Ich singe von der Hässlichkeit!" tönt es aus dem Monitor, "das ist der Blues von der HÄSSLICHKEIT!" Der Mann auf dem Schirm zieht Fratzen, begleitet sich am Klavier, sein Bild verzerrt sich, in schnellen Schnitten feixt er, teils elektronisch übermalt, in die Kamera. Eine nackte, voll bemalte Frau tanzt zur Musik.Vor dem Computer sitzt Otto Muehl. Er sieht sich seinen eigenen Auftritt an und singt zufrieden mit: "Was soll man mit diesen armen Geschöpfen machen, die so HÄSSLICH sind?!" Das Video hat er vor kurzem mit Hilfe einer jungen Photoshop-Expertin fertig gestellt, "Electronic Painting" nennt er die Vermischung von Malerei, Clips, Digitalbildern und Urlauten in Piano-Stakkato. Stolz führt der alte Mann des Aktionismus seine Arbeit vor. Ein TV-Team, das aus Deutschland hierher in die Algarve an Portugals Südküste gekommen ist, filmt ihn dabei. Der Berichterstatter schreibt mit. Und eine Frau hält die Szene wiederum mit ihrem Fotoapparat fest, denn, so sagt sie "wir dokumentieren alles, was um den Otto herum passiert".Der Otto ist in seinem Element, die Fernsehleute bekommen, was sie erwartet haben: eine provokante Aktion, schauspielerische Einlagen, die dem so genannten guten Geschmack ins Gesicht boxen - und den Mann, der die Fäden in der Hand hält und das Geschehen dirigiert, während um ihn herum die Medien kreisen. Fast wie in den alten Zeiten.Aber doch ganz anders. Denn in den alten Zeiten, vor 30 Jahren, herrschte eine Aufbruchsstimmung um das ehemalige enfant terrible des Wiener Aktionismus. Otto Muehl hatte seine Kunst vorübergehend an den Nagel gehängt und mit einer Schar junger, begeisterter Anhänger das befreite Leben zum neuen Kunstwerk ausgerufen. Jenseits der Zwänge der Kleinfamilie, unabhängig von Modediktat und Leistungsstreben trieben sie eine grob auf Wilhelm Reich gezimmerte Utopie von gemeinsamem Leben und freier Sexualität vorwärts. Zuerst in einer Wohnung in Wien und, als die aus allen Nähten platzte, auf einem Gutshof im Burgenland wuchs damals das Experiment "AA-Kommune" heran - wobei AA sowohl für Aktions-Analyse als auch Infantil-Wienerisch für Stuhlgang stehen konnte. Als sie sich über halb Europa und bis auf die kanarischen Inseln ausbreitete, wurde die Bewegung auch unter dem Namen "AAO" (für Organisation), "Friedrichshof" oder schlicht als "die Gruppe" bekannt, bewundert, gehasst und schließlich gerichtsnotorisch.Heute ist das alles vorbei, aufgelöst oder zu Eigenheimen mutiert, in verfeindete Fraktionen zerfallen, die sich gegenseitig mit Besuchsverboten und Klagedrohungen belegen oder von allem Vorgefallenen nichts mehr wissen wollen. Nur die Arbeiten von Muehl und einigen seiner prominenteren Mitbewegten gibt es noch. Sie sind Teil des kulturellen Erbes von Happening, Action Painting und eben dem Aktionismus seit den sechziger Jahren. Muehl hat den Pinsel nur kurz abgegeben und dann wieder - auch während seiner Zeit im Gefängnis, von der noch die Rede sein wird - gearbeitet wie besessen. Das Wiener Museum für angewandte Kunst MAK widmet seinem Lebenswerk in Kürze eine große, bereits jetzt heftig umstrittene Ausstellung.Und ein Rest der Kommune existiert noch in Portugal, in den Häusern um die Vivenda Miradouro, 20 