BERLIN, 13. Juni. Er trägt einen Vollbart und eine Brille. Er sagt, er habe Parolen ernst genommen, nach denen man bereit sein müsse, für politische Ziele sein Leben zu lassen. Dann sagt er: "Und ich bin dabei fast draufgegangen." Zu sehen ist der Mann in der ARD-Dokumentation "Nach Hitler - Radikale Rechte rüsten auf", deren erster Teil an diesem Donnerstag um 21.45 Uhr gesendet wird. Die Identität des Mannes wird nicht enthüllt, nur sein früherer Deckname wird eingeblendet: Dieter Kersten. Die Anonymität sei die Bedingung gewesen, dass der Mann, der Anfang der 80er-Jahre einer der gefährlichsten Rechtsextremisten der Bundesrepublik war und heute unter neuer Identität im Ausland lebt, erstmals vor der Kamera spricht, erklären die Autoren des Films. Doch viel erzählt "Dieter Kersten" in seinem kurzen Auftritt nicht. Kein Wort zu den Anschlägen, die er verübte, und den militanten Nazigruppen, die er aufbaute, nur wenige Sätze über seinen Kontakt zum DDR-Ministerium für Staatssicherheit. Dabei hätte "Dieter Kersten" alias Odfried Hepp, wie sein wahrer Name lautet, viel zu erzählen: Allein die Stasi-Akten über seine dreijährige Zusammenarbeit mit dem Mielke-Ministerium füllen 15 Bände. Im Januar 1980 eröffnete die Stasi ihre Akte über Odfried Hepp. Anlass war ein "Stern"-Artikel, in dem der damals 22 Jahre alte Neonazi als Anführer einer rechtsextremen Gruppe bezeichnet wurde, die auch Anschläge gegen die innerdeutsche Grenze vorbereite. Die für Terrorabwehr zuständige Stasi-Hauptabteilung XXII legte einen "Maßnahmenplan" fest, der in der Absicht gipfelte, Hepp bei einem seiner DDR-Besuche für eine inoffizielle Zusammenarbeit zu gewinnen. Besuch in der ZentraleDie Stasi musste zwei Jahre auf Hepps nächsten Besuch in der DDR warten. Doch dann kam der Neonazi gleich von sich aus in die Berliner Normannenstraße. Er müsse einen von westdeutschen Neonazis geplanten Raketenanschlag auf die MfS-Zentrale melden, "den er als Deutscher verhindern" wolle, teilte er den verblüfften Stasi-Leuten mit. Die rätselten zwar anfangs noch über die Motive Hepps, kamen dann aber recht schnell ins Geschäft mit ihm. Der Neonazi berichtete seinem Führungsoffizier über sein Leben in der Bundesrepublik und seine Verbitterung über die dortige politische Situation. Vor allem störten ihn die "Bestrebungen der USA und der Nato, die BRD abhängig zu machen". Als Hepp erklärte, er habe sich mit Gleichgesinnten zusammengetan, um gegen die "Besatzer" vorzugehen, wurde es dem Stasi-Partner jedoch mulmig: Hepp "wurde unmissverständlich dargelegt, dass wir derartige Pläne und Schritte ablehnen, da dies nicht im Sinne der Entspannungsbestrebungen der sozialistischen Länder liege", heißt es in einem Vermerk vom April 1982. Sonderlich beeindruckt schien Hepp von den Vorbehalten des MfS nicht gewesen zu sein. Zwischen Oktober und Dezember 1982 - die Treffen in Ost-Berlin liefen derweil weiter - verübte seine Gruppe mehrere Bombenanschläge auf US-Fahrzeuge, bei denen zwei GIs schwer verletzt wurden. Im Februar 1982 aber flog die Gruppe auf, nur Hepp entkam - nach Ost-Berlin. Die Stasi bot "Deutschlands meistgesuchtem Neonazi", wie die "Quick" damals schrieb, zunächst Schutz an. Als Gegenleistung packte Hepp alles aus, was er über die rechtsextreme Szene in der Bundesrepublik wusste. Die Stasi-Offiziere waren begeistert von ihrem rechten Schützling und lobten die "bisher nicht anzuzweifelnde Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit gegenüber dem MfS". Im Mai 1983 stellten sie Hepp schließlich vor die Alternative: Entweder ein "normales" Leben unter fremder Identität in der DDR ohne jeden Kontakt mit seinen Verwandten und Freunden in der Bundesrepublik oder die Ausreise in ein arabisches Land. Hepp entschied sich schließlich für die Ausreise nach Syrien. Am 22. Juli 1983 flog er nach Damaskus. Die Treffen mit dem Führungsoffizier - mal im Budapester Hotel "Royal Hilton", mal bei einem Zwischenstopp in Schönefeld - wurden seltener. Hepp alias IM "Friedrich", der sich der Palästinenser-Gruppe um Abul Abbas angeschlossen hatte, berichtete bei diesen Gelegenheiten zwar über das Treiben der arabischen Revolutionäre, lieferte aber nur wenig substanzielle Informationen. Am 11. April 1985 wurde Hepp in Paris festgenommen, als er ein hochrangiges Mitglied der Palästinensischen Befreiungsfront PLF treffen wollte, um Waffengeschäfte abzuwickeln. An diesem Treffen sollte auch Monzer al Kassar teilnehmen, damals einer der skrupellosesten und mächtigsten Waffenhändler der Welt. Für die Stasi wurde es nun heikel. Wenn Hepp über seine DDR-Verbindungen plaudern und herauskommen würde, dass sein gefälschter Pass auf den Namen "Dieter Kersten" vom Mielke-Geheimdienst stammt, dann wäre die DDR blamiert gewesen. Doch Hepps Stasi-Auftrag wurde erst nach der Wende in der DDR bekannt, als man die "Friedrich"-Akte im MfS-Archiv fand. Möglicherweise unterhielt der Neonazi auch zu westdeutschen Geheimdiensten Kontakte. In der Untersuchungshaft soll Hepp laut einem Stasi-Vermerk gesagt haben, er halte Dokumente in Deutschland versteckt, "die eine Komplizenschaft des BND mit extremen Rechten belegen". Dazu haben die Autoren der ARD-Dokumentation Odfried Hepp alias "Dieter Kersten" jedoch nicht befragt.