SÃO PAULO, im Juli. Hitler Gazella ist ein freundlicher Mann. Er ist 62 Jahre alt und mit sich und dem Leben recht zufrieden. Hitler Gazella wohnt in São Paulo, in der Rua Isaac Tabacow, benannt nach einem angesehenen Juden, der einmal in der brasilianischen Metropole gelebt hat. Hitler Gazellas Vater kam aus einer italienischen Familie und mochte die Nazis. Deshalb hat er seinem Sohn diesen Namen gegeben. Hitler. "Als ich jünger war, wollte ich den Namen loswerden, doch der bürokratische Aufwand hat mich abgeschreckt. Also gewöhnte ich mich dran, eben Hitler zu heißen", sagt Hitler Gazella.Ärger gab es deshalb kaum, weder mit der großen jüdischen Gemeinde der Stadt, noch mit den Leuten in seiner Straße. Manchmal machten die Kollegen Späße. "Die nannten mich einen Nazi. Unter Freunden ging das ja noch, aber von Fremden hörte ich das gar nicht gerne. Denn ich war ja nie ein fanatischer Hitler-Anhänger."In Brasilien kann jeder heißen, wie er will. Es gibt Leute, die heißen Rommel, Eisenhower, Rambo, Xerox, Goethe, Elvis Presley, Einstein, Rummenigge, Beckenbauer, Hirohito oder Stalin. Wer seinen Namen nicht mehr mag, kann sich umbenennen. Ohne Angabe von Gründen ist man den Namen nach spätestens sechs Monaten los. Man braucht allerdings einen Anwalt und den können oder wollen sich viele nicht leisten.So bleibt es dabei, dass weiße Hitler in Universitätshörsälen sitzen, schwarze Hitler in Slums hausen, es sogar Hitler-Straßen, wie die Avenida Hitler Sansao gibt. Der rührige Polizeichef Hitler Mussolini Pacheco im Teilstaate Goiania, der angesehene Richter Hitler Cantalice in Nordostbrasilien, hätten schon längst anders heißen können, wollten aber nicht. Und Señor Hitler Cazella in der Rua Isaac Tabacow will auch nicht. "Bei meinen Kindern stehe ich so in den Personalausweisen. Es gibt so viele Dokumente und Urkunden. Das alles wieder zu ändern wäre mir zu kompliziert. Meine Frau kennt mich nun schon über dreißig Jahre als Hitler - die will auch nicht, dass ich mich umbenenne."Im Telefonbuch von São Paulo steht neben zahlreichen Hitlers ein Mann, der Himmler Hitler Göring Ferreira Santos heißt.São Paulo hat jüdische Viertel, zahlreiche Synagogen, einen großen "Club Hebraico" mit exzellenten Kulturveranstaltungen - Juden begegnet man recht häufig. Doch nie hat sich jemand an Hitler Gazellas Namen gestoßen. Er sagt, dass er jüdische Bekannte habe, dass er als Buchhalter in Unternehmen gearbeitet habe, die Juden gehören. Auch dort gab es nie Probleme.Seltsam eigentlich, schließlich war doch Brasilien noch 1943 in den Krieg gegen Hitler gezogen, hatte 1944 ein 25 000 Mann starkes Expeditionskorps nach Italien geschickt, das dort mit den amerikanischen Truppen gegen die Wehrmacht kämpfte. Ist das alles vergessen? "In der Schule sagten sie manchmal ,Heil Hitler zu mir, aber das habe ich als Kompliment aufgefasst, nie als Beleidigung", sagt Hitler Gazella. Er meint, dass die meisten Brasilianer sich keine Gedanken über Hitler und seine Rolle in der Geschichte machen. Dass es ihnen egal ist. Nun, so ganz stimmt das wohl nicht. Studien belegen, dass der Nazi-Führer in Brasilien viele Sympathisanten hat, selbst unter den Intellektuellen. Und es gibt viele gut organisierte Neonazis in São Paulo. Einer davon, Automobilarbeiter bei einem deutschen Multi, sagte öffentlich: "Unser Hauptfeind sind die Juden - sie kontrollieren die Medien, die großen Unternehmen, finanzieren die Schwarzen- und Homo-Bewegung."Rio de Janeiros Rabbiner Nilton Bonder sagt: "Teile der frustrierten Stadtjugend sind von Adolf Hitler, der Naziideologie und deren Rassentheorien fasziniert." Die Gesellschaft oder die Politiker scheint das nicht zu kümmern. Vornamen wie Hitler lösen keinen Skandal aus; keine Zeitung würde sich darüber aufregen. So wie sich kaum jemand je darüber aufgeregt hat, dass Brasilien zahlreichen Nazi-Verbrechern wie Josef Mengele Unterschlupf und neue Aufstiegschancen bot. Dass in brasilianischen Wörterbüchern Juden als "individuo mau", als schlechte Menschen, erklärt werden. Trotz aller Proteste der jüdischen Gemeinde.Zahlreiche hohe Politiker wie der Ex-Gouverneur Leonel Brizola, Vizepräsident der Sozialistischen Internationale, haben den verstorbenen Diktator, Hitlerverehrer und Judenhasser Getulio Vargas als geistigen Ziehvater. Nach dessen deutschstämmigem Chef, Filinto Müller, der die kommunistische Jüdin Olga Benario an die Gestapo auslieferte, sind bis heute in Brasilien sogar Schulen, Plätze und öffentliche Gebäude benannt.In Geschäften, vielen Privathäusern und sogar in einem Theater Rios geht man über Hakenkreuzfliesen. Und Brasiliens neuer Staatschef Luis Inacio Lula da Silva, jener Ex-Gewerkschaftsführer, der einst bei Volkswagen do Brasil in São Paulo als Dreher arbeitete, sagte in einem Interview: "Hitler irrte zwar, hatte aber etwas, das ich an einem Manne bewundere - dieses Feuer, sich einzubringen, um etwas zu erreichen.""Meine Frau kennt mich nun schon über dreißig Jahre als Hitler - die will auch nicht, dass ich mich umbenenne. " Hitler Gazella