Autominuten nordöstlich von Faro, mit Blick aufs Meer, auf viel Grün und wenige, weit entfernte Häuser. Mit rund zwei Dutzend Mitbewohnern lebt der 78-jährige Muehl hier. Zur Hälfte sind es Frauen und Männer um die 50, dazu Jugendliche und ein paar Kleinkinder. Sie sind mit dem Kommune-Chef vor sechs Jahren hierher gezogen, auf der Suche nach einem nicht zu teuren Platz an der Sonne.Denn Muehl ist krank, er hat Parkinson, braucht die Wärme. Sein Atelier im oberen Stockwerk des Hauses ist ständig überheizt. Alle paar Stunden bekommt er Medikamente verabreicht. Er geht gekrümmt. Aber er ist nicht gebrochen. Immer noch steht er im Mittelpunkt, führt das Wort, während die anderen lauschen. Und kaum entsteht eine Pause, greift er zu einem der überall lagernden Pinsel und malt oder übermalt mit kräftigen, wilden Strichen ein Bild. Das Motiv des Haifisches hat es ihm zurzeit angetan. "Er ist ein urzeitliches Tier, ein Volltreffer der Evolution, ein großartiges Viech. Muss sich immer bewegen, braucht viel Sauerstoff und viel Fressen. Er ist ein Finger Gottes, der hat ihn geschaffen, da muss er doch in Ordnung sein."Die Frauen im Atelier lachen, wie überhaupt seine Sätze gerne mit Zustimmung quittiert werden. Das erinnert an vieles, was über die Zustände in der früheren Kommune bekannt wurde - "der Otto" als Guru, dessen Aussagen kritiklos bewundert wurden. Sind seine jetzigen Mitbewohner ein letztes Aufgebot, wie seine Kritiker sagen, oder der harte Kern der Kommune? Weder noch, sagt er, seine Gruppe sei durchaus nicht besser als die anderen, die weggegangen seien, "sie sehen nur ein, dass sie s brauchen. Die anderen sind vielleicht realer, erfolgreicher in der Wirtschaft tätig, aber die wollten halt Geld, Karriere, Urlaub."Es wäre untertrieben zu behaupten, dass dies keine Themen sind in Miradouro. Immerhin kümmert sich Danièle Roussel, seit 1976 in AA-Kommunen in Paris und Österreich, hauptberuflich um die Vermarktung von Muehls Bildern, knüpft Kontakte mit Galerien oder mit dem MAK. Doch auch der skeptische Besucher spürt, dass diese keine von Ehrgeiz zerfressene Gemeinschaft ist, und bei aller PR-Gewandtheit, die man heute gemeinhin erwarten kann, wirkt ihre Gastfreundlichkeit nicht aufgesetzt. Man lehnt sich, freundlich verköstigt und auf das nächste Video wartend, zurück und wäre mit allem zufrieden - wären da nicht die vielen und heftigen Gegenstimmen, die alles Gesehene und Gehörte in ein ganz anderes Licht tauchen. Denn kaum ein Kapitel der Gegenkultur im Mitteleuropa der letzten Jahrzehnte hat so erbitterte Kontroversen ausgelöst wie die AA-Bewegung. Und kaum eines war so unlöslich mit einem Namen, einer Biografie verknüpft.Otto Mühl (wie er sich früher schrieb) wurde 1925 im burgenländischen Grodnau geboren und wuchs in Gols am Neusiedlersee auf. Sein Vater war Lehrer und dürfte sehr autoritär gewesen sein, was aber damals den Normalzustand darstellte. Er starb in russischer Gefangenschaft. Ein Bruder Ottos fiel im Krieg, er selber überlebte verlustreiche Infanterieschlachten. "Ich habe mich gewehrt, in meinen Aktionen etwas vom Krieg drinnen zu lassen, aber andere Leute haben das bemerkt: dass ich Hinrichtungen gemacht und Kriegserlebnisse direkt in Kunst