Der Kalligraph bemalt die junge Frau zärtlich mit dem Pinsel, ihren ganzen Körper bedeckt er mit Schriftzeichen. In Peter Greenaways Film "Die Bettlektüre" empfindet die Japanerin Nagiko dieses Schreiben auf nackter Haut als höchst sinnlichen Akt: Sie erschaudert angesichts der Schönheit der Schrift und des gekonnten Pinselstrichs.Kalligraphen genießen Hochachtung in Japan, mit ihrer Kunst beherrschen sie eine äußerst komplexe Schriftwelt aus mehr als 40 000 Zeichen. Daher nehmen sie neben den Malern auch den ersten Rang unter den Künstlern ein. Hier zu Lande sind sie nur Interessierten bekannt, denn der Schriftkunst haftet der Ruf des Kunsthandwerklichen an. An kaum einer deutschen Kunsthochschule wird Kalligraphie gelehrt. Anders in Großbritannien, dort gibt es gleich drei kalligraphische Gesellschaften, in den USA sogar eine in jedem Bundesstaat.Um diesem Desinteresse entgegenzuwirken, hat die Akademie der Künste Berlin eine Sammlung Kalligraphie eingerichtet. Sie wird von Schenkungen und Dauerleihgaben getragen und konzentriert sich auf Arbeiten, die in lateinischen Buchstaben gestaltet sind. Bisher konnte die Akademie Arbeiten von 30 kalligraphische Kompendien aus sieben Ländern erwerben. Die Blätter sollen vor allem die Variationsbreite zeitgenössischer Kalligraphie aufzeigen, und so verfügt die Akademie nun über Arbeiten in klassischer Schrift wie etwa Werner Schneider sie gestaltet, und über Kalligraphien in freien Kursiven wie die von Hildegard Korger. In Lieve Cornils Arbeiten liegt der Schwerpunkt auf der Komposition, und von Werner Seibold erwarb die Sammlung Experimentelles. Auch die strenge Mengenschrift von Edward Wates, Stein-Gravierungen von Tom Perkins und Papier-Collagen von Pat Russel sind vertreten. Arbeiten in harter Federtechnik kamen von Friedrich Negebauer, farbig gewebte Kalligraphien stammen von der Hand Thomas Ingmires. Alle Künstler leben noch, der einzige Nachlass in der Sammlung ist der des 1982 verstorbenen Schriftkünstlers und -entwerfers Friedrich Poppl. Er studierte an der Werkkunstschule Offenbach die Fächer Werbegraphik, Schriftschreiben, Zeichnen und Malen. Nachdem er als Schriftgraphiker gearbeitet hatte, leitete er bis zu seinem Tod 1982 die Abteilung "Schrift und Werbegraphik" an der Werkkunstschule Wiesbaden. Poppl steht für traditionelle Kalligraphie, verzichtet auf den Einsatz von Farbe und zeichnet die Buchstaben oft so präzise, dass sie von gedruckten Lettern kaum zu unterscheiden sind. Einen anderen Schwerpunkt der AdK-Sammlung bildet das Werk Hans-Joachim Burgerts, der mit 70 Arbeiten vertreten ist. Er ist auch der Anreger und Mentor der Sammlung und wählt die anderen Schriftkunstwerke für den Fundus aus. Der gebürtige Berliner studierte von 1947 bis 1954 an der Hochschule für Bildende Künste Malerei bei Ernst Schumacher und Karl Schmidt-Rottluff. Eine seiner Kalligraphien zeigt Buchstaben, die sich zu einem baumförmigen Gebilde aneinander schmiegen. Der Betrachter braucht einen Moment, um die verzerrten Zeichen zu entziffern. Für Burgert muss Schriftkunst vor allem schwer lesbar sein. Nur wenn der Leser sich das kalligraphierte Gedicht zuerst über die Form erobern müsse, komme er auch zu einer intensiveren Beschäftigung mit dessen Inhalt. Obschon sich Burgerts Arbeit schöpferisch mit dem Text auseinander setzt, zeigt sie doch, wie beschränkt die formgeberische Freiheit der Schriftkunst notwendigerweise bleibt. Kalligraphie kann den Text illustrieren, kommentieren oder expressiv steigern, bleibt aber immer an ihre Vorgabe gebunden. Als angewandte Kunst muss sie sich - wie etwa die Architektur - einer Funktion unterwerfen, der Lesbarkeit des Zeichens.Die Kalligraphie-Sammlung der Akademie ist bereits stattlich, aber es fehlt derzeit noch an Raumkapazität für Ausstellungen. Interessierte können sich die Arbeiten in der Stiftung Archiv während der Öffnungszeiten der Bibliothek zeigen lassen. Ab Januar des neuen Jahres darf man dort 316 Originale und 85 Reproduktionen der Künstler einsehen. Eine große Ausstellung ist in drei Jahren geplant.Eine kalligraphische Sammlung im lateinischen Alphabet gibt es in Berlin lediglich noch in der Kunstbibliothek, die allerdings historisch angelegt ist. Beginnend mit der Initiale der karolingischen Handschrift reicht sie über Schreibmeisterbücher bis zu Künstlerbüchern der Gegenwart. Die größten Kalligraphie-Sammlungen in Deutschland befinden sich im Klingspor-Museum in Offenbach und im Leipziger Buch- und Schriftmuseum. Sie dokumentieren die Geschichte der Schriftkunst in Buchstaben, die vor rund 3 000 Jahren von den Griechen entwickelt wurde. Vor allem aus dem Mittelalter blieben viele Zeugnisse dieser eigenwilligen Kunst erhalten, weil die Pflege der Kalligraphie in den Händen der Mönche und Stadtschreiber lag. Dann freilich begann Mitte des 15. Jahrhunderts der Buchdruck die Entwicklung der Schriftkunst zu hemmen. Neue Impulse gingen unter anderem von William Morris aus, der im späten 19. Jahrhundert die Rückkehr zum Handwerk und zu mittelalterlichen Traditionen propagierte. Im 20. Jahrhundert nahm sich die Malerei der Kalligraphie an. So wurde für Max Ernst, Joan Miró, Jean Dubuffet und Paul Klee der Buchstabe zum gestalterischen Ausdrucksmittel. Und wovon kaum noch die Rede ist: Die Abstrakten Expressionisten in den USA ließen sich einst von der ostasiatischen Kalligraphie zur Aktionsmalerei inspirieren.Stiftung Archiv der Akademie der Künste, Bibliothek, Robert-Koch-Platz 10, Mo-Mi, Fr 9-17 Uhr, Do 9-19 Uhr.STIFTUNG ARCHIV DER AKADEMIE DER KÜNSTE "Der wachsende Baum", Kalligraphie von Hans-Joachim Burgert, 1985