Mao ist ein Gott", glaubt Sun Sulan. Deshalb hat sie sich ein Medaillon mit seinem Bild als Glücksbringer an den Rückspiegel ihres Autos gehängt. "Mag schon sein, dass er anders ist als andere Götter", räumt sie ein, "aber wir Chinesen sehen das halt so".Sun ist keine Kommunistin und von der Welt hat sie mehr gesehen als die meisten ihrer Landsleute. Sie ist 40 Jahre alt, hat Informatik studiert und drei Jahre als Doktorandin in Deutschland gelebt. Heute arbeitet sie als stellvertretende Geschäftsführerin bei einem deutsch-chinesischen Automobilzulieferer. Ihr Mann ist zwar ein ranghoher Kader in der Provinzregierung, aber Sun selbst ist nie der Kommunistischen Partei beigetreten. "Mit diesen Kreisen will ich nichts zu tun haben", sagt sie. Auf den "Vorsitzenden Mao" lässt sie trotzdem nichts kommen. "An seinem 110. Geburtstag haben in seinem Heimatort mitten im Winter die Blumen geblüht", erzählt sie und schließt daraus messerscharf: "Das ist ein Wunder, und wer Wunder hervorrufen kann, ist ein Gott." Allerdings will sie sich im Straßenverkehr offensichtlich nicht auf einen Schutzengel allein verlassen: Auf der Rückseite ihres Mao-Medaillons ist ein Bild von Buddha. Wie die Lehren des kriegsbegeisterten Revolutionärs und des pazifistischen Mönchs zusammenpassen, ist eine Frage, die sich für Sun nicht stellt. Beide haben sich mit ihren Ideen durchgesetzt. Sun mag Gewinner.Mao lebt. Fast drei Jahrzehnte nach seinem Tod ist der Große Steuermann noch immer der Übervater des chinesischen Volkes. Milde lächelt er vom Pekinger Tor des Himmlischen Friedens, von Geldscheinen und aus Bilderrahmen in allen Amtsstuben und Klassenzimmern. Als Gipsfigur steht er vor Regierungsgebäuden, Hochschulen und Staatsbetrieben, mit wehendem Mantel und einer Geste, die den Weg in die Zukunft weist. Laut Verfassung bilden Maos Ideen das Fundament der Volksrepublik China. In allen großen Städten spielt bis heute ein Glockenturm zur vollen Stunde den Kulturrevolutionsschlager: "Der Osten ist rot, die Sonne erwacht, China hat Mao Zedong hervorgebracht. Er sucht das Glück des Volkes. Er ist der rettende Stern des Volkes. Er liebt das Volk."Doch es ist nicht allein staatliche Propaganda, die Mao am Leben hält. Viele Chinesen verehren ihn ganz von alleine, ohne dass sie dazu heute noch gedrängt oder gar gezwungen wären. Laut Umfragen gehört Mao noch immer zu den größten Vorbildern der chinesischen Jugend, zusammen mit Basketball-Star Yao Ming und Microsoft-Milliardär Bill Gates. Mao-Restaurants, in denen es die Leibspeisen des Vorsitzenden gibt, sind chinaweit ein erfolgreiches Geschäftsmodell. Meistens gehört zur Einrichtung neben Bildern und Kalligraphien auch ein kleiner Mao-Altar mit Räucherstäbchen und Opfergaben. Fernsehfilme über Maos Leben haben hohe Einschaltquoten, obwohl inzwischen dutzende Sender gleichzeitig Sport, Spaß und Seifenopern anbieten. Offizielle Mao-Bbiografien verkaufen sich gut, auch wenn chinesische Buchhandlungen längst eine große Bandbreite internationaler Literatur und Sachbücher anbieten. Wer wie Mao am 26. Dezember Geburtstag hat, gilt als Glückspilz. "Mao war ein starker Mann, der seine Ziele erreicht hat", sagt Qixin, geboren am 26. Dezember 1983. "Ich bin sicher, dass ich das auch schaffen werde."Wie viel von alledem der staatlichen Propaganda zuzuschreiben ist und wie viel echte persönliche Bewunderung ist, lässt sich schwer trennen. Wahrscheinlich löst sich das eine im anderen auf wie ein Zweikomponentenkleber, der das chinesische Nationalgefühl zusammenhält. Meinungsforschung oder Sozialstudien zum Thema Mao gibt es in China nicht - und wenn doch, dann werden sie unter Verschluss gehalten. Klar ist, dass Mao ohne die Partei-PR, die das Bild des "Vorsitzenden" seit Jahrzehnten formt und pflegt wie ein Markenprodukt, nie zur Ikone des Neuen China geworden wäre. Doch Propaganda kann nur verstärken und lenken, was ohnehin schon vorhanden ist - etwa einen Hang zu starken Führern und klaren Hierarchien, den Historiker der chinesischen Kultur häufig attestieren. Und so gutgläubig, dass sie den Staatsmedien bedingungslos glauben würden, sind die Chinesen schon lange nicht mehr. Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass Mao die Ideale der roten Revolution, die er losgetreten hat, in seinem eigenen Leben verraten hat. Viele Chinesen wissen, dass Mao ein Leben in Saus und Braus führte, während das Volk darbte. Doch Mao war unbesiegbar. Grund genug, Mao zu bewundern und ihn sich als Vorbild zu nehmen.Deswegen machen sich die Chinesen heute ihren eigenen Mao zurecht, mit verspielter Leichtigkeit oder historischem Pathos, mit volkstümlichem Aberglauben oder touristischer Neugier, jeder wie er mag. Der Große Vorsitzende ist zur Projektionsfläche für den chinesischen Traum geworden, den Traum von einem starken, wohlhabenden und bewunderten China mit erfolgreichen Chinesen. Bevor er am 1. Oktober 1949 die Volksrepublik ausrief, war das Land zersplittert, regiert von Kriegsfürsten, Kolonialherren und russischen Agenten. Als Mao am 9. September 1976 im Alter von 84 Jahren starb, war das Land zwar im Inneren zerrüttet, aber immerhin geeint und frei von fremder Bevormundung. Nach Maos Tod erkannten die Genossen schnell, dass sie den Großen Vorsitzenden als Galionsfigur weiterhin brauchten. Deshalb ignorierten sie Maos testamentarische Aufforderung, seine Leiche zu verbrennen; sie ließen sie einbalsamieren und in einem eigens gebauten Prunkbau auf dem Platz des Himmlischen Friedens ausstellen, als Lebensversicherung für die Regierung.Bis heute stehen täglich tausende chinesische Touristen vor dem Mausoleum an. Zum Nationalfeiertag am 1. Oktober müssen die Besucher mitunter stundenlang warten, um einen Blick auf den Glassarg zu werfen, in dem Maos sterbliche Überreste, in eine rote Fahne eingewickelt, aufgebahrt sind. Die meisten sind Rentner aus der Provinz, die im Alter die erste Reise ihres Lebens machen. "Wir haben schwere Zeiten erlebt, und deswegen ist es sehr bewegend, heute wirklich hier zu sein", sagt Rong Deshen. Er ist zwischen 68 und 70 Jahre alt - so genau weiß er das nicht - hat in seinem Leben abwechselnd als Bauer und Fabrikarbeiter gearbeitet und ist nun mit seiner Frau aus der über 1 000 Kilometer entfernten Provinz Anhui nach Peking gekommen, um die großen Symbole des chinesischen Nationalstolzes endlich mit eigenen Augen zu sehen: die Große Mauer, den Kaiserpalast, den Platz des Himmlischen Friedens - und natürlich den Vorsitzenden. Was denkt er über Mao? "Er war ein großer Mann, der Vorsitzende Mao." Und sonst? "Er war ein starker Mann."Während sie anstehen, läuft ein Verkäufer mit Megafon an der Schlange auf und ab. "Kauft Blumen für den Vorsitzenden Mao", ruft er und hält den Wartenden kleine Sträuße hin. Es sind Plastikblumen, die später eingesammelt und dann von neuem verkauft werden. 10 Yuan, umgerechnet einen Euro, kostet ein Bund. Auch Rong kauft einen Strauß und legt ihn in der Eingangshalle des Mausoleums vor einer großen Mao-Statue nieder. Dann wird das Ehepaar mit der schweigenden Masse an Maos Kristallsarg vorbeigespült und ist nach wenigen Sekunden am Ausgang, wo es von schreienden Händlern mit Mao-Souvenirs bestürmt wird. Rong ist von dem plötzlichen Wechsel zwischen Feierlichkeit und Karneval sichtlich überrumpelt. "Aber sehr bewegend", sagt er etwas unsicher, so als gebe er sich gerade Mühe, das seltsame Erlebnis mit diesem Satz in seinem Gedächtnis zu speichern, "sehr bewegend".Jung Chang, die in England lebende Autorin des China-Bestsellers "Wilde Schwäne", kann mit derartiger Mao-Verehrung schwer leben. Sie