umgesetzt habe."Sein Studium von Deutsch und Geschichte schloss er in Wien mit der Lehramtsprüfung ab. Er wollte aber den Lehrberuf nicht ausüben, sondern sich den Wunsch seit seiner Kindheit erfüllen: ein "großer Künstler" zu werden, wie er in der Autobiografie "Weg aus dem Sumpf" schrieb. Also machte er noch eine Ausbildung an der Wiener Akademie der bildenden Künste. Ende der fünfziger Jahre radikalisierte sich sein Malstil unter dem Einfluss seines Kollegen, des Malers Günter Brus, und der amerikanischen und französischen Action-Painting- und Happening-Szenen. Bald waren die Grenzen des Tafelbildes gesprengt, an seine Stelle traten Materialschlachten unter Einsatz von kiloweise Farbe, Holz, Mullbinden, Körpern und deren Ausscheidungen. Der Öffentlichkeit und ihren Organen blieb das nicht verborgen, und Muehl, der inzwischen geheiratet hatte, rettete es vor dem Lehrerberuf. Das kam so, wie er sich heute erinnert: "Ich hab meiner Frau gesagt, dass ich uns mit meiner Kunst nicht erhalten kann. Sie hat gesagt, sie ist eh Lehrerin, ich brauch keine Sorge haben. Aber nach zwei, drei Jahren kommt sie mit ihrem Vater, sie haben mich bedrängt: Ich muss eine Stelle nehmen, wir haben keinen Fernseher, keine Dusche, kein Badezimmer, kein Auto, das geht net. Dann geh ich halt zum Stadtschulrat, und die sagen: Ha, gegen Sie läuft ja eine Disziplinaruntersuchung wegen dem Bild "Lebendig gekreuzigt" (Aktion mit Brus inkl. Ausleeren eines Mistkübels), das kann ja ein Lehrer nicht machen, das ist ja unmöglich. Sag ich: Danke vielmals, auf Wiedersehen. So hat mich die Kunst gerettet."Erklärtes Ziel der Wiener Aktionisten sei es gewesen, sagt Muehl, "gegen die totale österreichische Vertrottelung aufzutreten". Einer dieser Auftritte, die Aktion "Kunst und Revolution" im Juni 1968, ging in die Skandal-Chronik als "Uni-Ferkelei" ein und stellt gewissermaßen den Höhepunkt der Sixties in Wien dar. Als danach eine Vorweihnachts-Aktion in Braunschweig - unter anderem mit einem geschlachteten Schwein, dessen Innereien ein nacktes Mädchen dekorierten - ebenfalls in Rufen nach Polizei, Gefängnis und Schlimmerem endete, sahen die Initiatoren ein, dass sie ihr Ziel, die Massen in ihrem Sinn zu beeinflussen, verfehlt hatten. Muehl saß zwei Monate Strafe ab und - nachdem ihn seine Frau verlassen hatte - allein in einer großen Wohnung. Brus und Oswald Wiener retteten sich vor (weiterer) strafrechtlicher Verfolgung durch Auswanderung nach Berlin; die Lokale Matala, Exil und Paris-Bar waren Folgen ihrer Migration. (Inzwischen ist Brus rehabilitiert und quasi als Staatskünstler in Österreich hofiert; ihm wird gerade in Graz eine große Rückschau gewidmet.)Muehl war mittlerweile 45 Jahre alt und wollte Leute um sich haben, die seine Vorstellungen von freier Sexualität und entgrenztem Künstlertum teilten: Nichts anderes war der Anstoß für eine Kommune, die nicht gegründet wurde, sondern sich sozusagen ergab. Zuerst waren es fünf, dann ein Dutzend, dann bis zu 60 in der Wohnung in der Wiener Praterstraße. Und je mehr kamen, desto mehr sprach sich herum, dass in Wien etwas Neues lief: eine an Wilhelm Reich orientierte Lebenspraxis statt einer Marx auslegenden Polit-Theorie, mit dem berühmten