Nachher wird es regnen. Noch stauen sich die Wolken an den Bergen südlich der Stadt, doch spätestens um fünf Uhr läßt ein heftiger Schauer San José im Regen verschwinden. Dicke Tropfen prasseln auf die Dächer und Wände, waschen den grauen Film aus Staub und Abgasen von den Gebäuden, vermengen sich mit den Wassermassen auf Straßen und Gehwegen, um schließlich in den dunklen Schlünden der Kanalisation zu verschwinden.Wer zu langsam ist, den bestraft der Regen. Nach fünf Minuten geht nichts mehr in der City. Auf den gitterförmig angelegten Straßen der mittelamerikanischen Hauptstadt bricht der Verkehr zusammen ­ wer bis jetzt noch kein Taxi erwischt hat, kriegt auch keines mehr, muß zu Fuß gehen und wird klitschnaß. Winter in Costa Rica.Handys und Calvin Klein Die Josefinos, die mit mürrischen Gesichtern an Haltestellen, in Ladenpassagen oder Kneipen auf das Ende des Gusses warten, würden in keiner unterkühlten Metropole Europas auffallen. Handys sind allgegenwärtig, und Calvin Klein prangt auf jeder zweiten Brust. Und das Interesse der Touristen, die nach Costa Rica kommen, gilt auch weniger der knapp 300 000 Köpfe zählende Hauptstadt. Lateinamerika-Kenner behaupten sogar, es gäbe kaum eine häßlichere Kapitale. Außer dem hundert Jahre alten Nationaltheater und einigen Museen gibt das Zentrum nicht viel Sehenswertes her. An allen Ecken und Enden rostet das Wellblech und bröckelt der Beton von den Wänden. Von dem morbiden Charme eines Prenzlauer Berges ist nichts zu spüren. Chaotischer Verkehr und Uraltmobile, die schwarze Abgaswolken ausstoßen, geben den Rest: Raus aus der Stadt!Mühsam bahnen sich die Busse den Weg vorbei an den fliegenden Händlern zum zentralen Busbahnhof, der mitten im Rotlichtviertel von San José liegt. Bereits vor der Abfahrt beginnt ein Glücksspiel. Wer gewinnt, bekommt einen modernen Bus mit Stern auf der Haube, bei Pech steigt man in ein klappriges Gefährt aus den Siebzigern. Als Europäer zwängt man sich mühsam in seinen engen Sitz, während der Mittelgang sich mit weiteren Gästen füllt, die der Fahrer zusteigen läßt. Ein junger Mann schiebt sich mit Chipstüten an den Stehenden vorbei und hofft auf hungrige Reisende, ein paar Kilometer später versucht ein anderer mit gekühlten Getränken sein Glück.Das ganze Leben in Costa Rica ähnelt einer Busfahrt. Es geht voran, mühsam zwar, und allein die Improvisationsgabe einzelner verhindert, daß alles zum Stillstand kommt. Obwohl das Land wirtschaftlich stärkste Nation Mittelamerikas ist, erwartet hier niemand etwas vom Staat. Bewegung kommt von unten: Ihre Jobs schaffen sich die Ticos, wie sich die Costaricaner nennen, selber. Sie warten als Straßenhändler auf Kundschaft oder bedienen zu zehnt ein paar Zapfsäulen an der Tankstelle. In einem winzigen Friseursalon in San José ist nur ein Stuhl vorhanden, dennoch arbeiten dort zwei Frauen ­ die eine schneidet, die andere kassiert.Alle Wege führen ins Grüne. Sobald der Bus die Hauptstraßen verläßt, mehren sich die Schlaglöcher. Richtung Fortuna im Norden des Landes wechseln sich Regenwälder mit saftigen Wiesen einer schweizerisch anmutenden Hügellandschaft an einem Stausee ab. Ein Eidgenosse hat sich am Straßenrand seine Heimat mit Restaurant, Hotel, Kuhställen und einer kleinen Kirche nachgebaut. Nur die Schneegipfel fehlen, dafür gibt es ein