BREMEN. Nobel gekleidete Herren schreiten wie die Pinguine über den Marktplatz zum Bremer Rathaus. Sie tragen allesamt Frack und das an einem gewöhnlichen Freitagmittag. Passanten klatschen, Touristen staunen. Die Befrackten begeben sich zum Schaffermahl, wie jedes Jahr seit 1545 am zweiten Freitag im Februar.Damals hatten Bremer Schiffer und Handelsleute eine Stiftung gegründet, die unter dem Namen "Haus Seefahrt" heute als älteste soziale Einrichtung der Welt gilt. Die Männer unterstützten Witwen und Waisen ebenso wie Seeleute, die in Gefangenschaft oder andere widrige Umstände gerieten, und jeweils an diesem Februar-Freitag trafen sie sich zur jährlichen Rechnungslegung beim Schaffermahl. Es hat seinen Namen vom Wort "schaffen", was sowohl essen als auch erledigen bedeutet.Der Reeder Niels Stolberg, 48, erzählt über die Zeit, in der Stockfisch Grundnahrungsmittel war, Seeleute zum Fischen auf den Nordatlantik hinaus fuhren und manchmal nicht zurückkehrten. "Bei schwerem Wetter wurden sie über Bord gespült, sie galten dann als verschollen", sagt Stolberg. Die Stiftung half dann den Hinterbliebenen.Schwarze und weiße FliegenAls Mitglied der Stiftung trägt Stolberg eine schwarze Fliege und kann an jedem Schaffermahl teilnehmen. Männer mit weißer Fliege dagegen sind Gäste und dürfen als solche nur einmal im Leben dabei sein. Auch Bundespräsident Horst Köhler, der in diesem Jahr als Ehrengast geladen ist, macht da keine Ausnahme. Und das Schaffermahl ist wie eh und je reine Männersache. Das Mahl fand früher vor dem ersten Auslaufen nach der Eisschmelze statt, zur Lagebesprechung tauschten sich See- und Kaufleute aus über Handelsrouten und maritime Angelegenheiten. Frauen hatten da nicht mitzureden.Heute ist das Schaffermahl allerdings eher ein modernes Networking. Die "Schaffer" teilen sich Aufgaben, die kaum noch mit Seniorenversorgung, aber viel mit Werbung für Bremen, Investitionen und Arbeitsplätzen zu tun haben. Nicht zufällig werden Vertreter aus Politik und Wirtschaft eingeladen. Ein halbes Jahr dauert die Vorbereitung auf das Mahl, zuständig ist der Erste Schaffer, zu dem jedes Jahr ein anderer Unternehmer ernannt wird. Keiner würde sich vor dem hoch angesehenen Ehrenamt drücken. "Wir alle, meine Herren", sagte letztes Jahr der Erste Schaffer Christoph Weiss im prunkvollen Saal mit vier Koggen an der Decke, "gehören zur Elite." So möchte man gesehen werden.Politiker haben hier Redeverbot. Einmal im Jahr müssen sie ohne Widerrede zuhören. Das dürfte etwa Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit, der im vergangenen Jahr dabei war, nicht leicht gefallen sein. Nach alter Sitte werden die offiziellen Reden in den Pausen zwischen den sechs Gängen gehalten, bei denen Hühnersuppe, Stockfisch, Braunkohl und Pinkel, Kalbsbraten und Rigaer Butt sowie Sardellen, Wurst und Käse serviert werden. Und nach dem Essen reicht man langstielige Tonpfeifen, es wird gequalmt wie im Spätmittelalter. Spendentöpfe gehen dabei durch die Reihen. Bündelweise stopfen Gäste Scheine hinein, andere schreiben Schecks aus oder werfen ihre Visitenkarte ein, auf deren Rückseite sie diskret die Höhe ihrer Spende vermerkt haben.Die Frauen der Befrackten sitzen derweil im weniger prunkvollen Nebensaal und verfolgen auf Bildschirmen die Vorgänge in der Oberen Halle. Sie bekommen immerhin aber die selben Speisen serviert wie ihre Ehemänner. Jedes Jahr gebe es Unruhe unter den Frauen, weiß Kapitän Peter Albers. "Sie wollen im Saal neben ihren Männern sein, aber das geht nun mal nicht", sagt der 71-Jährige. Tradition bleibt Tradition. Zumindest am abschließenden Seefahrtsball dürfen die Damen aber teilnehmen, und dafür auch die jungen Leute aussuchen, die zur Polonaise im Wappensaal antreten - zur Erbauung der versammelten Herren.------------------------------Essen fassen auf und unter DeckTeilnehmer des Bremer Schaffermahls sind jeweils 100 Kaufmännische und 100 Seemännische Mitglieder der Stiftung Haus Seefahrt. Dazu kommen etwa 100 geladene auswärtige Gäste. Im Jahr 2007 war Bundeskanzlerin Merkel der erste weibliche Gast.Die Regeln des Mahls sind seit Jahrhunderten gleich. So wird es mit dem Ruf eröffnet: "Schaffen, schaffen unnen un boven - unnen un boven schaffen!" (Essen fassen, an Deck und unter Deck, Essen fassen). So riefen die Schiffsköche einst zu Tisch. Nach den Reden erschallt der Ruf: "Hepp, hepp, hepp - hurra!" Geklatscht wird nicht.------------------------------Foto: Die befrackten Herren beim Tafeln im Rathaus