Otto Muehl an der Spitze.Sie kamen zunächst aus dem studentischen Wiener Milieu, bald waren Aussteiger aller Art unter ihnen, zunehmend aus dem Ausland. Claudia aus der schweizerischen Aarau etwa hatte zu Hause "künstlerische Kreise" gesucht, dann in München studiert, in Zürich unterrichtet, ein erstes Mal in Wien geschnuppert, nochmals daheim einen Versuch unternommen. Heute erinnert sie sich an den entscheidenden Schritt: "Ich hab eigentlich immer nach der Kinderbande gesucht, die ich in Aarau gehabt hatte. Ich hab sehr bedauert, dass durch die Ehe alle Leute so langsam verschwunden sind. Ich wollte nicht in dieses einsame Leben zurück. Beim Otto hab ich gemerkt: Von da geht das Ganze aus. Ich hab dann beschlossen, da bleib ich, das ist das Paradies, so eine friedliche Stimmung. Seit Dezember 1973 lebe ich mit dem Otto zusammen." Heute ist sie an der Algarve an seiner Seite, eine von Muehls "Hauptfrauen" und offiziell seit Jahrzehnten mit ihm verheiratet.Unter den vielen Vorwürfen, die gegen die Entwicklung der AA-Kommune erhoben wurden, sticht bis heute die Eheschließung von Otto und Claudia, die besondere Stellung ihrer Kinder und die damit einhergehende Hierarchisierung hervor. Denn anfangs war das genaue Gegenteil Programm: Zur selben Zeit, als Claudia einzog, schuf Muehl per Dekret Zweierbeziehungen und Privateigentum als Relikte der verrotteten Kleinfamiliengesellschaft ab. Zum Zeichen ihrer neuen Zugehörigkeit zogen alle Kommunarden Latzhosen an und ließen sich Glatzen scheren. Bürgerliche Formen der Attraktivität wurden durch fordernde und jederzeit verfügbare Sexualität ersetzt. Um diesen neuen Ansprüchen gerecht zu werden, mussten alle Mitglieder eine Aktions-Analyse durchmachen: mit viel Körperlichkeit, Nacktheit und Techniken, die Geburtserleben und Urängste hervorrufen sollten. Erster und wichtigster Analytiker war natürlich Muehl.Einige "Mühlis" mögen zwar vom Soziologen Robert Michels gehört haben, der bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Problem der Oligarchiebildung in zunächst demokratischen Bewegungen untersucht hatte. Aber wer las schon? Lesen war ja verpönt, ebenso wie kritisieren. Und wer dachte, dass es auch sie einmal treffen könnte? Noch herrschte Aufbruchsstimmung in Wien bzw. auf dem Bauernhof bei Gols, den die Kommune 1974 erwarb, um die wachsende Mitgliederzahl zu bewältigen und den Aufbau des neuen Menschen ungestört zu betreiben.Auf dem Friedrichshof entstanden Wohnheime, Schlafsäle, Handwerksbetriebe, Läden und ein landwirtschaftlicher Betrieb. Währenddessen trieb Muehl seine Therapie-Versuche weiter. Malerei hat er damals verachtet. "Wir haben Theater und Musik gemacht", erinnert er sich heute, "so ist die Kunst als Pädagogik zurückgekommen, ganz im Dienst einer ganz neuen Gemeinschaft."In solchen Rückblicken bestätigt Muehl, was seine Gefährten ihm damals vorzuwerfen begannen: dass er Menschen als sein Rohmaterial betrachtete und mit ihnen spielte, um so eine "neue Elite" zu schaffen. Die Zweifel mehrten sich, als Muehl Mitte der Siebziger der Kommune eine Hierarchie verpasste, in der jeder hinauf- und hinuntergewählt werden konnte bis auf einen, die Nummer eins, Muehl selbst. Als von Gleichheit geredet