paar Palmen zuviel. Am Rande der Stadt Fortuna erhebt sich der Vulkan Arenal. Täglich spuckt er Lava, Rauch und Gesteinsbrocken aus seinem Krater, den er jedoch meistens geheimnisvoll hinter einer Dampfwolke verbirgt. Nur noch ein dumpfes Grollen zeugt dann von einer Eruption. Nachts bieten die herabfließenden Lavaströme ein beeindruckendes Naturschauspiel.Die meisten Urlauber zieht es jedoch an die Strände. Am besten erschlossen ist die Pazifikküste, die man in zwei Stunden von der Hauptstadt erreicht. Vom Massentourismus ist man aber noch weit entfernt. Stolz verweisen die Hoteliers der betulichen Küstenorte auf die Natur. Andere halten diesen Öko-Tourismus für eine euphemistische Beschreibung der Tatsache, daß es sonst nichts zu sehen gibt. Mittlerweile haben auch die Tourismus-Manager gemerkt, daß mit Vier-Sterne-Urlaubern mehr zu verdienen ist als mit Rucksacktouristen und sind dabei, sich neu auszurichten. Überall entstehen neue Ferienanlagen, und in den nächsten Jahren sollen mehr als zehn neue Top-Golfplätze die zahlungskräftigen Klientel locken.Auf derartigen Luxus müssen und können die Bewohner im Südosten des Landes verzichten. Oft gibt es in den Orten gerade mal ein öffentliches Telefon, an dem sich Touristen und Einwohner ohne eigenen Anschluß ­ und das sind fast alle ­ scharen. Träge Lässigkeit beherrscht das Leben an der südlichen Karibikküste, die ein Erdbeben 1991 verwüstete. Seitdem wurde nur die nötigste Infrastruktur wieder aufgebaut. Die hellhäutigen Ticos der Hauptstadt kommen ohnehin selten hierher. Nicht nur ein paar hundert Kilometer trennen San José von seinen farbigen Landsleuten, sondern auch die Mentalität. Hier leben die Nachfahren der Sklaven, karibischer Einwanderer und der indianischen Ureinwohner. Vielleicht ist es diese Mischung, die das Leben an der Küste ruhiger macht. Vielleicht ist es das feuchtheiße Klima, das jede Motivation zu körperlichen Arbeit erstickt. Wer es sich leisten kann, zieht sich tagsüber in den schützenden Schatten seines Hauses oder einer Bar zurück und wartet auf den Abend, wenn die nordamerikanischen und europäischen Touristen von den Bilderbuchstränden zurückkehren und sich in den Clubs auf die Suche nach Bob-Marley-Feeling begeben.Aufregung schadet Die Gegensätze machen das Land interessant. Und nur auf der faulen Haut zu liegen macht den Reisenden nicht glücklich. Weil es Kinos, Theater oder Museen nun einmal nur in San José gibt, setzt man sich wieder in den Bus, der einen vom Paradies in die laute und stressige Hauptstadt zurückbringt. Sie gilt wie das ganze Land trotz der Entführung einer Deutschen und einer Schweizerin voriges Jahr als friedlich, wenn auch nicht völlig frei von Drogen und Kriminalität. So wie in europäischen Metropolen auch sollte man sich nachts um drei eben nicht mit Kamera und Schmuck zeigen und einige Viertel besser meiden.Kurz vor der Stadt hält der Bus, der Fahrer ist ausgestiegen, um sich einen Snack zu kaufen. Die Ticos nehmen solche Dinge mit Gelassenheit. Nur Ausländer würden auf die Idee kommen, die Einhaltung des Fahrplanes einzuklagen. Der Fahrer ist König, und falls jemand meckert, fährt er etwas langsamer. Pech für den, der es eilig hat.Im Geschwindigkeitsrausch wird man in Costa Rica nicht enden. Außer, man hat keinen Regenschirm dabei, um kurz vor fünf.