verbrachte ihre Jugend in der Kulturrevolution, jenem anarchischen Jahrzehnt vor Maos Tod, als in China alle Traditionen und Sitten zur Zerstörung freigegeben waren. Als Mitglied der "Roten Garden" durfte Chang einmal an einer Parade in Peking teilnehmen. Als sie im Getümmel den richtigen Augenblick verpasste, um Mao ins Gesicht zu schauen, dachte sie vor Kummer an Selbstmord. Doch dann zerbröckelte ihre Loyalität: Sie wurde Zeugin öffentlicher Folterungen; ihr Vater und ihre Großmutter fielen dem Revolutionsrausch zum Opfer. Bald wurde ihr klar, dass Mao für das Chaos persönlich verantwortlich war. Als sie 1978 als eine der ersten Chinesinnen in England studieren durfte, gab es für sie kein Zurück mehr. Stattdessen schrieb sie die traurige Geschichte ihrer Familie auf und lieferte der Welt eine der ersten Innenansichten von Maos China. "Wilde Schwäne" verkaufte sich weltweit über zehn Millionen Mal und dürfte im Westen mehr Leser gefunden haben als Maos Rotes Büchlein.Nun hat Chang, mittlerweile 53 Jahre alt, zusammen mit ihrem Mann, dem englischen Historiker und Russlandexperten Jon Halliday, eine Aufsehen erregende Mao-Biografie geschrieben: "Mao - Das Leben eines Mannes, das Schicksal eines Volkes." Zwölf Jahre recherchierte das Paar, führte hunderte Interviews mit Zeitzeugen in China und aller Welt und sichtete 250 000 Seiten bisher unzugänglichen Archivmaterials.Das Ergebnis ist ein historischer Indizienprozess, die Höchststrafe der Geschichtsschreibung für große Diktatoren. Minutiös belegen sie, dass der Mao, den die Chinesen verehren, und der historische Mao wenig miteinander zu tun haben. Mao Zedong "der jahrzehntelang absolute Macht ausübte über das Leben eines Viertels der Weltbevölkerung, war verantwortlich für 70 Millionen Tote in Friedenszeiten - kein anderer politischer Führer des 20. Jahrhunderts reicht hier an ihn heran", lautet der erste Satz des Buches. Auf den folgenden 800 Seiten werden die Anekdoten und Mythen, aus denen Maos Ruhm aufgebaut ist, als Lügen und Fiktionen entlarvt: Statt mit Charisma regierte Mao durch Terror und Intrige; seine Genossen hassten und fürchteten ihn; 27 Millionen Menschen starben zwischen der Gründung der Volksrepublik und Maos Tod in Gefängnissen und Straflagern. Auch die legendären Gefechte des Langen Marsches haben nie stattgefunden. Von Marxismus hatte Mao keinen Schimmer. Und vor allem: Von Liebe zum Volk kann keine Rede sein: Zwischen 1958 und 1961 exportierte er viele Millionen Tonnen Getreide, um davon Waffen zu kaufen, während gleichzeitig in China 38 Millionen Menschen verhungerten. Die Kommunistische Partei erklärt dies bis heute mit "Naturkatastrophen."Chang und Halliday machen keinen Hehl daraus, dass ihr Buch auch eine Anklageschrift gegen die heutige chinesische Führung ist, die sich nach wie vor auf Mao beruft und so tut, als ließe sich all das Belastungsmaterial durch mildernde Umstände aufwiegen. "Ich hoffe, unser Buch kann dazu beitragen, dass Maos Porträt vom Tiananmen verschwindet, dass es einen klaren Bruch mit seinem Regime gibt und dass Reformen beginnen", gibt Chang seit Erscheinen der englischen Ausgabe Anfang des Jahres in Interviews immer wieder zu Protokoll. "Die Demokratie kommt nicht von allein, nur weil es Kapitalismus gibt. Man muss etwas dafür tun." Zwar darf Chang nach und in China reisen, doch ihre Bücher stehen auf dem Index. Englische Rezensionsexemplare, die der Verlag an westliche Korrespondenten in Peking und Shanghai schickte, wurden von den Behörden abgefangen. Chang hofft trotzdem, dass, wie schon bei "Wilde Schwäne", chinesische Fassungen aus Taiwan und Hongkong in die Volksrepublik sickern.Doch auch ohne das Sündenregister von Chang und Halliday machen sich viele chinesische Intellektuelle längst keine Illusionen mehr. "Es ist nicht