wurde, aber sich ein innerster Kreis abzugrenzen begann. Die "Tiere" - wie sie Otto gerne zu biologistischen Vergleichen heranzog - waren gleich, aber einige waren gleicher: Orwell ließ grüßen.Nach außen wurde die AA-Kommune immer erfolgreicher: Bis in die achtziger Jahre wuchs sie auf mehr als 500 Personen an, es entstanden Zweigstellen mit eigenen Betrieben in Deutschland, Frankreich, Norwegen und der Schweiz. Kulturveranstaltungen und Werbereisen hatten zur Folge, dass die Kommune bei manchen Provinzpolitikern hoch im Kurs stand (wobei die Verheißungen des "neuen Lebens" eine Rolle gespielt haben dürften), aber auch die Sympathien von Mitgliedern der sozialdemokratischen Regierung Österreichs genoss. Zudem bot sie Therapie-Kurse auf dem Hof an, die eben so teuer wie beliebt waren.Innen jedoch bröckelte die Euphorie der frühen Jahre. Nach einer finanziellen Krise wurde das Gemeinschaftseigentum abgeschafft. Drei Jahren später wurde es wieder eingeführt, dazwischen aber entdeckte man das große Geld: Vor allem im Warentermingeschäft kamen ungeahnte Gewinne zustande, die allerdings an den Friedrichshof abzugeben waren, war man doch eine große Familie. In der Praxis bedeutete das, dass sich eine Arbeitselite herausbildete (Latzhosen und Glatze waren längst passé), die die wachsenden Bedürfnisse der Zentrale bediente: neue Bauten, Schulgründung, schließlich der kostspielige Kauf einer ganzen Bucht auf der kanarischen Insel Gomera.Toni Elisabeth Altenberg erlebte jene Zeit in der Berliner Gruppe, in der sie von 1984 bis knapp vor der Auflösung 1991 wohnte. In ihrem Buch "Mein Leben in der Mühlkommune" schilderte sie den fast mönchisch strengen Tagesablauf in einer Villa in Berlin Lichterfelde - sieht man vom Sex ab, der aber seinerseits hierarchisch reglementiert war. Alle paar Wochen kamen "Gruppenleiter" aus Österreich, die neue "Dokus" mitbrachten. Das waren Niederschriften von Gesprächen von Muehl und Kassetten, die er besprochen hatte und die in der Kommune nun angehört wurden. In der ersten Phase wurden laut Altenberg vor allem Lob und Tadel verteilt, später oft die Geschäftserfolge oder Misserfolge der kommuneeigenen Firmen besprochen: "Die zweitbeste Gruppe war Berlin. Die Berliner haben soundso viel verdient, auch sehr gut. Bravo für die Berliner! München auch nicht schlecht, aber was ist mit den Düsseldorfern los?" Was los war, wurde gerne in Zusammenhang mit störenden Zweierbeziehungen oder konkurrenzhaftem Verhalten gebracht. Die ca. 60 Berliner Mitglieder arbeiteten schwer in ihren diversen Beratungsgeschäften, den Rest der Zeit verbrachten sie kollektiv, von der Fahrt in die Firma über Gruppengymnastik in den Arbeitspausen bis zum Betrachten neuer Videos aus dem Burgenland. "Prinzipiell konnte man zwar alles lesen, es war jedoch verpönt, Romane zu lesen oder gar Kriminalromane...Am besten war es, die aufgezeichneten Gespräche Muehls zu lesen."Unter den vielen Gründen, die Altenberg 1992 in ihrem Rückblick für das Scheitern des gesamten Experiments verantwortlich machte, sind zwei scheinbar widersprüchliche: die Angst der Mitglieder vor dem Scheitern der Kommune. Und eben genau das vorprogrammierte Scheitern. Der Friedrichshof habe, diagnostizierte