Partnerschaft, zu dessen inhaltlicher Belebung die Konferenzreihe "Les Représentations de la Méditerranée" einen Beitrag leistet, letztlich eine Chimäre oder ein schöner Traum.

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