Mit der technischen Revolution haben sich die Grenzen von Zeit und Raum radikal verschoben. Wenn Amerikaner einen neuen Präsidenten wählen, kann die vernetzte Welt im Bruchteil von Sekunden Ergebnisse und Reaktionen am Computerbildschirm verfolgen. Blogger, Handy-Fotografen und Podcaster haben traditionelle Kategorien von medialen Produktionsprozessen destruiert und die Medialisierung des öffentlich Raumes bis in alle gesellschaftliche Schichten vorangetrieben. Die Trennlinie zwischen Produzenten und Konsumenten ist obsolet geworden.Der Videokünstler und Filmemacher Bjørn Melhus beschäftigt sich seit Anfang der Neunziger mit dem Wirkungsradius der Pop-, Film- und Fernsehwelt. Der 1966 in Kirchheim/Teck geborene Melhus - mit norwegischen Vorfahren - schöpft seine Kreativität aus dem Fundus der mediatisierten Wirklichkeit, die uns permanent beschäftigt. Unser Seinsverständnis ist wesentlich geprägt von Zitaten, Imitationen und Reproduktionen. Wir operieren in einer "Fernsehwirklichkeit", wie es Elfriede Jelinek auf den Punkt brachte. Schon das ist Grund genug, reflexhaft generierter Realität zu misstrauen.In seiner neuen Installation "Screensavers" hat sich der in Berlin arbeitende Melhus mit den Software-Programmierern Ivo Wessel und Rainer Kohlberger zusammengetan, um die Leitmotive seiner auf Popkultur fußenden Arbeit zu radikalisieren. "Screensavers" ist ein kühnes, in die Zukunft blickendes Projekt. Fasziniert und ehrfürchtig experimentiert es mit Chancen und Nebenwirkungen technisch reproduzierbarer Kommunikation.Melhus hat mit seinen Partnern eine Lichtinstallation entwickelt, die neueste technische Entwicklungen nutzt, um den Austausch zwischen Mensch und Medium zu visualisieren: Auf sieben sechs Meter hohen und zwei Meter breiten Licht-Stelen - positioniert am Mittleren Ring in München - erstrahlen zufällig aufgefangene, über eine Spracherkennungssoftware aus dem Radioprogramm gefilterte Wortfetzen auf vertikalen Bildschirmen. Wie illuminierte Pfeiler ragen die Stelen in die Höhe; sie kommentieren den fließenden Verkehr am Münchener Ring.Sechs Monate lang wird Melhus' Installation bis zu 90 000 täglich vorbeifahrende Autofahrer aus dem Alltagstrott reißen. Während die eingekapselten Insassen in automatisierter Haltung dem Programm des Informationssenders "B5 aktuell" lauschen, erscheinen die akustisch wahrgenommenen Worte parallel auf den leuchtend-flackernden Säulen. Finanzkrise, Unwetterwarnung, Ypsilanti - besonders diffuse Kategorien glühen in roten, alarmierenden Lettern auf. Die semantischen Zuspitzungen von plakativen Begriffen, die insbesondere im Kampf um mediale Aufmerksamkeit reißerische Wirkung zeigen, erscheinen nun wie absurde Manipulationsinstrumente. Das private Fortbewegungsmittel Auto wird in Verbindung gesetzt mit dem öffentlichen Leben, dabei macht der Künstler die mediale Spannung zwischen Ton und Bild, Inhalt und Form, Fiktion und Realität deutlich.Zwischen den Radiomoderationen werden die Pausen von digitalisierten Comic-Figuren gefüllt: Supermänner, in rötlich-gleißenden Anzügen - Melhus im Selbstporträt - vertreiben die chaotischen Wortschöpfungen von den glitzernden LED-Säulen. Mit dem Eingriff der "Screensavers" pointiert der Berliner Künstler einen Gedanken, mit dem er sich schon in älteren Arbeiten beschäftigt hat: "Ich beobachte, dass es eine Sehnsucht nach Superhelden gibt. Zeitschriften und Bücher sind voll von Supermännern, die in den öffentlichen Raum eingreifen und sich als Retter der Großstadt inszenieren."Doch seine Superhelden sind nur scheinbare Erlöser einer kompliziert gewordenen Welt. Das Sprachgewirr ist unaufhaltsam, es blinkt, strahlt, rotiert, wie im Modus der Schleife. "Zum Glück kommt der Superman nicht von der Stelle", scherzt Ivo Wessel beim Betrachten des sich mühsam fortbewegenden Helden, der sich nicht als Retter, sondern als Scheinkonstruktion offenbart.Mit der und gegen die Technik fragt das Wechselspiel der Zeichen nach den Konsequenzen für unsere Wirklichkeit. Innovative Technik und mediale Kontrollstrategien sind zwei Seiten einer Medaille: So ist die Spracherkennungssoftware, die für die Installation verwendet wird, zuerst eine Errungenschaft des Militärs, entwickelt zur Überwachung von Telefongesprächen. Melhus hat dazu eine Anekdote parat, die symptomatisch die Ambivalenz der Technik belegt: Als er einen für die Installation notwendigen Radioempfänger kaufte, erhielt er prompt einen Brief von der GEZ. An einen Zufall will der Künstler kaum glauben.Das ist vermutlich die irritierende Erkenntnis seiner medialen Kunst: Wie jede Entwicklung birgt die technische Revolution nicht nur Möglichkeiten. Sie spuckt auch brandgefährliche Funken.------------------------------Foto: Bjørn Melhus (M.), Videokünstler in Berlin, hat mit den Programmierern Ivo Wessel (l.) und Rainer Kohlberger (r.) ein Licht-Kunst-Projekt realisiert.------------------------------Foto: Digitale Klone, Supermänner, auch als Selbstporträts des Künstlers Melhus bevölkern die Licht-Stelen vor dem Münchener Osram-Haus. Osram ist Sponsor. Die Aktion beginnt am 13. 11. 19 Uhr am Candidplatz, München, bis 24. 4. 2009.