In Bergwerken, Atomkraftwerken und beim Röntgen haben Zehntausende beruflich mit Strahlung zu tun. Wer an Krebs erkrankt, muß um die Rente kämpfen, und die Dunkelziffer ist hoch.: Das schleichende Gift

Ich bin immer kerngesund gewesen", erzählt Siegfried Scholz aus Lichtenstein nahe Zwickau. Doch bei einer Untersuchung Anfang des Jahres sagte sein Urologe plötzlich: "Mit einer Niere stimmt etwas nicht." Scholz ging zum Röntgen und erfuhr, was mit der Niere nicht in Ordnung ist er hat Krebs, und auch sein Immunsystem ist angeschlagen. "Da kriegt man schon Angst", meint der 68jährige. Sein Leiden, glaubt Scholz, hängt mit der Arbeit für die Wismut AG zusammen: "Ob in Schlema oder Ronneburg es hat ja immer alles gestrahlt." In den "Todestälern" Sachsens und Thüringens hatten Zehntausende nach 1945 den Stoff für das sowjetische Atomprogramm aus der Erde gegraben: Uranerz. Der Uranbergbau ist das erste Glied in der Nutzung der Kernenergie, ob für die Bombe oder Strom. Als tödliche Folge ließ die Strahlung aus Erz und Radongas Krebs in den Lungen, Därmen oder Nieren der Wismut-Arbeiter wachsen vor allem, solange das berüchtigte Trockenbohren noch üblich war und die Hauer mit dem Silikonstaub auch Uranpartikel einatmeten.Siegfried Scholz hat nach dem Krieg 16 Jahre lang Maschinenhäuser und Strekkenkreuze in den Uranerzstollen gemauert. Anschließend arbeitete er über Tage, bevor er 1990 aufhörte. "Ich habe nichts anderes gemacht als Wismut", berichtet er. Einen Antrag auf Rente wegen "strahlenbedingter Berufskrankheit" will er jetzt dennoch nicht stellen. Seine Ärztin hat ihm davon abgeraten. "Sie sagte, mit der Niere wird das nichts nur bei Lungenkrebs sähe es anders aus." Denn der direkte Zusammenhang zwischen der Arbeit im Stollen und dem Krebs könne nicht nachgewiesen werden. Der Rechtsanwalt Wilfried Grafen aus dem sächsischen Borna kennt das Problem. "Die Berufsgenossenschaft mauert", sagt er, "weil sie eine Kostenlawine auf sich zurollen sieht."Schon zu DDR-Zeiten wurden etwa 5 600 Bergleute als strahlenkrank ein- gestuft. Nach der Wende gingen bei den Berufsgenossenschaften jährlich bis zu 1 300 Rentenanträge ein. Unbestritten ist, daß dabei häufig unbürokratisch entschieden wird. "Unsere Anerkennungsquote ist hoch", sagt Gabriele Pappai von der Bergbau-Berufsgenossenschaft in Gera. Mehr als eine halbe Million Mark floß seit 1990 an krebskranke Wismut-Arbeiter; etwa 2 000 bekamen eine Rente zugesprochen. Doch rund 2 800 Antragsteller gingen leer aus.Das Tückische an Strahlenerkrankungen ist, daß sie meist erst Jahrzehnte später auftreten und eine Kausalität nur selten nachweisbar ist. Zwar besteht kein Zweifel daran, daß Radonstrahlung Lungenkrebs erzeugen kann. Andererseits ist Lungenkrebs bei Männern allgemein die häufigste Todesursache und wird oft durch Rauchen ausgelöst. Deshalb berechnet man das Krankheitsrisiko nach Wahrscheinlichkeit. Wer bei der Wismut eine Lebensdosisstrahlung über dem Richtwert, die sogenannte Verdoppelungsdosis, erhalten hat, bekommt die Rente. Wer unter der Marke liegt, wer über Tage verstrahlt wurde oder wie Siegfried Scholz die "falsche" Krankheit hat, geht leer aus."Bei der Wismut wird im Prinzip nur Lungenkrebs anerkannt", bestätigt Gerhard Silla von der IG Bergbau in Gera. Seit 1995 nehmen die Ablehnungen sogar zu, weil ehemalige Bergleute zunehmend Tumore anderer Organe als der Lunge melden. Sie scheitern aber meist an den Wismut-Gutachten, die Krankheiten wie Magen-, Nieren- oder Darmkrebs durch Radon nicht kategorisch, aber de facto ausschließen. Deshalb haben auch jene zwanzig Hauer aus dem Bezirk Gera, die heute an Hodenkrebs leiden, keine Chance auf die Rente. Nur äußerst selten wehrt sich einer der Abgelehnten vor Gericht; knapp zwanzig