sie, keine langfristig praktizierbare Alternative zur herkömmlichen Gesellschaft dargestellt. Zugleich aber wollten die Kommunarden, die oft alles abgegeben und keine Alternative mehr hatten, ein Ende nicht für möglich halten.Wie Altenberg haben etliche andere Ex-Kommunarden ihrer Kritik ab Anfang der neunziger Jahre in Büchern, Fotobänden, Diplomarbeiten und Dissertationen Ausdruck verliehen. Medienberichte, etwa im Stern und im Spiegel, hatte es schon zuvor gegeben, auch der einschlägig bekannte "Sektenpfarrer" Friedrich-Wilhelm Haack hatte vor dem autoritären Charakter von Muehls "Religionsersatz" gewarnt. Doch solche Reaktionen hatten die Mühlis zunächst in ihrer Ablehnung der Gesellschaft und ihrer Medienbüttel bestärkt. Erst der innere Zerfall, der immer offensichtlichere Druck auf die Unteren in der Hierarchie, die Diskrepanz zwischen Gepredigtem und Gelebtem führten zur Implosion. Der berühmt gewordene Prozess gegen Otto Muehl war nur ein trauriges Nachspiel.Es ging um Notzucht mit minderjährigen Mädchen in zumindest einem Fall, gerüchteweise soll es eine viel höhere Zahl gewesen sein und seit Jahren stattgefunden haben. Das Urteil lautete auf sieben Jahre. Muehl trat die Strafe 1991 an und saß sie zur Gänze ab. Seine Frau wurde wegen Beihilfe zu einem halben Jahr verurteilt.Claudia Muehl sieht noch heute ein Komplott gegen ihren Mann am Werk: Erstens sei er nicht der Einzige gewesen, zweitens sei er erpresst worden, drittens hätten die Mädchen - knapp unter 14 - ja auch Lust auf den Otto gehabt. Dem widersprechen Ex-Kommunarden auf das Entschiedenste. Vor allem Hans Schroeder-Rozelle, heute selbstständiger Berater in der Nähe von Stuttgart, wehrt sich gegen die Trennung zwischen Muehl, dem Künstler, und Muehl, dem Pädophilen. Sein Leben zum Gesamtkunstwerk zu machen, verhöhne das Leiden der Kinder und Jugendlichen, die in der Kommune aufgewachsen seien und noch jetzt unter den Folgen litten. Ähnlich argumentieren Eltern, die anonym bleiben wollen, und damalige Dreizehnjährige, die zu keinem Interview bereit sind.Um das AA-Experiment wird es nicht ruhig. Wurde die längste Zeit um die Rechtsnachfolge gestritten - auf dem Friedrichshof wohnen heute diejenigen, die Muehl entmachtet haben, in Eigenheimen und um die Bucht auf Gomera (die Muehl ebenso wenig betreten darf) - ging es dann um den Kunstbesitz. Denn Muehl malt ja die längste Zeit wieder, meist naturalistische und verstörend obszöne und blasphemische Bilder, und sein Wert auf dem internationalen Kunstmarkt ist noch immer relativ hoch. (Der Großteil der Sammlung Friedrichshof sowie viele Arbeiten von Brus und Nitsch sind vor kurzem in den Besitz des Wiener Museums Moderner Kunst übergegangen und werden dort gerade ausgestellt.) Die Fronten verlaufen quer durch die Kulturszene, in der Muehl wichtige Fürsprecher hat, durch die Politik und natürlich in vertrackter Form durch das ehemalige Geflecht der Hunderte von Muehlis. MAK-Direktor Peter Noever muss sich, bevor die Schau überhaupt eröffnet ist, seit fast einem Jahr gegen den Vorwurf wehren, dem Künstler Muehl Platz einzuräumen, ohne die moralische Dimension genügend zu berücksichtigen. Er insistiert darauf, dass sein Museum keine