Die Polizei erwischte ihn am hellichten Tage. Aber Sex am Strand von Miami war das geringste Problem für Luis Rosa. Schwerer wog: Er war 35 und sie nur 14. Eine "Familienangehörige", wie die Polizei nach Rosas Verurteilung in einer Anzeige in Miamis größter Zeitung "Miami Herald" öffentlich bekanntgab. Rosa verlor nach der Anzeige seine Arbeit.Die Anzeige war nur der Anfang von Rosas unfreiwilliger Medienkarriere. Für den Rest seines Lebens werden die Behörden jeden Wohnortwechsel des "sexual predator" (wörtlich: "sexuelles Raubtier") in Zeitungen veröffentlichen. Rosas polizeilich durchgesetzte Medienpräsenz ist die Folge eines abscheulichen Verbrechens im Jahre 1994. Damals wurde die sieben Jahre alte Megan Kanda in New Jersey von einem Nachbarn sexuell mißbraucht und dann ermordet. Der Täter: ein aus dem Gefängnis entlassener Triebtäter. Amerika war entsetzt.Der Bundesstaat New Jersey erließ daraufhin "Megan's Law", ein Gesetz, das vorschreibt, die Adressen von Sexualstraftätern öffentlich bekanntzumachen. Und Präsident Clinton unterschrieb noch im selben Jahr eine Verordnung, wonach Bundesstaaten ohne eine vergleichbare Regelung bis zu 30 Prozent der Gelder für die Verbrechensbekämpfung gestrichen werden sollen. Seit Jahresbeginn geben nun alle US-Bundesstaaten ihre Sexualstraftäter öffentlich bekannt.In Kalifornien protestierten Demonstranten vor der Tür des 57jährigen Sidney Landau. Flugblätter hatten die Nachbarn über dessen Vergangenheit informiert: acht Jahre Gefängnis wegen eines Sexualverbrechens. Schon wenn Landau sein Haus verläßt, rufen besorgte Nachbarn jetzt die Polizei. Im kalifornischen South Pasadena warnte eine katholische Schule Hunderte von Eltern vor einem Triebtäter, der 1983 eine 14jährige vergewaltigt hatte, verurteilt wurde und nun in unmittelbarer Nähe von fünf Schulen wohnt. "Ich möchte zurück ins Gefängnis", sagt der Betroffene. Das Anprangern von Amerikas "sexuellen Raubtieren" geschieht multimedial: Besorgte Eltern können sich in Zeitungsanzeigen, unter eigens eingerichteten Telefonnummern und in speziellen Radio-Talk-Shows über potentielle Triebtäter in ihrer Nachbarschaft erkundigen. Kalifornien veröffentlicht im Juli sogar eine CD-ROM mit Adressen der 57 000 Sexualstraftäter des Staates und Beschreibungen ihrer jeweiligen Delikte. Auch im Internet sind die Delinquenten abrufbar. Beispiel Florida: Unter der WorldWideWeb-Adresse "http://www.fdle.state.fl.us/Sexual-Predators/" stehen sie dort aufgelistet. Mit Täterfotos, vollständigen Adressen und Tatbeschreibungen ("hat Vaginalpenetration an einer 14jährigen verübt").Kritiker sehen in den Maßnahmen eine verfassungswidrige Doppelbestrafung von Tätern, die für ihre Verbrechen bereits einmal gebüßt haben. Das amerikanische Verfassungsgericht will im Juni dazu sein Urteil fällen.Unabhängig von der Verfassungsmäßigkeit verweisen Experten auf praktische Schwierigkeiten bei der Durchführung der Gesetze. Durchschnittlich 25 Prozent der registrierten Adressen sind beispielsweise nicht korrekt, weil sich die Straftäter nach einem Wohnungswechsel nicht ordnungsgemäß bei der Polizei zurückmelden.Das Internet-Foto von Luis Rosa ist inzwischen nicht mehr aktuell. Er hat seine Haare geschoren und den Bart abrasiert. Doch an eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft ist noch nicht zu denken: Seine Nachbarn grüßen ihn nach wie vor nicht. +++