haben bislang Klage eingelegt. "Man grollt und grummelt im stillen, wenn man kein Geld kriegt", meint der evangelische Umweltbeauftragte Joachim Krause aus dem sächsischen Schönberg, "dagegen zu kämpfen, erscheint den Leuten sinnlos." Und das nicht ohne Grund, schließlich konnte nach Auskunft der Genossenschaft in Gera kein Kläger bislang letztinstanzlich vor Gericht obsiegen. Zwar unterstützt die IG Bergbau die Kranken und ihre Witwen notfalls per Rechtsschutz, aber die Chemnitzer Filiale der Gewerkschaft teilt auch mit, nur "Uneinsichtige" würden den "aussichtslosen" Gerichtsweg beschreiten. "Das ist doch nicht zu fassen!" sagt der Marburger Nuklearmediziner Horst Kuni. "Es ist wissenschaftlich gesichert, daß die Wismut-Leute eine Vielzahl von Krebsarten durch die Strahlung bekommen können." Wismut-Studien selbst belegen eine erhöhte Zahl "extrapulmonaler Karzinome" Krebs außerhalb der Lunge. Deshalb lenkte die Bergbau-Berufsgenossenschaft nun auch teilweise ein. "Ab sofort", sagte ihr Hauptgeschäftsführer Joachim Breuer der "Berliner Zeitung", "werden wir auch primären Leberkrebs und Knochenkrebs anerkennen." Doch für viele kommt die Entscheidung zu spät. Und "die Dunkelziffer ist riesig", vermutet Experte Kuni.Verglichen mit mutmaßlichen Strahlenopfern der westdeutschen Atomindustrie geht es den Wismutianern indessen noch gut. So wurden unter den Beschäftigten des Forschungsreaktors GKSS in Geesthacht von 1980 bis 1991 insgesamt 15 Leukämie- und andere Krebsfälle publik. Als Berufskrankheit anerkannt wurde jedoch nur das Leukämie-Leiden eines einzigen Mitarbeiters."Viele Betroffene scheuen das Prozeßrisiko", sagt der Anwalt Mathias Seipel aus dem hessischen Hanau. Denn nur selten ist die Beweislage so klar wie bei seinem Mandanten Franz Ferstl. Der Laborarbeiter bei der Hanauer Nuklearfirma Nukem war 63 Jahre alt, als er 1991 an Lungenkrebs starb. Daher hat er nicht mehr erlebt, daß ihm die Berufsgenossenschaft vier Jahre später eine exzessiv hohe Strahlenbelastung und damit eine Berufskrankheit bescheinigte. Ferstl hatte beim Umgang mit Uran eine Strahlenlebensdosis erhalten, die mindestens 15fach über dem zulässigen Grenzwert von 400 Millisievert lag. Anwalt Seipel vertritt weitere Mitarbeiter der Hanauer Nuklearbetriebe, die auch an Krebs erkrankt sind; ein Verfahren hat er kürzlich gewonnen. Er erklärt: "Es wird verharmlost und verschleppt. Nur wenn es gar nicht anders geht, zahlt die Berufsgenossenschaft."Abseits der Wismut registrieren die Genossenschaften jährlich rund 50 bis 90 Anträge auf strahlenbedingte Berufskrankheit. Die meisten davon stammen aus der Atomindustrie und der Medizin, wo die überwiegende Zahl der etwa 350 000 "beruflich strahlenexponierten" Personen in Deutschland arbeitet. Anerkannt wurden bis 1996 aber lediglich eine Handvoll Fälle pro Jahr. Die Bremer Nuklearphysikerin Inge Schmitz- Feuerhake hält dies für "skandalös": "Die Berufsgenossenschaften suchen sich in der Regel Gutachter, die der Atomlobby nahestehen, schließlich werden sie von den Arbeitgebern finanziert." Und so fänden die Gutachter immer wieder andere Krankheitsursachen als die Strahlung. Dies bestreitet Andreas Baader vom Hauptverband der Berufsgenossenschaften: "Wir führen die Verfahren nach Recht und Gesetz durch. Und der Rentenausschuß, der über die Anerkennung entscheidet, ist paritätisch mit Vertretern der Gewerkschaften besetzt." Gegen eine Ablehnung zu klagen ist aber meist ebenso sinnlos wie bei der Wismut. Um so erstaunlicher ist ein Urteil, das das Sozialgericht Nordhausen im Juni dieses Jahres fällte. Es bescheinigte dem 61jährigen Klaus Neukirch aus Mühlhausen in Thüringen, sein Darm-, Lungen- und Prostatakrebs sei ein Ergebnis des Unfalls von Tschernobyl, und sprach ihm eine