Ich hasse dich. Du wirst jetzt auf dem Boden kriechen", schreit Angel Cassidy jeden einzelnen Kursteilnehmer an. "Und dann werde ich dich mit einem Messer in viele kleine Stücke schneiden", dröhnt sie in einer Lautstärke, daß selbst die Männer in den hinteren Reihen zusammenzucken. Eingeschüchert und den Blick gen Boden gesenkt, rutschen sie unruhig auf ihren Stühlen hin und her.Es ist erst kurz vor Mittag, und die achtzig Männer im Schulungsraum des Gerichtshauses von San Francisco mußten bereits die Wutausbrüche von drei ehemaligen Prostituierten über sich ergehen lassen, von Prostituierten, die von ihren Freiern mißhandelt wurden. Jetzt werden auch noch Dias riesengroß an die Wand geworfen. Man sieht deformierte und von Krankheiten zerfressenen Geschlechtsorgane. Einige Männer schütteln sich angeekelt. "Ich war heroinsüchtig und hatte Nadelstiche von oben bis unten", erzählt die 33jährige Cassidy ungerührt, sie ging schon mit 14 auf den Strich. "Obwohl ich wußte, daß ich an verschiedenen Krankheiten litt, habe ich mich auf ungeschützten Geschlechtsverkehr eingelassen." Manchmal habe sie darüber nachgedacht, besonders unangenehme Kunden "fürs Leben zu zeichnen".Dann ist Mittagspause, aber der Appetit auf Spaghetti und Fleischklöße in der Kantine ist den meisten von denen, die an diesem drastischen Unterricht der "Schule für Freier" teilnehmen, längst vergangen. Je 500 Dollar haben sie dafür bezahlen müssen, daß sie hier stundenlang beschimpft und eingeschüchtert werden. Und darüber könne sich jeder einzelne auch noch glücklich schätzen, sagt ein Polizist. Schließlich kämen sie mit einem blauen Auge davon. Alle diese Männer sind zum ersten Mal erwischt worden, bei der Suche nach käuflichem Sex. Sie waren weder gewalttätig noch pervers. Aber Prostitution ist in den USA genauso verboten wie Freier sein, und wer erwischt wird, wird festgenommen und gilt als vorbestraft. Hat man jedoch einen gerichtlich verordneten Unterricht absolviert, wird der Eintrag aus der Strafakte gelöscht. Allerdings nur beim ersten Mal, mit Wiederholungstätern gehe man, wird klargestellt, weniger zimperlich um."First Offender Prostitution Program" heißt das ganze offiziell, "John School", Schule für Freier, wird der Unterricht von den Betroffenen selbst genannt. In San Francisco gibt es ihn seit vier Jahren, nach dem Vorbild von Schulungen für schlechte Autofahrer. Einmal im Monat ruft die Polizei zwischen 60 und 110 ertappte Freier zu einer Klasse zusammen, insgesamt bislang 2 800. Nur 27 von ihnen seien rückfällig geworden, behauptete kürzlich eine Erfolgsstatistik, und die ehemals liberalste Stadt der USA verkündete, man habe das älteste Gewerbe der Welt endlich im Griff.Das sorgte quer durch die USA für größtes Aufsehen. Schon haben Las Vegas, das kalifornische Fresno und Nashville/Tennessee mit ähnlichen Programmen begonnen. Portland/Oregon, Seattle, Pittsburgh, Jacksonville in Florida, St. Paul/Minnesota und Washington D.C. sind dabei, "John Schools" einzurichten. Selbst in Kanada, in Toronto und Edmonton, und im englischen Leeds werden "First Offender Programs" entwickelt.Norma Hotaling aus San Francisco ist die Initiatorin der Schule für Freier. "45 Stadtverordnete aus dem ganzen Land haben uns allein in den vergangenen Wochen besucht", sagt die 47jährige Ex-Prostituierte voller Stolz. Im Alter von sechs Jahren ist sie zur Prostitution gezwungen worden. "Vergewaltigungen, Syphilis und Heroin alles habe ich hinter mir." Vor neun Jahren sei sie dann vollkommen am Ende gewesen. "Ich wußte, ich würde entweder sterben oder jemanden umbringen. Ich dachte darüber nach, einen Freier, einfach einen x-beliebigen Freier, zu erstechen. Darum habe ich mich der Polizei gestellt und ins Gefängnis bringen lassen", sagt Hotaling. "Ich mußte einfach unter Aufsicht." Und als sie körperlich und moralisch gesund geworden sei, kam ihr dort, im Gefängnis, die Idee, Frauen und Mädchen auf der Straße zu helfen.1992 gründete sie SAGE, "Standing Against Global Exploitation", zu deutsch "Eintreten gegen weltweite Ausbeutung". SAGE setzte sich zum Ziel, die