COLLE dI VAL D' ELSA. Es sind niedere Aktionen. Billig, geistlos, verletzend. Einmal traf man sich vor dem Eingang der prominentesten Baustelle Italiens zu einer Schweinswurstparty - "una salsicciata". Vierzig Leute kamen, Gegner der "Mega-Moschee", die da angeblich gebaut wird in Colle di Val d' Elsa, einer Provinzstadt zwischen Florenz und Siena mit mittelalterlichem Kern, unweit der Rebberge des Chianti Classico. Am Horizont sanfte Hügel, Zypressenalleen, Pinienhaine. Einmal fanden die Arbeiter am Morgen einen Schweinskopf auf der Baustelle - gedacht zur Profanierung des Geländes, als Entweihung dieses 3 200 Quadratmeter großen Stück Bodens im Arbeiterviertel La Badia, an der Peripherie von Colle, wo das viel diskutierte islamische Kulturzentrum samt Minarett und einer Kuppel in pistaziengrünem Milchglas entsteht. Die Grundmauern stehen schon."Die Palme für den Innenhof hole ich in Tunesien", sagt Mahrez Bouallegue, der tunesische Bauleiter, "dort sind sie billiger und schöner." Er fährt mit dem Zeigefinger über die Pläne, bemisst die Höhe des Minaretts, acht Meter. Er rechnet die überdachte Fläche nach, 600 Quadratmeter. "Von wegen Mega-Moschee: Schau sie dir doch an!""Sie gehören zu uns"Der Bau des kleinen Minaretts ist zum übergroßen, karikierten Symbol für Italiens mühseligen Umgang mit seiner muslimischen Gemeinde geworden (siehe Kasten). Es ist ein Glaubenskampf, wie er auch in anderen Ländern Europas ausgetragen wird und der sich seit dem 11. September immer und überall um die gleichen, politisch instrumentalisierten Fragen dreht: Gibt es einen gemäßigten Islam? Wie viel Rücksicht soll der christliche und demokratische Westen auf die Identitätsbekenntnisse der Muslime nehmen? Und ist Multikulti seit den Attentaten von New York, Madrid und London tot?Über das tolerante und wohlhabende Colle di Val d' Elsa kam die Polemik wie ein plötzliches Gewitter. Hier leben viele Zugezogene, lange schon. Sie arbeiten vornehmlich in den Fabriken der großen Kristallglasindustrie. Früher kamen sie aus der inneren Emigration, aus dem Süden Italiens also. Dann aus Albanien, seit Jahrzehnten auch aus Nordafrika. Die regionale Wirtschaft braucht diese Arbeitskräfte. Sie integrierten sich mühelos. "Sie gehören zu uns", sagt Paolo Brogioni, Colles linker Bürgermeister, Professor für Agrarwissenschaften.Von den 19 000 Colligiani sind etwa tausend Muslime. Ein Drittel von ihnen hat die italienische Staatsbürgerschaft. Zwei Drittel sind schon länger als zehn Jahre da. Nur ihre Gebetsstätte, ein einziger Raum an der Piazza Scala, im neuen Teil der Stadt, blieb immer gleich klein - 40 Quadratmeter ausgelegt mit roten Perserteppichen. Für die großen Feste musste die Gemeinde Säle mieten, manchmal sogar fürs Freitagsgebet.Die Stadtverwaltung hatte Verständnis für die Platzprobleme. Die ersten Projekte für den Zentrumsbau sind denn auch schon acht Jahre alt, ohne dass sich viel Kritik geregt hätte. Brogioni sagt: "Bei den letzten drei Wahlkämpfen war das islamische Kulturzentrum zwar immer ein Thema, aber die Wahl hat es nie entschieden." Die letzte Wahl, 2004, hat Brogioni mit 64 Prozent gewonnen - er, "der Freund der Muslime". So nennen ihn die Gegner. Brogioni hat Erstaunliches geleistet: Er hat mit dem Imam der muslimischen Gemeinschaft, dem Palästinenser Feras Jabareen, von Beruf Physiotherapeut, nur wenige Monate nach seiner Wahl ein für Italien einzigartiges, im Römer Innenministerium als zukunftsträchtig bewertetes Abkommen abgeschlossen.Brogioni und Jabareen, beide umgängliche und kommunikative Männer um die 40, einigten sich nämlich, dass dem Zentrum ein gemischtes wissenschaftliches Komitee vorstehen werde: Vier der Räte beruft die Stadtverwaltung, vier die muslimische Gemeinde. Und dieses Komitee soll dann gemeinsam das Programm des Kulturzentrums bestimmen, die Bilanzen prüfen, den interreligiösen und multikulturellen Dialog fördern.Brogioni sagt, mit diesem Protokoll habe er den Bürgern zeigen wollen, dass ein Miteinander möglich sei, dass man aufpasse, dass hier nicht unter dem Deckmantel einer religiösen Institution Geld gesammelt würde, vielleicht gar für den Dschihad, wer weiß, im Irak zum Beispiel. Volle Transparenz also, eine gläserne Moschee. "Der Imam selber war es, der diesen Pakt anstrebte", sagt der Bürgermeister. Jabareen hat auch schon mit Don Daniele, dem Pfarrer von Colle, gemeinsame Gebetsabende organisiert. Man wusste also immer um die delikate Situation. Man versuchte, sie nach Kräften zu entschärfen. Jedoch mit wenig Erfolg.Fallaci, die KatastropheDas plötzliche Gewitter