BERLIN, 20. Oktober. Im Grunde konnte man die ZDF-"Hitparade" seit dem Abschied ihres Gründervaters Dieter Thomas Heck für tot erklären. Das war im Dezember vor 16 Jahren. Nun wird die Veranstaltung mit einiger Verspätung tatsächlich eingestellt. Im nächsten Jahr soll es die "Hitparade" im ZDF-Programm nicht mehr geben. Das ist keine Katastrophe, sondern eine Zwangsläufigkeit des Fernsehens. Wenn sich das Publikum verabschiedet, ist irgendwann Schluss. Im Moment liegt die Quote bei gut einer Million Zuschauer, und die Kurve weist steiler nach unten als der Kurs der T-Online-Aktie. In den vergangenen sechs Jahren habe die "Hitparade" fast 80 Prozent ihres Publikums verloren, ließ der ZDF-Programmchef Markus Schächter in einer Stellungnahme verlauten, die im Ton einer Regierungserklärung daherkommt. Die Ursache für den Verfall der Wertungssendung liege darin, "dass sich in den zurückliegenden Jahren die wirklich erfolgreichen deutschen Künstler dem Wettbewerb einer ,Hitparade entzogen haben".Namen der wirklich erfolgreichen Schlagersänger nennt Schächter nicht. Jürgen Drews, Bernhard Brink und Tony Marshall protestieren gegen die Entscheidung des Programmchefs, Karel Gott ist auch dagegen und der Komponist Ralph Siegel gibt zu, "mehr als traurig gestimmt" zu sein. Vielleicht macht er ein trauriges Lied daraus. Sie sollen jetzt nicht sagen, sie hätten das Ende nicht kommen sehen. Die zurückliegenden Jahre, von denen Schächter spricht, reichen weiter zurück, als man denken könnte. Bereits im Februar 1973 schrieb die Süddeutsche Zeitung, ". deshalb scheuen viele renommierte Stars (wie Udo Jürgens, Peter Alexander) die ,Hitparade : Sie haben offenbar Angst, sich nicht unter den fünf ersten Titeln behaupten zu können und von irgendeinem Nachwuchs-Senkrechtstarter ausgestochen zu werden."So war das schon damals, nur haben damals noch 30 Millionen Zuschauer die "Hitparade" sehen wollen. Ob mit Chris Roberts, der insgesamt wohl fast 70-mal dort aufgetreten ist, oder mit solchen Eintagsfliegen wie einem absurden Janis-Joplin-Double namens Maggie Mae ("Ma-ah-boy-lolly-pop. Oh-oh-oh-oh"). Es konnte einem egal sein, wer kam. In ihrer großen Zeit war die "Hitparade" mehr als eine Fernsehsendung. Sie strukturierte den Sonnabend, und dass man sie früher gern gesehen hat, braucht einem nicht peinlich zu sein. Um die Bedeutung der "Hitparade" wirklich verstehen zu können, muss man sich einen gewöhnlichen Sonnabend in den frühen 70er-Jahren vorstellen. Vormittags wurde das Kinderzimmer sauber gemacht, in der Regel ohne Beteiligung des betreffenden Kindes, das sich bestenfalls mit dem Mülleimer nützlich machte. Die Wohnung roch frisch. Um 16 Uhr begann im Radio der Rias-"Treffpunkt" mit Christian Graf oder Barry Graves und ihrer "Hörerpostbestätigung" für die Briefeschreiber aus dem Osten. Sonnabends wurde für die Ostler ausschließlich Wunschmusik gespielt. Und wenn es einem gelang, "Child in Time" von Deep Purple in voller Länge aufzunehmen (Das Wort "mitschneiden" entstand später), versprach es ein guter Sonnabend zu werden. 18 Uhr wechselte man zum Fernseher im Wohnzimmer, um den Anfang von "Tarzan" nicht zu verpassen. Da im Programm gleichzeitig Fußball lief, gab es um "Tarzan" immer einen innerfamiliären Streit. Der Zweitfernseher fürs Kinderzimmer war noch nicht vorhanden. Ging der Kampf um "Tarzan" verloren, verbrachte man die Zeit bis zur "Hitparade" am besten in der Badewanne. So kommt es, dass die Erinnerung an die "Hitparade" mit einem bestimmten Duft verbunden ist, dem süßlichen Duft von Shampoo. Mit nassen Haaren saß man halb acht wieder auf dem Sofa und hörte Dieter Thomas Heck, wie er ins Mikrofon rief: "Guten-Abend-hier-ist-Berlin-live-aus-dem-Studio-eins-der-Berliner-Union-film" und man sah, wie er das Mikrofon nur so zwischen Zeigefinger, Mittelfinger und Daumen hielt - als sei es klebrig. Nun berichten Kulturkritiker in ihren Abgesängen davon, wie schön die "Hitparade" seit ihrer ersten Ausstrahlung am 18. Januar 1969 in die sozialliberale Zeit gepasst hätte, wie fortschrittlich beispielsweise das frei im Studio herumstehende Tonmischpult gewesen sei, weil es der Fernsehproduktion eine demokratische Transparenz verschafft habe. Bei der live übertragenen "Hitparade" wurden die Schlagerfreunde regelrecht aufgefordert, ihren singenden, klingenden Idolen vor laufender Kamera um den Hals zu fallen. Es gab eine kleine Treppe zur Bühne, auf der die Blumenspender nach oben steigen konnten. Die taz sieht darin eine "Enthierarchisierung der Darbietung". Das haben wir nicht bemerkt.Bemerkt haben wir Juliane Werding. Juliane Werding ist ein Beispiel für die geschmacksbildende Funktion der "Hitparade". Es musste zwar einige Zeit vergehen, bis man erkannte, dass ihre todtraurige Ballade vom Tag, als Conny Kramer starb, lediglich die deutsche Version von John Baez "The Night They Drove Old Dixie Down" war und das Original von The Band stammt. Von The Band zu Bob Dylan war es nur noch ein kleiner Schritt. Irgendwann verlor Tarzan seine Bedeutung, irgendwann wurde das Fernsehen bunt, und irgendwann geriet einem auch die "Hitparade" aus dem Blick. Als Dieter Thomas Heck 1984 die Sendung zum letzten Mal moderierte, war zum letzten Mal der einzig wahre Abspann-Rap zu hören. Wenn es einen Nachruf geben soll, dann diesen:Rainer, fahr das Band ab .