Immer gleich diese Schreierei, hier würden nur alte Kommunisten leben, SED-Getreue, Staatsnahe. Die ganze Fischerinsel rot, eine Hochburg der PDS, ein Eiland der Ewiggestrigen. "Sicher", sagt Joachim Eichstädt, 71, "viele Rentner sind radikal", aber müsse man immer gleich alles dem Kommunismus zuschieben? Schon Thomas Müntzer habe gesagt, die Gutsbesitzer solle man zum Teufel jagen, und der war auch kein Kommunist. Und er, Eichstädt, habe 1945 genauso gedacht, als die Bodenreform vor der Tür stand, "und mit den Junkern auf dem Lande auch gleich die Ausbeuter in der Industrie verschwinden sollten". Die SED erschien ihm richtig", sagt Eichstädt. Für Sozialismus sei er noch immer, aber wenn er heute in der PDS ist, dann darum, weil das Land eine starke Opposition brauche, weil die Demokratie immer mehr über Bord gehe. Wie lange hat er hin und her schreiben müssen zur Bundesversicherungsanstalt für Angestellte, bis seine Rente endlich stimmte? Nun ist sie da, und er lebt gut damit, aber er ist verunsichert: Nie könne man sich auf das verlassen, was in der Zeitung stehe. Heute so rum, morgen andersrum. Vielleicht haben deswegen viele in seinem Kiez Zahlen sprechen lassen: 53,8 Prozent der Stimmen bekam die PDS im Wahlkreis "Mitte 2" rund um die Leipziger Straße bei der Europawahl das höchste Ergebnis für die Partei in ganz Berlin. Ursachenforschung muss Joachim Eichstädt nicht betreiben, er weiß, was die Leute reden. Der Rentner ist Sprecher der "Stadtteilvertretung Spreeinsel", einer Art Kontrollorgan. Da sei zum Beispiel das Planwerk Innenstadt, die Umbaupläne des Stadtentwicklungssenators Strieder (SPD) für die Fischerinsel, sagt Eichstädt. Die Spittelkolonnaden sollen weg, Stadtvillen sollen dort gebaut werden, wo jetzt noch ein kleiner Park ist, neue Straßen sollen entstehen. "Keiner fragt mal die Alten, wir werden einfach untergepflügt." Die Empörung habe nichts mit PDS-Sympathie zu tun, das sei schlichtes Bürgerinteresse, schwört Eichstädt, schließlich sei man sich auch einig mit dem Bezirksbürgermeister "und der ist in der CDU". Was wiederum nichts heiße, denn auch der Regierende Bürgermeister sei in dieser Partei, würde aber generell gegen alles sein, "was hier ist". Ein bisschen Grün weniger auf der Fischerinsel, das störe eben niemanden in Zehlendorf, meint Eichstädt. Ihm geht es um den Kiez. Und da kann er nur meckern: So viele Gaststätten dicht und nicht eine Bank zum Hinsetzen an der Nordseite der Leipziger Straße. Und die Hausgemeinschaft! Vor ein paar Jahren noch haben sie ihren Hausflur selbst gewienert und sind sich dabei nahe gekommen. "Heute dürfen wir das nicht mehr, das machen jetzt Leute von außen, die eh nur den Dreck breitschmieren", sagt Eichstädt. Die Gemeinschaft sei futsch, natürlich auch, weil Fremde eingezogen seien, Inder, Bengalen. "Aber die verhalten sich sehr vernünftig". PDS-Hochburg Fischerinsel? Davon wisse er, sagt Swen Huschka, 37, "aber mit diesen Leuten hatte ich nie was zu tun". Seit 27 Jahren wohnt er in der Hausnummer 9 um ihn herum, wenn auch nicht auf seiner Etage ehemalige Grenzof-fiziere und der letzte Justizminister der DDR, Kurt Wünsche. "Diese Leute sind heute genauso Kommunisten wie früher." In