KOPENHAGEN, 3. März. Die Botschaft war klar und deutlich formuliert. "Für all jene Sportverbände oder Nationalen Olympischen Komitees, die den Anti-Doping-Code nicht unterzeichnen, ist kein Platz bei Olympischen Spielen", hat Jacques Rogge am Montag zu Beginn der zweiten Anti-Doping-Weltkonferenz in Kopenhagen gesagt. "Und kein Land, dessen Regierung sich dem Code verwehrt, wird künftig Olympische Spiele ausrichten dürfen." Wenn die 24 Artikel des neuen Codes nicht weltweit umgesetzt werden, hätte die Anti-Doping-Welt-Agentur (Wada) keine Existenzgrundlage mehr, sagte der IOC-Präsident. Große Worte, die wichtige Fragen aufwerfen: Müssen sich Fußballer und Radsportler, wenn sie die Zweijahresstrafe für schwere Dopingvergehen ablehnen, aus dem olympischen Programm verabschieden? Was geschieht mit Ländern und Olympiaverbänden, die beständig zu Ausnahmen und Sonderregelungen neigen - was also passiert mit dem reichsten und erfolgreichsten NOK der Welt, dem der USA?Geheime Medaillenplanungen"Leider habe ich schon oft diese Art von Drohungen gehört, die letztlich nicht erfüllt wurden", sagt Klaus Müller, Leiter des Dopingkontroll-Labors im sächsischen Kreischa. Müller erinnert an das Säbelrasseln, das dem ameri- kanischen Leichtathletikverband (USATF) galt, als es darum ging, die Namen von 13 Dopingsündern (darunter ein Medaillengewinner der Sommerspiele 2000 in Sydney) zu veröffentlichen und die Sportler zu bestrafen. Der USATF blieb konsequent, die Namen wurden verheimlicht; der Internationale Sportgerichtshof Cas gab den Amerikanern im Januar 2003 sogar Recht; und weder das IOC noch der Leichtathletik-Weltverband IAAF bestraften den US-Verband. "Das darf nicht so bleiben", fordert Müller, "das ist eine Benachteiligung aller sauberen Athleten und aller Verbände, die sich strikt an die Regeln halten. Wer große sportliche Leistungen bringt, der muss auch den Nachweis erbringen, dass er das sauber schafft." Müller hofft inständigst, dass Rogge seinen drohenden Worten auch mal Taten folgen lässt: "Das klingt jetzt ein bisschen wie beten, aber bei den Chinesen hat der Druck über Jahre schließlich auch geholfen. Die dachten lange Zeit, die können tun, was sie wollen, inzwischen haben sie kapiert, dass es anders läuft." Ein Vergleich der Chinesen mit den Amerikanern ist angebracht. Kürzlich wurden in US-Zeitungen geheime Medaillenplanungen des USOC veröffentlicht: 201 Plaketten sollen es bei den Sommerspielen 2004 in Athen sein (97 waren es in Sydney). 56 Medaillen will man bei den Winterspielen 2006 in Turin gewinnen (34 waren es 2002 in Salt Lake City). Solche Hochrechnungen müssen alarmieren, denn es sind gerade die Amerikaner, die bei der Durchsetzung des Anti-Doping-Codes größte Schwierigkeiten machen, was sich nicht nur auf die Haltung der milliardenschweren Profiligen bezieht. Weder das USOC noch die seit Dezember 2001 werkelnde amerikanische Anti-Doping-Agentur (USADA) sind in der Lage, elementare Leistungen in der Dopingbekämpfung zu erbringen, die in anderen Ländern, vor allem in Europa, längst zum Standard gehören. Jüngst musste Terrance Madden, Boss des USADA, vor Gericht bilanzieren, dass nur 35 Prozent aller Dopingtests, die in den USA durchgeführt werden, Mindestforderungen erfüllen. Anders ausgedrückt: 65 Prozent der Kontrollen kann man vergessen.Besserung ist nicht in Sicht. Im amerikanischen Spitzensport dominieren Chaos, Inkompetenz und Kriminalität - so hat es voriges Wochenende Senator Ted Stevens umschrieben, der zur Untersuchungskommission des US-Senats gehört, die das USOC überprüft. Unmittelbar nach Stevens Äußerungen über "offensichtliche Beweise krimineller Aktivität" trat USOC-Hauptgeschäftsführer Lloyd Ward zurück. Es war der siebte erzwungene Rücktritt eines USOC-Bosses binnen zweieinhalb Jahren. Das USOC verfügt im Olympiazeitraum bis 2004 über einen Etat von sagenhaften 481 Millionen Dollar - eine Summe, die zahlreiche Funktionäre zu privaten Geschäften und Geldtransaktionen verleitet. Schon empfiehlt Wada-Boss Pound, ein Kanadier, das komplette USOC-Führungspersonal auszutauschen. Die beängstigenden Vorgänge im USOC werden auch der Olympiabewerbung New Yorks um die Sommerspiele 2012 schaden, glaubt Pound. Angesichts der desolaten Situation ist es schwer vorstellbar, dass sich bis zu den Sommerspielen 2004 die Dopingbekämpfung kolossal verbessern wird. So dürften die Kontrahenten der Amerikaner noch lange vergeblich auf die oft angemahnte Chancengleichheit warten. Beunruhigen muss auch ein Memorandum, das der New Yorker Anwalt Edward Williams vergangene Woche der USOC-Athletenkommission zukommen ließ. Williams führt 17 Schwachstellen des Testprogramms auf. Einige der kritisierten Punkte sind nachzuvollziehen, so ist das reichste NOK der Welt nicht in der Lage, rund um die Uhr eine telefonische Doping-Hotline einzurichten. Andere monierte Sachverhalte dürften die Wada allerdings alarmieren: Der Anwalt behauptet, es sei Amerikanern nicht zuzumuten, die Kontrollorgane ständig über ihren Aufenthaltsort zu informieren und 24 Stunden für Tests zur Verfügung zu stehen - dies seien "Gestapo-Methoden", die das US-Rechtssystem nicht zulasse, sagte Williams der dänischen Zeitung Extrabladet. In anderen Ländern (etwa Deutschland) gehört dies seit Jahren zum Standard. Williams behauptet, die Meldepflicht verstoße gegen amerikanische Verfassungsrechte; auch dürften die Kontrolleure nur zwischen 6.30 Uhr und 21.30 Uhr ihre Arbeit verrichten, nicht etwa rund um die Uhr, wie im Anti-Doping-Code der Wada vorgesehen. "Keine internationale Organisation hat sich über das amerikanische Rechtssystem zu stellen", trompetet Williams."Diese Kritik ist Nonsens", sagt dagegen Pound. Wada-Generalsekretär Harri Syväsalmi wollte den Aussagen von Williams ebenfalls keine große Bedeutung beimessen. "Viele Anwälte sind mit solchen Schriftstücken nur auf Publicity aus", erklärt der Finne und grinst. Dabei ist ihm nicht zum Lachen zumute. Die Lage ist viel zu ernst. Welt-Anti-Doping-Agentur im Netz:www.wada-ama.org"Es ist albern, zu behaupten, unsere Regeln würden die US-Verfassung verletzen. " Wada-Chef Richard Pound.AP/THOMAS KIENZLE Muskelspiele: Der US-Sport demonstriert Stärke - nicht erst seit den Olympischen Spielen von Sydney, wo die Sprintstaffel sich in Pose warf.