zog aus New York auf. Oriana Fallaci, die inzwischen verstorbene toscanische Schriftstellerin und Journalistin mit Weltruhm, bis zuletzt in Amerika wohnhaft, diktierte in ihrem letzten, wie gewohnt angriffslustigen Interview in der Zeitschrift The New Yorker folgende Übertreibung und Provokation: "Ich will kein 24 Meter hohes Minarett in der Landschaft Giottos. Sollte ich noch am Leben sein, wenn es gebaut ist, werde ich zu meinen anarchistischen Freunden gehen, etwas Sprengstoff besorgen, und dann sprenge ich diese Moschee in die Luft."Von da an war Colle di Val d' Elsa ein Begriff, auch außerhalb Italiens. Die ruhige Provinzstadt wurde zum national-politischen Schlachtfeld, zur liebsten Bühne der übelsten Rechtspopulisten im Land. Mario Borghezio zum Beispiel, Europaabgeordneter von der Lega Nord und notorischer Fremdenhasser, Kultfigur der Skinheads, trat gleich mehrmals auf in Colle. Die rechtsextreme, außerparlamentarische Partei Forza Nuova, sonst vor allem in den Ultra-Kurven der italienischen Fußballstadien aktiv, organisierte Protestmärsche. Alles Leute von außen. Leute, die fähig sind, Schweinsköpfe auf Baustellen zu werfen.Auf der anderen Straßenseite, nur wenige Meter von der Baustelle entfernt, hat sich die lokale Opposition aufgebaut. Es ist eine Art Wachposten, mit einem Zelt und einer Blechhütte und Plakattafeln mit Protestslogans, die viele Ausrufezeichen enthalten. Im Komitee "Hände weg vom Park!" engagieren sich die Anwohner, die Nachbarn der entstehenden Moschee. Sie werfen dem Bürgermeister vor, er opfere die einzige Grünfläche des Quartiers, den Parco San Lazzaro. Auf diesem Boden bauen sie das Zentrum.In der Blechhütte sitzt eine beleibte Frau mittleren Alters im Trainingsanzug. Sie sitzt wohl schon lange so da - und sammelt Unterschriften gegen den Bau der Moschee. 4 000 sind es schon. Sie sagt: "Mit Journalisten rede ich nicht mehr, ihr stellt uns doch nur als wüste Rassisten dar, als Faschisten." Dann redet sie lange. Klagt über die Zubetonierung des Parks, über Sitzbänke, die verschwunden seien, darüber, dass die Gemeindeverwaltung die Bürger nicht konsultiert habe vor dem Entscheid. "Die Zeugen Jehovas haben sie ins Industriegebiet verbannt, die Muslime aber erhalten den schönsten Boden im Zentrum der Stadt."Der Ort war immer rotObjektiv besehen ist es kein wirklich schönes Stück Land. Und zentral gelegen ist es natürlich auch nicht. Doch das Komitee hat Zulauf. Da vermischt sich viel: Ärger über die Obrigkeit und aufgeputschte Angst. Der Bürgermeister unterschätzt den Unmut nicht. Paolo Brogioni sagt: "Ich weiß nicht, ob ich heute gewählt würde, ob unsere Partei noch eine Mehrheit hätte." Seine Partei, das sind die Linksdemokraten, die Erben der kommunistischen Partei Italien, des PCI. Colle di Val d' Elsa war immer rot. Eine Abwahl der Postkommunisten 2009 wäre eine Sensation, ein Fanal. Brogioni hofft auf ein schnelles Bauende. "Wenn das Zentrum erst einmal steht, und wir den Leuten zeigen können, wie gut das funktioniert, wie problemlos das Miteinander geht, steigen auch unsere Wahlchancen wieder. Unsere Bürger mögen es nicht, ständig in den Schlagzeilen zu sein, zumal es ja negative sind."Er hat wenig Zeit. Zwei Jahre nur. Für eine Wetterberuhigung nach dem plötzlichen Gewitter.------------------------------628 GebetsgaragenDer muslimische Anteil an der Bevölkerung Italiens wird auf etwa 2,5 Prozent geschätzt - 1,2 Millionen Menschen. Der Islam ist damit die zweitstärkste Religion in Italien, praktiziert vornehmlich von Zuwanderern aus Nordafrika, Albanien und dem Nahen Osten.Richtige Moscheen gibt es im ganzen Land bisher nur drei: eine im norditalienischen Segrate, Europas größte in Rom (erbaut 1995) und eine im sizilianischen Catania. Alle anderen Gebetsstätten - nach Angaben der muslimischen Vereinigungen sind es insgesamt 628 - entstanden spontan, ohne staatliche Kontrolle in gemieteten Garagen, Wohnungen oder Kellern.In Colle di Val d' Elsa stellte die Stadtverwaltung der muslimischen Gemeinde ein öffentliches Grundstück für den Bau ihres Kulturzentrums zur Verfügung und erhebt jährlich einen Mietpreis von 11 000 Euro. Finanziert wird das Zentrum zu zwei Dritteln aus der Kollekte unter den muslimischen Gläubigen aus der Region und mit einem Zuschuss von 300 000 Euro aus der Stiftungskasse der toscanischen Bank Monte dei Paschi di Siena.------------------------------Karte: Italien------------------------------Foto: Transparent und dezent, so planen die Erbauer das Islamische Zentrum in Colle di Val d'Elsa. Das Minarett soll acht Meter hoch werden.