Gerichtsbarkeit und Muehls Arbeit im kunstgeschichtlichen Zusammenhang zu sehen sei. Inkriminierende Videos von seinerzeitigen Selbstdarstellungen seien sowieso keine geplant, "wir wollen keine Persönlichkeitsrechte verletzen, wir sind ja keine Selbstmörder".Im Auge des Sturms aber sitzt Otto Muehl selbst, scheinbar unbeeindruckt, anscheinend auch unbelehrbar und immer noch für eine Provokation gut: Das Ende des Friedrichshofes? "Ich bin eigentlich dankbar, dass sie mich abgeschafft haben, mir diesen Stein vom Hals genommen haben. Zum Schluss bin ich mir schon vorgekommen wie ein Bürgermeister." Das Mädchen, um das es ging? "Sie hat die Regel gehabt, sie war reif, sie wollte. Es ist nicht wahr, dass die Mädchen gezwungen wurden." Das Gefängnis? "Es war eine köstliche Zeit, ich habe es geradezu genossen. Mir haben die Leute auch sehr gut gefallen." Der Staat? "Ich bin froh, dass es ihn gibt, dass er die primitiven Massen unten hält, denn wenn die hochkommen, dann bringen sie uns alle um."Muehl sitzt in seinem Rollstuhl, blickt hinaus auf den von atlantischem Nebel verhangenen Horizont und spricht Urteile. In seiner riesigen, zerfurchten Hand hält er einen Pinsel voller grüner Farbe. Man denkt an seine Wurzeln, seine frühen Einflüsse, sein Studium, an das, was seine Gefährtinnen und Gefährten von ihm erzählen, und man denkt: Es stimmt, er hat etwas von einem Bauern an sich, stur und schlau wie das Klischee von einem burgenländischen Landwirt. Aber auch der Lehrer ist da, der immer den anderen zeigen möchte, wo s langgeht, immer die anderen benotet und einteilt; der Oberlehrer. Und noch etwas, das wohl zum Dasein vieler Künstler gehört: der Showman. Sehen Sie das auch so, Herr Muehl? "Auf jeden Fall", sagt er. "Das ist etwas sehr Wichtiges. In der Selbstdarstellung in der Kommune wurde es geradezu trainiert. Das muss ins Schizophrene gehen, bis es den Leuten kalt über den Rücken läuft."Schon ist er wieder in seinem Element, verteilt eine Note: Der Hitler, für den er fast gefallen wäre, "der war ja ein echter Gauner, ein minderwertiger Typ!" Und kein guter Künstler außerdem. "Ein Showman!" sagt Muehl und lacht. "Vielleicht war er unschuldig. Er hat geglaubt, er macht alles richtig. So geht s ja im Leben meistens. Man glaubt, es ist alles richtig, und ist ein totaler Psychopath und weiß es nicht. Vielleicht bin ich s auch. Das ist alles möglich. Vielleicht stellt sich noch heraus, dass ich total wahnsinnig bin, und die Leute halten mich noch für normal."AUSSTELLUNGENOtto Muehl: Leben/Kunst/Werk. Aktion/Utopie/Malerei 1960-2004. MAK Wien, 3. 3. bis 30. 5. 22004.Günter Brus: Werkumkreisung. Neue Galerie am Landesmuseum Joanneum, Graz, 26. 2. bis 18. 4.2004.Kunst und Revolte. Archiv Wiener Aktionismus. Museum Moderner Kunst im Wiener Museumsquartier. Bis 25. 4. 2004.LITERATURToni Elisabeth Altenberg: Mein Leben in der Mühlkommune. Freie Sexualität und kollektiver Gehorsam. 202 Seiten. Böhlau, Wien Köln Weimar 1998.Foto (4): Stolz führt der alte Mann des Aktionismus seine Arbeit vor. Otto Muehl vor einem seiner Bilder.Tod im Weizenfeld, eine Arbeit von Otto Muehl.Rechts der Maler in seinem Atelier in Portugal.Unten: Otto Paganini, eine Arbeit Muehls aus dem Jahre 1986.