In Chemnitz entfernte die Stadtverwaltung ein Bild, weil dessen Maler ein Rechtspopulist ist: Es sollte hundert Jahre halten

Die Chemnitzer Malerfirma rückt an diesem Freitagmorgen zu einem Routineauftrag aus. Die Stadtverwaltung hatte bei ihr vor Ostern eine farblich neutrale Wandgestaltung bestellt, auf einer Fläche von dreißig Quadratmeter, auszuführen am 17. April im Berufsschulzentrum an der Lutherstraße.Gut eine Stunde dauert es, dann ist das Arbeitswerk vollbracht. Und ein Kunstwerk zerstört. Denn die Maler mussten ein Wandbild überpinseln, um das in Chemnitz seit Monaten ein bizarrer Streit tobt. In diesem Streit geht es nicht um den künstlerischen Wert des Gemäldes, sondern um seinen Schöpfer, den 22-jährigen Benjamin Jahn Zschocke. Denn der Chemnitzer ist ein Rechter. Kein Neonazi zwar und auch kein Mitglied einer rechtsextremistischen Partei - aber er ist Mitbegründer einer Burschenschaft und arbeitet halbtags im Büro der Republikaner-Fraktion im Stadtrat, die sich jetzt "Pro Chemnitz/DSU" nennt. Auch gibt er die "Blaue Narzisse" heraus, ein feuilletonistisches Internetmagazin, das sich an Vertreter der "Neuen Rechten" wendet.Bei den bevorstehenden Kommunalwahlen will Zschocke, der sich als freischaffender Künstler und Konservativer bezeichnet, für die rechtspopulistische Sammelbewegung Pro Chemnitz antreten. Sein umstrittenes Bild heißt "Chemnitz - Stadt der Moderne", und so sieht, nun muss man sagen: sah es auch aus: Ein Panorama bunter alter und neuer Chemnitzer Kirchen und Häuser, dazwischen fünf graue Gebäude, die im Weltkrieg zerstört worden waren. Drei Meter hoch und zehn Meter breit war das Bild, es prangte seit vergangenem Sommer an einer Wand des Speisesaals im Keller der Berufsschule.Zschocke steht an diesem Morgen, an dem sein Bild verschwinden wird, vor dem verschlossenen Schulhoftor an der Lutherstraße. Dahinter parken mehrere Polizeifahrzeuge. In die Schule darf niemand hinein. Ein Dutzend Demonstranten sind da, Freunde von Zschocke. Sie rufen "Stasi" und "Totalitärer Staat" über den Zaun. Auf dem Schulhof werden gerade drei junge Leute in Handschellen in Polizeifahrzeuge gebracht. Sie waren am Morgen ins Schulhaus eingedrungen und hatten sich schützend vor das Bild gestellt.Dafür, dass soeben sein Werk überstrichen wird, ist Zschocke erstaunlich gelassen. Selbst seine Vorwürfe trägt der junge Mann mit dem blonden Bürstenhaarschnitt ruhig vor. Rituale einer durch und durch politisierten Gesellschaft würden hier ablaufen, sagt er, ein Abreagieren fast religiöser Gefühle. "Warum kann man Kunst nicht als Kunst betrachten?"Im Chemnitzer Rathaus geht gegen zehn Uhr die Nachricht ein, dass die Malerfirma ihren Auftrag erledigt hat. Der zuständige Bürgermeister Berthold Brehm (CDU) ist nicht zu sprechen. Und so erläutert Rathaussprecherin Katja Uhlemann die, wie sie sagt, formaljuristischen Gründe für die Beseitigung des Bildes: Die Stadt sei als Eigentümer des Schulhauses nie gefragt worden, ob sie der Wandgestaltung zustimme. "Wir wussten nichts von dem Projekt", sagt sie. "Wir hätten das aber auch nicht genehmigt." Was vor allem an Zschocke liege. "Wir wissen doch, welche Botschaft mit dem Bild und der Person des Schöpfers verknüpft werden soll", sagt Katja Uhlemann. "Deshalb ging es bei uns nie um den künstlerischen Wert des Bildes, sondern immer um die Möglichkeit, dass es politisch instrumentalisiert werden könnte."Auch wenn man im Rathaus angeblich nichts wusste von dem Wandbild, klammheimlich wurde das Projekt nicht durchgezogen. Denn bevor Zschocke im Juli und August letzten Jahres das Bild malte, war das Projekt ein Jahr lang mit allen Gremien der Schule und den rund 1 000 Schülern diskutiert worden. Eltern, Lehrer und Schüler hatten keine Einwände gegen das Vorhaben, der Förderverein der Schule schloss daraufhin einen Vertrag mit dem Künstler ab.Am Morgen des 1. Oktober 2008 schickte der Schulleiter die Einladungen zur feierlichen Einweihung des Bildes acht Tage später raus, am selben Abend schon schlugen die Stadträte von Linken und Grünen Alarm. Der Schulleiter musste die Einweihung absagen, stattdessen wurde das Bild mit alten Tapetenbahnen verhängt. Ein Verfassungsschützer untersuchte das Motiv nach möglicherweise verbotenen rechten Symbolen, wurde aber nicht fündig. Auch ein Auschwitz-Überlebender aus Chemnitz, der sich Anfang März auf Bitten von Bürgermeister Brehm das Bild anschaute, fand nichts auszusetzen.Dafür aber meldeten Rechtsextremismus-Experten Bedenken an. Sie wiesen auf ein winziges Kuppelkreuz auf einem der Gebäude hin, das einem keltischen Symbol ähnele, wie es Neonazis der "White Aryans" aus den USA benutzen. Tatsächlich handelt es sich dabei aber um das Originalkreuz, wie es auf alten Fotografien zu erkennen ist. Solche Kreuze stehen noch heute auf anderen Chemnitzer Kirchen.Zweifelhaft fanden die Experten auch die im Bild grau gestalteten Gebäuden, die im Krieg zerstört worden waren. Hiermit könne Zschocke auf die Bombenangriffe der Alliierten im Zweiten Weltkrieg anspielen wollen, die Chemnitz am 5. März 1945 schwer zerstört hatten, argumentierten sie. Die alljährlichen Gedenkveranstaltungen der Stadt am 5. März missbrauchen Rechtsextreme ähnlich wie in Dresden immer wieder für ihre politischen Botschaften.Im Rathaus entschied man sich angesichts dieser widerstreitenden Einschätzungen dann aber doch für den sicheren Weg. Vergangenen Dienstag bekam Zschocke die Mitteilung von Bürgermeister Brehm, dass die Stadt "in Ausübung ihres Beseitigungsanspruches" sein Bild überstreichen werde. Er habe drei Tage Zeit, es noch mal zu fotografieren, hieß es lapidar in dem Brief.Am Freitag sind schon gegen Mittag die Polizeifahrzeuge vom Hof der Berufsschule verschwunden. Auch die paar Demonstranten von "Pro Chemnitz" sind längst weg. Zschocke sitzt wieder im Fraktionsbüro. Hochwertige Farben habe er für das Bild verwendet, erzählt er. Die Wand sei hinterher ordentlich versiegelt worden. "Das hätte hundert Jahre gehalten."------------------------------Foto: Das Kuppelkreuz links sahen Rechtsextremismus-Experten als Keltenkreuz an - ein Symbol, wie es Neonazis in den USA benutzen.Foto: "Warum kann man Kunst nicht nur als Kunst betrachten?" Benjamin Jahn Zschocke