In China lebt eine ganze Siedlung von billigen Ölbildern. Die Exportkrise hat auch sie erreicht: Brotlose Kunst

SHENZHEN. Yang Lihui hat Routine im Kopieren von Kunstwerken. Egal, ob eine zerschlitzte Leinwand im Stil von Lucio Fontana, ein Monumentalschinken von einem John-Wayne-Portrait oder die unvermeidlichen Sonnenblumen von Van Gogh, Yang weiß, wie man es macht. Um Kunstanspruch geht es nicht, die Preise bemessen sich strikt nach Arbeitszeit und Materialaufwand.Am teuersten ist mit 250 Euro das große John-Wayne-Portrait, günstig ist dagegen die Fontana-Kopie - zwei Euro. "Das ist doch schnell gemacht", sagt die 28-Jährige. Sie arbeitet seit fünf Jahren in Dafen. Die Siedlung am Stadtrand von Shenzhen hat sich von einer kleinen Malerkolonie in den 90er Jahren zum weltweit größten Hersteller von massenhaft produzierten Bildern entwickelt. Mehr als 60 Prozent aller billigen Ölbilder auf dem Weltmarkt kommen aus dem Ort, über dessen zentralen Platz eine bronzene Leonardo-Büste wacht. Aber jetzt geht es Dafen schlecht."Normalerweise bestellt jeder unserer größten Kunden in der EU und in den USA in der Hochsaison im Dezember mehrere Container voll Bilder", sagt Huang Tong, Chef einer Bildermanufaktur in Dafen. Jetzt hat er Mühe, auch nur einen Container zu füllen. Wie jedes Jahr stellten Huang und die anderen Unternehmer aus dem Malerstädtchen im Oktober einen gemeinsamen Dafen-Stand bei der Kanton-Messe auf, Chinas größter Export-Messe. "Normalerweise ziehen wir da Aufträge im Wert von mehreren Millionen Euro an Land", sagt Huang. "Dieses Mal gab es keinen einzigen Auftrag."Exportvolumen rückläufigDer Grund für die Malaise ist die Immobilienkrise in den USA. "Amerikanische Immobilienbesitzer und Hotels waren unsere größten Kunden. Je mehr Häuser in den USA gebaut wurden, desto mehr Wände gab es, an die ein Bild gehörte," erklärt Zhou Xiaohong vom Bund der Kunstindustrie in Dafen. "Jetzt droht unser Geschäft zum Stillstand zu kommen." Seit September sind die Exporte aus dem Shenzhener Vorort um mehr als ein Drittel zurückgegangen. Einige Firmen, wie die von Huang Tong, klagen über Einbrüche von 70 Prozent und mehr.Kaum ein Ort in China dürfte die Auswirkungen der Finanzkrise so direkt zu spüren bekommen wie Dafen. Untypisch sind die Probleme des Städtchens aber nicht. Die Schwierigkeiten sind zwar stärker ausgeprägt, aber sie sind die gleichen, die der gesamten Exportindustrie im Land zusetzen, dem Kernstück des chinesischen Wirtschaftswunders. Das Problem ist, dass den Käufern auf den Absatzmärkten für chinesische Produkte das Geld ausgeht.Deshalb ging der Umfang der chinesischen Gesamtexporte im November zum ersten Mal seit Juni 2001 zurück. Um 2,2 Prozent schrumpften die Ausfuhren im vergangenen Monat, mehr als in irgendeinem Zeitraum seit 1990, dem Jahr nach der Niederschlagung der Proteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens.Die Novemberzahlen sind ein Schock für China. Bis dahin hatte sich nicht das Volumen der Exporte verringert, es hatte sich nur das Tempo des Wachstums verlangsamt. Für November rechneten die Behörden ursprünglich mit einem Wachstum der Ausfuhren von 13 Prozent. Schon diese Zahl bereitete ihnen Kopfzerbrechen. Nun aber gab es einen Rückgang, eine böse Überraschung, zumal nicht zu erwarten ist, dass sich die Lage so bald wieder verbessert.Denn ein nominelles Exportwachstum von rund 15 Prozent gilt chinesischen Experten als das Minimum, um ernste Schwierigkeiten in den Fabrikzonen in Guangdong und im Umland von Schanghai zu vermeiden. Gestern gab es eine neue Hiobsbotschaft: So musste der Autozulieferer Delphi die Arbeit in seiner chinesischen Niederlassung vorerst einstellen. Grund ist die sinkende Nachfrage nach Fahrzeugen von General Motors."Chinas Exportsektor wird erst dann Zeichen der Stabilisierung zeigen, wenn die Weltwirtschaft sich zu erholen beginnt", sagt Jing Ulrich, Vorsitzende von China Equities bei JP Morgan. Wann das passiert, steht in den Sternen.Für das Land steht in der Krise viel auf dem Spiel. Der chinesische Präsident Hu Jintao bezeichnete die Finanzkrise als einen "Test für die Regierungsfähigkeit der kommunistischen Partei." Offiziell geben sich die Behörden zwar verhalten optimistisch. Sie rechnen für 2009 mit einem Wirtschaftswachstum von etwa neun Prozent. Die Weltbank dagegen stufte ihre Wachstumserwartungen für China zuletzt von 9,2 auf 7,5 Prozent herab. Das klingt nach einer Menge, aber in China herrscht die Auffassung, das Land brauche ein Wachstum von mindestens sieben Prozent, um Stabilität zu wahren.Der Grund dafür ist, dass die chinesische Wirtschaft rasch wachsen muss, um Wanderarbeiter aus dem unterentwickelten chinesischen Hinterland aufnehmen zu können.In den vergangenen Monaten aber kehrte sich die Migrationsbewegung um. Tausende von Fabriken in den Exportzonen des Landes schlossen die Tore. Rund neun Millionen Wanderarbeiter würden dieses Jahr in ihre Heimatdörfer zurückkehren, schätzen Pekinger Behörden - rund sieben Prozent der 130 Millionen Wanderarbeiter im Land.Bislang ließ sich das Unterangebot von Arbeitsplätzen auf dem Land durch die Wanderbewegung in die Städte lösen. Doch die Rechnung geht jetzt nicht mehr auf. Traditionell fahren die Wanderarbeiter zum chinesischen Neujahr - einem Familienfest wie im Westen Weihnachten - nach Hause. Nach den Ferien geht es wieder zurück in die Fabrik. Diesmal dürften sich viele die Rückfahrt sparen. "Wir befürchten, dass die Arbeiter nach dem Fest nicht nach Kanton und Schanghai zurückkehren", hieß es vom Amt für Arbeit in der Provinz Jiangxi. "Wenn so viele plötzlich arbeitslos werden, dann gefährdet das die gesellschaftliche Stabilität."Auch vielen Malern aus Dafen bleibt nichts anderes übrig, als wieder nach Hause zu fahren. Yang Lihui aber will es weiter in dem Malerstädtchen probieren. Dabei hat sie ihren Job in der Manufaktur von Huang Tong schon verloren. Dafür versucht sie es jetzt seit einer Woche mit einem Stand am Straßenrand. Aber das Geschäft läuft schlecht. In den letzten sieben Tagen hat sie gerade einmal 30 Euro Umsatz gemacht. Vielleicht muss sie doch zurück in ihre Heimatprovinz Hubei, oder woanders von vorn anfangen. "Ich will eigentlich in Dafen bleiben," sagt Yang. "Aber kein Geschäft ist nun mal kein Geschäft."------------------------------Karte: China, Shenzhen------------------------------Foto: Bilder in Massenproduktion stellen die Maler in Dafen her: Das Geschäft läuft schlecht seit der Krise in den USA.