der DDR seien ihm schon immer "die Vopos in die Quere gekommen", und da er ganz in Mauernähe arbeitete, kam ihm schon der Gedanke, in den Westen abzuhauen. Jetzt wartet Huschka, Maschinist in einem Charlottenburger Abwasserwerk, auf einen Lottogewinn. Dann würde er nach Kanada auswandern. Denn Huschka kann mit Politik nichts anfangen. Nichts mit einem Planwerk, nichts mit Wahlen und nichts mit diesen Leuten im Kiez, den Roten, wie er sagt. Eine Meinung hat er trotzdem: "Honecker soll ja die Realität nicht gesehen haben, aber das tun die Neuen doch auch nicht." Warum, fragt er, musste am Alex eine Straßenbahn gebaut werden, da gab es doch schon S- und U-Bahn? Er stehe schon genug im Stau. Dann schimpft er noch auf die Ausländer, vornehmlich auf Russen und Türken. Aber die hierher kommen, weil bei ihnen Krieg ist, die hätten sein Mitgefühl. Und wenn er nun jemanden kennen lernen würde in seinem Haus, den er nett findet und der in der PDS ist? "Den würde ich überzeugen, dass er austritt", sagt Huschka, "da bin ich Kumpel". Thilo Urchs, 36, ist seit Juli der erste Mann für die PDS in Mitte. Seine Familie und er wohnen auf der Fischerinsel. Die Vorbehalte im Westen, wer dort lebe, könne nur Sozialhilfeempfänger sein, kennt er. Und auch die von wegen PDS-Hochburg. Aber nicht alle alten Leute seien verbohrt hier, sagt er. Viele PDSler hätten sich schon gewandelt, da müsse er nur an seinen Vater denken. Offizier war der früher und vor zehn Jahren hätte er sich bei einer Parteissitzung nie zwischen einen Punker und einen Transsexuellen gesetzt. Jetzt schon. Das Planwerk Innenstadt ist auch für Urchs "gelinde gesagt eine Riesenfrechheit". Wenn er an die Alten denkt, die den kleinen Park gleich an der Spree behalten wollen, "dann habe ich konkrete Gesichter vor meinen Augen". Er will Politik für den Einzelnen machen. Seine Partei stellt einen Rechtsanwalt für Mietprobleme, einen anderen für Rentenfragen. Und Urchs versucht zu verstehen, dass die Rentner Lärm barmen und sich vor dem geplanten "Kreativzentrum" fürchten, das in einer alten Kita entstehen soll. Disco und Beschäftigung für Jugendliche. Urchs selbst ist froh, dass er seine Kinder dort hinschicken kann. Auch wenn seine Partei die Wahlstimmen in den Altbauten in Mitte an die Grünen verlor ("Da wohnen keine Ostdeutschen"), Urchs ist sicher, dass seine Partei auf dem richtigen Weg ist. Zum einen machten sie nicht nur Politik für Ex-DDRler, zum anderen würde in zehn bis 15 Jahren auch ein Zugezogener andere Präferenzen setzen. "Warum sollten die Leute nicht irgendwann alle gleich denken?" Abgesehen davon, der Berliner hätte nun mal diese "Kiezmentalität", da sei man sich nicht immer so nahe, wie alle denken. Auch Ostberliner Jugendliche aus Mitte kümmerten sich nicht unbedingt um Treptow oder Pankow. "Allerdings auch nicht um Schöneberg", sagt Urchs. Irgendwie sei das mit der PDS in Mitte wie mit der CSU in Bayern. Man fühle sich vor Ort vertreten durch die Partei. Und deshalb all die Wählerstimmen."Diese Leute sind heute genauso Kommunisten wie früher. " S. Huschka, Maschinist -- BERLINER ZEITUNG/MIKE FRÖHLING Blick aus der Platte: Sven Huschka wohnt seit 27 Jahren auf der Fischerinsel.