Rente zu. Kurz nachdem die radioaktiven Wolken im Mai 1986 über ganz Europa zogen, erhielt Neukirch, damals Direktor des "VEB Kraftverkehr Mühlhausen", den Auftrag, "ein paar Leute abzustellen, um verstrahlte Lastwagen zu reinigen". Es handelte sich um Fahrzeuge, die aus dem Osten kamen und am deutsch-deutschen Übergang Herleshausen abgewiesen wurden. Wie der frühere Werkstattleiter Otto Zölllner erzählt, mußten elf Mitarbeiter "bis zehn Uhr abends" sechs Wochen lang "völlig ungeschützt" rund hundert Lkw säubern. "Es kamen Leute mit Geigerzählern", berichtet Zöllner, "aber sie sagten, das ist nicht gefährlich." Die verseuchten Lkw-Luftfilter hätten sie mit bloßen Händen ausgetauscht. Da das Wasser in der Waschanlage zirkulierte, strahlte es immer stärker, bis es schließlich in die Kanalisation floß.Obwohl bis 1994 fünf Mitarbeiter im Alter um die 60 Jahre an Krebs starben, sah niemand einen Zusammenhang mit der Putzaktion. Anders Klaus Neukirch, der die "Dekontamination" beaufsichtigt hatte. Als ihm die Berufsgenossenschaft Fahrzeughaltung die Anerkennung als Berufskrankheit verweigerte, klagte er 1996 vor dem Sozialgericht. Während der Genossenschafts-Gutachter "schicksalhafte Leiden" diagnostizierte, schloß sich das Nordhäuser Gericht dem Votum des Professors Kuni an, wonach Neukirch "mit großer Wahrscheinlichkeit" durch die Strahlung erkrankt sei. Die Genossenschaft hat nun Berufung eingelegt. Sie muß den Präzedenzfall fürchten, denn die Todesserie von Mühlhausen weitet sich aus. Bis heute sind sieben der Wagenwäscher an Krebs gestorben.Recherchen der "Berliner Zeitung" ergaben, daß auch in Gotha und Eisenach verseuchte Lkw gewaschen wurden. "Am schlimmsten war es in Eisenach", sagt der ehemalige Instandhaltungs-Chef beim "VEB Kraftverkehr Eisenach", Jürgen Wattenbach. "Die Fahrzeuge stauten sich vom Grenzübergang bis in die Stadt hinein." Man habe damals sogar die freiwillige Feuerwehr an die Waschanlage beordert, um all die "polnischen, ungarischen und russischen Laster" zu reinigen, insgesamt über dreißig Personen. Wattenbach ist sich sicher: "Auch in Eisenach hat es Opfer gegeben." Er selbst kennt einen Mann, der noch vor der Wende an Hautkrebs verstarb. Auch der frühere Eisenacher Fernfahrer Klaus Friedrich erinnert sich an zwei Kollegen aus der Putzkolonne, die ungewöhnlich früh und schnell an Lungenkrebs starben. Doch noch hat niemand die Opfer gezählt, und die Unterlagen mit den gemessenen Strahlenwerten sind verschwunden.Wohl auch deshalb rechnet sich die Berufsgenossenschaft gute Chancen aus, die Berufung im Fall Neukirch zu gewinnen. Das Risiko für den Mühlhäuser, an einem bösartigen Leiden zu erkranken, sei "gegenüber der übrigen Bevölkerung nicht erhöht" gewesen, teilt sie mit. Gewinnt aber Neukirch, könnte dies gravierende Folgen für die Nuklearindustrie haben. Denn das Gericht urteilte, daß es nicht nur auf die "Verdoppelungsdosis" ankäme, um zu beurteilen, ob jemand durch Strahlung erkrankt sei. Vielmehr müßten "sämtliche zur Verfügung stehenden Indizien gewürdigt" werden bei Neukirch etwa das relativ frühe Alter, in dem er Krebs bekam. Noch mehr Kopfzerbrechen könnte Industrie und Genossenschaften eine Verordnung bereiten, die der niedersächsische Innenminister im Juli erließ. Demnach können Polizisten, die den Castor schützten, ein späteres Krebsleiden als strahlenbedingte Berufskrankheit reklamieren. Dabei wurde erstmals die Beweislast umgedreht: Nun muß der Dienstherr belegen, daß ein Lungenkrebs nicht vom Castor, sondern beispielsweise vom Rauchen herrührt. Andere Gewerkschaften betrachten dies bereits mit Interesse. "Da wir den weitmöglichsten Schutz unserer Mitglieder wollen, schließen wir uns der Forderung an", sagt Olga Leisinger von der ÖTV in Stuttgart.