JERUSALEM, im Juli. Die Sonne brennt, und die Warteschlange vor dem Militärcheckpoint nach Ost-Jerusalem ist lang. Zu lang für die Geduld von Samih Abu Leil. Er ist ein feiner, älterer Herr im grauen Anzug und eigentlich die Gelassenheit in Person. Aber hier auf dem heißen Asphalt weiter auszuharren, hält selbst er nicht aus. In einer Stunde will er schließlich bei einem Kirchentreffen arabischer Christen sein. "Komm", sagt er und lächelt, "ich weiß, wie es schneller geht."Mit seinem Stock trippelt er voraus, einen Wiesenpfad zwischen den Häuserblocks hinunter, einen staubigen Weg an den Hinterhöfen entlang und am Ende eine steile Treppe wieder herauf. "Voilà, wir sind auf der anderen Seite", sagt Abu Leil. "Man muss sich nur behelfen können."Aber die Tage sind gezählt, an denen er wie viele andere Palästinenser den israelischen Soldaten ausweichen kann. Mitten auf der Hauptverkehrsstraße vom Norden Jerusalems in Richtung Ramallah liegen bereits kilometerlang aufgereiht sechs Meter hohe Zementpfeiler. Der Graben, in den sie versenkt werden sollen, ist schon ausgehoben. Bald wird die Mauer, die Israel vor palästinensischen Terroristen schützen soll, auch hier entlang führen.Die Anlieger rechter Hand der Straße werden sich künftig auf der Westbank-Seite des Walls wieder finden, ihre Nachbarn von gegenüber bleiben im Jerusalemer Stadtgebiet. Abu Leils Schleichweg wird dann nicht mehr funktionieren. Dabei hätte er jedes Recht, hüben wie drüben zu sein. Er besitzt die Jerusalemer Residenzerlaubnis der Israelis und wohnt in Ar-Ram - einer Trabantenstadt auf der anderen Seite des künftigen Sperrzauns, in die viele Ost-Jerusalemer in den vergangenen Jahrzehnten ausgewichen sind, die in Jerusalem keine Wohnung fanden.Blaue KarteVon den 65 000 Einwohnern Ar-Rams haben nach Schätzung des Bürgermeisters Sarhan Salaymeh an die achtzig Prozent die blaue Ausweiskarte, die zu einem Leben in Jerusalem berechtigt. "Aber die Probleme, die wir mit der Mauer haben, sind viel schlimmer", sagt er. "Alle Beziehungen zwischen Umland und städtischem Zentrum gehen kaputt." Wer auf der anderen Seite der Sperranlage arbeitet, seine Familie besuchen will oder einen Arzt, muss künftig erst einmal ein paar Kilometer nach Norden fahren, dort einen Checkpoint passieren, um auf der anderen Seite wieder zurückzufahren.Gleiches gilt für 15 000 Kinder aus Ar-Ram, die in Jerusalem zur Schule gehen. Die israelischen Behörden versichern zwar, der neue Übergang sei modern und garantiere eine schnelle Abfertigung. Aber daran glaubt kaum einer der Leute in Ar-Ram. "Das wird ein Albtraum", sagt Bürgermeister Salayhme. Zehntausende müssten täglich ein Nadelöhr passieren. Er weiß nicht, wie das funktionieren soll. Was bislang mit einem kurzem Fußweg erreichbar war, wird bald eine kleine Reise sein.Dass Danny Tirza, der israelische Koordinator in Sachen Anti-Terror-Zaun, nun verspricht, die Mauerabschnitte bunt anmalen zu lassen, vermag die schlechte Stimmung in Ar-Ram nicht zu mildern. Eine bunte Mauer ist nicht besser als eine graue. Es geht darum, dass Läden und Werkstätten vor dem Ruin stehen, weil Kunden nicht mehr kommen, weil Ware nicht mehr geliefert werden kann. Dabei hatte sich Ar-Ram dank seiner günstigen Lage am Stadtrand von Jerusalem gerade in den letzten Jahren zu einem florierenden Handelszentrum entwickelt; dem einzigen, in dem Israelis und Palästinenser noch miteinander ins Geschäft kamen."Existenzielle Bedrohungen erfordern eine existenzielle Antwort", hat der arabische Knesset-Abgeordnete Azmi Bischara für sich entschieden und vor sechs Tagen einen Hungerstreik aus Protest gegen den Zaun- und Mauerbau im Westjordanland begonnen. Mehr als zwölf prominente Palästinenser, darunter Mitglieder des Autonomie-Parlaments, aber auch ein führender islamischer Scheich sowie ein hoher Vertreter der griechisch-orthodoxen Kirche, haben sich ihm angeschlossen. Auch Michael Warschewski, ein stadtbekannter jüdisch-israelischer Linker, macht bei dem Protest mit. "Kein Volk verdient es, eingesperrt zu werden. Diese Mauer ist das Todesurteil für das Zusammenleben zwischen Israelis und Arabern", sagt Warschewski.Jetzt hungern sie gemeinsam, Palästinenser und Israelis, in der Gluthitze unter einem Zeltdach am Ar-Ram-Checkpoint. Dort, wo man demnächst auf eine Mauer blicken wird, die ein dicht bevölkertes Wohngebiet durchschneidet, um die jüdische Siedlung Pisgat Zeev und den Flughafen Atarot im Norden auf die Jerusalemer Seite zu bringen.Zeit der BaggerDurchhalten, solange die Kräfte reichen, haben sich die Streikenden vorgenommen. Oder zumindest bis zum heutigen Freitag, wenn der Internationale Gerichtshof in Den Haag sein Urteil fällt, ob Israels fast siebenhundert Kilometer lange Hochsicherheitsanlage gegen das Völkerrecht verstößt. "Die Richter werden gar nicht anders können, als genau dies zu konstatieren", sagt der Knesset-Abgeordnete Azmi Bischara. "Es liegt an uns, ihre Entscheidung für eine weltweite Kampagne zu nutzen." Die israelische Regierung lässt sich derweil nicht beirren. Die Bagger arbeiten weiter.------------------------------Foto: Mauerbau in den Außenbezirken von Jerusalem. Die Anlage soll Sicherheit vor palästinensischen Terroristen bieten, argumentiert Israels Regierung.