Prostituierten von San Francisco zu beraten und quasi umzuschulen. Mangels Unterstützung und finanzieller Mittel dümpelte das Projekt jedoch jahrelang vor sich hin. Schließlich kam Hotaling darauf, daß die Freier dafür bezahlen könnten, den Prostituierten aus der Misere zu helfen.Zusammen mit einem Polizeileutnant und einem Staatsanwalt gründete sie 1995 das "First Offender Program" und verknüpfte es mit SAGE. Nun wird die Arbeit der SAGE-Mitarbeiterinnen durch die Schulgebühren der "Johns" finanziert. Die Mitarbeiterinnen besuchen Prostituierte im Gefängnis, wohin diese vorübergehend verfrachtet werden, wenn die Polizei sie auf frischer Tat ertappt."Etwa 300 Frauen und Mädchen besuchen wir pro Woche", sagt Hotaling. Lieber würde SAGE natürlich schon vor der Festnahme auf die Frauen zugehen. Dazu aber seien viele Prostituierte nicht bereit. "Die mißverstehen, was wir tun", versucht sie zu erklären. 500 Frauen habe man trotzdem schon von der Straße geholt. Fünfzehn davon sind Mitarbeiterinnen bei SAGE. Noch vor ein paar Jahren sei Sex in San Francisco an jeder Straßenecke erhältlich gewesen. In der 800 000-Einwohner-Stadt habe es von Massagesalons, Stripbars, Hostessendiensten und Straßenstrichen nur so gewimmelt. "Jetzt stehen Prostituierte nur noch an ein, zwei Stellen. Das ist das Resultat der Kooperation von Polizei und SAGE." Und eben des "First Offender Program".Im März dieses Jahres luden Norma Hotaling und die Polizei von San Francisco ausgewählte amerikanische Medienvertreter ein, an einer verdeckten Polizeiaktion teilzunehmen. Im Industrieviertel Polk Gulch traten drei Polizistinnen und ein Polizist als Prostituierte auf. Während die vier verkleideten Cops ihre Freier mit Netzstrümpfen und Strapsen lockten, lagen zwölf weitere Beamte im Hinterhalt auf der Lauer. Die 43 Männer, die in dieser Nacht in ihren Autos vorfuhren, wurden festgenommen. Und dies mit vorgehaltenen Pistolen und vor laufenden Kameras. Als Ersttäter landete die Mehrzahl der festgenommenen Freier in der "John School"."Erfolge wie dieser haben für die landesweite Aufmerksamkeit gesorgt", sagt Hotaling. Gerade wurde das "First Offender Program für herausragende Innovation in Amerika" ausgezeichnet. 100 000 Dollar spendenten die Ford Stiftung, Harvards angesehene John F. Kennedy Schule und der "Beirat für hervorragende Qualität" der Regierung.Natürlich gibt es auch scharfe Kritiker von SAGE und den "John Schools": Organisationen, die sich für die Legalisierung der Prostitution in den USA und Kanada einsetzen. Bürgerrechtsgruppierungen wie "Coyote" oder die "Sex Workers Alliance" aus Vancouver, die dem Konzept vorwerfen, Dirnen und Freier durch die Hervorhebung der Schattenseiten des Gewerbes noch weiter ins Abseits zu drängen. Nur ein Bruchteil der Freier sei gewalttätig, und nicht jede Prostituierte werde von einem aggressiven Zuhälter erpreßt. "Legalisierung erhöht Angebot und Nachfrage, führt zu mehr Gewalt und Krankheiten", hält Hotaling dagegen. Eine Befragung von SAGE mit 130 Prostituierten habe ergeben, daß 68 Prozent der Befragten mindestens einmal vergewaltigt und 82 Prozent verbal erniedrigt worden seien. Darüber hinaus arbeite die Mehrzahl der Frauen, und da ist sich Norma Hotaling sicher, unfreiwillig auf der Straße. Das Problem liege allein bei den Männern. Und genau hier setze das "First Offender Program" ja an. "Ich dachte, was ich tun wollte, sei harmlos", erklärt am Abend nach Kursende ein 40jähriger Computerspezialist, der festgenommen worden war, als er eine verkleidete Polizistin um Oralsex bat. "Als die dann aber über all die Krankheiten sprachen, wurde mir richtig schlecht. Das und die Dias." Außerdem seien ihnen nach der Mittagspause auch noch von Ärzten, Polizisten und sogar Anwohnern der vom Straßenstrich geplagten Gegenden die Leviten gelesen worden. Er wolle nicht noch mal erwischt werden. Nach diesem Tageskurs in der "John School" werde er sich das nächste Mal, wenn es ihn "drückt", doch lieber ein Video ausleihen. Oder aber das bleibt unausgesprochen wohl schlicht außerhalb der Stadtgrenzen San Franciscos aktiv werden.