Anna hat Schmerzen. Der Arzt in Arizona findet nichts. "Vor zwei Tagen", lügt Anna auf die Frage nach dem letzten Geschlechtsverkehr. Es ist länger her, und vor zwei Tagen war etwas anderes: Da hat Anna, auf der Hochzeitsreise, herausgefunden, dass Johann, früher Junkie, jetzt tablettensüchtig ist. Ein "neues Leben" glaubte Anna mit ihm angefangen zu haben. Nun fotografiert er Gräber.Mit "Honeymoon" beginnt Dea Lohers erster Erzählband "Hundskopf". Seit "Olgas Raum" (1992) hat die 1964 geborene Autorin ungefähr jedes Jahr ein Theaterstück geschrieben. Die meisten, wie "Tätowierung" und "Klaras Verhältnisse", werden oft gespielt. Das Dialogtraining nützt auch der Prosa, obwohl dort nicht allzu viel geredet wird: Die Geschichten sind technisch perfekt, bühnenwirksam ohne Bühne. So ökonomisch: Symbole, Leitmotive, Mehrdeutigkeiten bündeln Lebensgeschichten in wenige Worte. Manchmal ist alles grausam klar, manchmal bleibt die entscheidende Frage ohne Antwort.Literatur über Literatur interessiert Dea Loher nicht. Wer Schriftsteller werden wolle, empfahl sie in einem Gespräch, solle nicht Germanistik studieren, sondern seinen Horizont erweitern, zum Beispiel mit Biologie, Medizin, Jura oder Schmetterlingskunde. Sie erzählt von dem, was auch da wäre, wenn niemand darüber schriebe. Es geht hart auf hart. Sieben der acht Geschichten handeln davon, dass jemand ein Kind bekommt oder nicht bekommt oder verloren hat, drei drehen sich um Drogen. Richard verübt in der Titelgeschichte beinahe einen Auftragsmord, nur weil ihm jemand "etwas Besonderes zutraute, auch wenn es ein Missverständnis war".Das erste Programm, das der frühere Suhrkamp-Lektor Thorsten Ahrend im Wallstein Verlag verantwortet, versammelt Autoren, die schon vorher bewiesen haben, dass sie schreiben können. Auch Dea Loher ist kein Fräuleinwunder. Das Spielen mit bloß scheinbar neuen Geschlechterrollen haben die versehrten Versehrer in "Hundskopf" hinter sich. Sie kämpfen mit dem, was sie als unveränderlich oder als katastrophale Veränderung empfinden. Immer wieder Gewalt- und Verletzungsbilder, die aus Lohers Kindheit als Försters- und Jägerstochter in Traunstein kommen könnten: geschlachtete Hasen, ein ausgekochter Hundskopf , Schusswaffen, Äxte, verbrannte Haut.Die rührendste Geschichte heißt "Agnes". Das ist die Tante der Icherzählerin, vor langer Zeit verrückt geworden, vielleicht weil ihr Kind nur kurz gelebt hat. Die Junge muss, irgendwo auf dem bayerischen Land, mit der Alten aufs Volksfest. Aus dem Karussell heraus, unter sich "die Lichter der Stadt, die bunten Glühlampen der Buden", kann Agnes plötzlich schweben, "auf Luftkissen, die nur ihr gehörten".------------------------------Dea Loher:Hundskopf. Wallstein, Göttingen 2005. 114 S., 16 Euro.