etwa so, dass wir Chinesen vergessen hätten, dass die Mao-Zeit eine schwere Zeit war", meint ein Geschichtsprofessor von der Peking Universität. Mit Freunden spreche er gerne und offen über Mao, sagt er, aber öffentlich könne er sich nicht äußern. "Jeder weiß, dass das Leben erst besser wurde, als Mao starb. Die Menschen sind nicht so einfältig, dass sie daraus nicht ihre Schlüsse ziehen würden." Vielen sei bekannt, dass Mao die Verdienste anderer für sich eingeheimst und seine Fehler auf andere abgewälzt habe. Aber hassen oder verachten will der Historiker Mao dennoch nicht. "Was zählt, ist das historische Resultat", meint er. "Am Ende von Maos Leben stand China besser da als bei seiner Geburt." Und immerhin habe auch die Partei mittlerweile eingestanden, dass der Vorsitzende Fehler gemacht habe. Mao sei zu 70 Prozent gut und zu 30 Prozent schlecht gewesen, so der offizielle Kassensturz seiner Verdienste. "Was genau alles schlecht war, darüber haben wir im Moment keine Möglichkeit zu diskutieren", erklärt der Professor die engen Grenzen der Debatte. "Vielleicht ist es ja auch besser, die Geschichte einfach Geschichte sein zu lassen und an die Zukunft zu denken."Es ist unmöglich, vorher zu sagen, was passieren würde, sollte die Partei eines Tages ihre schützende Hand über Maos Gedenken wegziehen. Würde eine wütende historische Aufarbeitungswelle durchs Land gehen, oder ist die Mao-Zeit schon zu weit weg, um noch die Gemüter zu erhitzen? Schon heute ist es kein Geheimnis mehr, dass Mao von dem Elend, das er über sein Land brachte, selber wenig spürte. Die Stätten seiner ausschweifenden Lebensweise sind inzwischen für jedermann zu besichtigen. 25 Villen ließ er sich im ganzen Land errichten und verbrachte dort einen Großteil seiner Zeit.Eines seiner Lieblingshäuser ist die Villa Meiling in Wuhan. Einen "göttlich mysteriösen Ort" verspricht die Werbetafel heute den Besuchern, und tatsächlich konnte Mao es sich hier im Verborgenen gut gehen lassen wie Gott in Frankreich. Von der Außenwelt trennten ihn ein großer Park und ein See. Mehrere von überdachten Gängen verbundene Häuser standen ihm zur Verfügung: Eine Hauptvilla mit mehreren Schlaf-, Arbeits- und Esszimmern sowie einem eigenen Kino; ein Hallenbad mit einem 30-Meter-Becken; ein Bungalow am See und ein Haus für seine Gefolgschaft. Innen ist alles eingerichtet, als sei der Vorsitzende gerade abgereist. Am Eingang steht noch immer das rote Treppchen, mit dem Mao aus seiner Limousine stieg. Auf seinen Plattenspielern - großen Fernseh-Stereo-Kombinationen von Grundig - liegen noch Schallplatten mit chinesischer Volksmusik. Auf Maos Bett liegen noch aufgeschlagene Bücher; neben den Sesseln stehen große Spucknäpfe und Aschenbecher; in den Speisesälen sind die Tische gedeckt."Hier hat der Vorsitzende 1961 seinen Geburtstag gefeiert," erzählt die Führerin, "Es gab deftige Speisen und lokale Spezialitäten." Dass im gleichen Jahr Millionen Menschen an einer Hungersnot starben, ist zwar jedem Chinesen präsent, doch in diesem Moment stört sie das nicht. Sie besichtigen die Villa wie ein Einrichtungshaus, bewundern die schönen Bäder und den raffinierten Schminktisch, mit dessen verstellbaren Spiegeln sich Maos Frau Jiang Qing von allen Seiten betrachten konnte, und machen anzügliche Witzchen über Maos breites Bett. Der Politiker Mao wird mit keinem Wort erwähnt. Mao ist hier nur Superstar und Vorbild. Viele der Besucher sind reiche Chinesen, denn der Park beherbergt heute ein teures Hotel und einen exklusiven Club.In der Meiling-Villa ersannt Mao auch einen der größten Coups seiner Karriere: Sein Bad im Jangtse, mit dem er 1966 im Alter von 73 Jahren seine Vitalität unter Beweis stellte und sich aus dem vorübergehenden politischen Abseits wieder ins Zentrum der Macht katapultierte. Bis heute findet an der Stelle ein jährliches Wettschwimmen statt. Wenige Schritte entfernt gibt es einen Laden für Mao-Souvenirs. Das Angebot erstreckt sich über zwei Stockwerke und reicht von billigem Kitsch bis zu teuren Antiquitäten. Es gibt Wecker, auf denen Mao winkt und Wanduhren, auf denen von seinem Porträt ein blinkender Heiligenschein ausgeht. Zahllose Filme zeichnen Maos Leben nach, wobei sich zwischen den DVDs auch ein paar Softpornos finden. "Das sind Filme über die Anatomie des Menschen", versucht die Verkäuferin sich herauszureden, "kein Schweinkram". In einer Vitrine stehen angebliche echte Mao-Pantoffeln und auf Regalen gibt es antiquarische Mao-Bibeln. Je nach Ausgabe kosten sie mehrere hundert Euro, und die Verkäuferin versichert, dass es dafür tatsächlich Kundschaft gibt. Ein Exemplar hat offensichtlich einem Studenten als Lehrbuch zum Deutschlernen gedient. Viele Worte sind unterstrichen und in chinesischer Übersetzung an den Rand geschrieben. Aus dem Satz "Im allgemeinen sind die Widersprüche im Volke solche, die auf dem Boden der grundlegenden Einheit der Interessen des Volkes entstehen", hat der Leser sich die Konstruktion "solche, die" raus geschrieben, und sich das Wort "Lippenbekenntnis" mit "auf der Hut sein vor etwas" erklärt.Auch neuere Bücher gibt es zuhauf, Biografien und Bildbände sowie eine Reihe Ratgeber für die Menschen von heute: "Managen lernen mit dem Vorsitzenden Mao" heißt ein Buch. Darin lernen angehende Führungskräfte Themen wie "Gedanken auf den richtigen Weg lenken", "Gemeinschaftsbildung" oder "Die Menschen für sich gewinnen". Das Kapitel "Mit Mao Zedong Massenführung lernen" beginnt mit einem Stalin-Zitat: "Manche Revolutionäre sind stark in der Theorie, aber schwach in der praktischen Umsetzung. Dabei sollte es andersrum sein." Den schönen Seiten des Lebens sind auch einige Ausgaben der Buchreihe gewidmet: "Gedichte verstehen mit dem Vorsitzenden Mao", "Kunst verstehen mit dem Vorsitzenden Mao" oder "Aufsätze schreiben mit dem Vorsitzenden Mao". Und da es alter chinesischer Tradition entspricht, die Handschriften großer Persönlichkeiten nachzuahmen, gibt es auch ein Buch "Kalligraphie lernen mit dem Vorsitzenden Mao", in dem man Maos als unleserlich verschriene Pinselführung auf Ausmal-Vorlagen nachzeichnen kann.Angeblich verkauft die Reihe sich gut, meint die Verkäuferin. Doch ist es eher Respekt oder Ironie, was die Kunden zum Kauf anregt? Im Alltag machen die Chinesen sich jedenfalls schon lange über Mao lustig. Seine Slogans, die einst im legendären "Kleinen Roten Büchlein" zusammengefasst und jahrzehntelang rituell auswendig gelernt wurden, werden in der Umgangssprache reihenweise verballhornt. So ist zum Beispiel Maos Aufforderung "Bekämpft die Lehnsherren" heute die gängige Bezeichnung für Strip-Poker in chinesischen Bordellen. Konkubinen zu haben war eines der vielen Privilegien der chinesischen Großgrundbesitzer. Chinas Neureiche haben an diese Tradition längst wieder angeknüpft.Auch Mao nutzte seine Macht, um scharenweise Jungfrauen in sein Bett zu befehligen. In China ist dies kein Geheimnis. Einem gängigen Mao-Witz zufolge steigt der Vorsitzende nachts aus seinem Mausoleum und trifft bei einem Spaziergang auf dem Platz des Himmlischen Friedens seinen Nachfolger Hu Jintao. "Was treibt das Volk, Genosse", fragt der Auferstandene. "Es bekämpft die Lehnsherren", antwortet Hu. "Das würde ich auch tun", antwortet Mao mit einem Lächeln.Jung Chang, Jon Halliday "Mao. Das Leben eines Mannes, das Schicksal eines Volkes." 2005, Karl Blessing Verlag, München.------------------------------Foto (2): Schönfärberei: Mit monumentalen Bildern wird Mao Zedong in China gefeiert.China während der Kulturrevolution: Frenetisch feiern Mitglieder der Roten Garden Mao Zedong und seine Lehren.