Vielleicht schluchzte jemand heimlich ins Taschentuch, von großer Trauer war nichts zu merken, obwohl die Veranstaltung als Totenfeier angekündigt war. Die Leiche wurde dargestellt von einer in älteren, nichtsdestoweniger quicklebendigen Ausgaben anwesenden Zeitschrift. Im Literaturhaus in der Fasanenstraße gab es die letzte Veranstaltung zum Vierteljahresmagazin "Der Alltag", das Ende 1997 eingestellt worden war. Es war ein kleines Periodikum, 1977 von Studenten als Protokollsammlung des Alltags gegründet in Zürich, angeregt durch eine erfolgreiche Serie von Talkshows mit "echten Menschen", also Polizisten, Klofrauen etc., wen sich Studenten so unter "echten" Menschen vorstellen. Man wollte die Welt beschreiben unabhängig von den großen Diskursen der Sozialwissenschaftler. Dabei entstand im Laufe der Jahre eine Art Literaturzeitschrift, eine Mischung aus Dokumentation und kleinen literarischen Texten, die keinem Genre zugehörig waren. Im Sommer 1993 stellte der Züricher Scalo-Verlag die Zeitschrift ein, Anfang 1994 kam sie im Berliner Elefantenpress-Verlag wieder zum Vorschein, 1997 ging ihr endgültig die Puste aus. Es waren nicht genug Abonnenten aufzutreiben, die viermal im Jahr entspannende Lektüre kaufen wollten.Im Literaturhaus vermittelten nun Autoren des "Alltag" noch einmal einen starken Eindruck von dem, was Redakteur Michael Rutschky, Verlegerin Maruta Schmidt und Gestalter Jürgen Holtfreter gesucht und eingesammelt und durch gute Typographie mit gelungenen Illustrationen und Fotos aufbereitet hatten. Iris Hanika las einen Text übers Sammeln, und Sabine Vogel berichtete über eine seltsame Reise durch Polen. Der Reiz dieser Texte besteht in Komik durch Wiedererkennen, treuherzige Sicht auf private Wirklichkeit und literarische Qualität. Weitaus aufschlußreicher als das, womit sich Sozialwissenschaftler seit Jahrzehnten befassen, um es nach dem Studium als obsolet abzulegen, worauf neue Generationen von Soziologen dieselben "Diskurse" als aktuell eröffnen: Strukturalismus, Dekonstruktion, Poststrukturalismus. An solchen Sonntagsreden, womöglich noch über die "Sinnkrise" oder die "nationale Identität" oder die "Tragödie der europäischen Kultur", marschierte "Der Alltag" schnurstracks vorbei und erzählte das Alltagsleben noch einmal, damit es nicht spurlos vergeht.Nachdem David Wagner seinen im Heft "Liebe und Haß" veröffentlichten drolligen Text über Brotaufstrich mit einer Typologie von Marmeladen unter geringfügiger Berücksichtigung von Schokostreuseln wie -cremes gelesen hatte, plauderte Jörg Lau noch ein wenig mit Michael Rutschky über die Rolle der Bedeutung. Dabei kam heraus, daß das Ende dieser Zeitschrift keine Lücke reißt, weil heutzutage einige der großen Tageszeitungen eine Spielwiese unter dem Namen "Alltag" oder "Moderne Zeiten" pflegen, deren Redakteure sich ihre Autoren oft auch aus den Heften von Rutschky gepickt haben. Nur gibt es eben keine so schönen Sammlungen mehr, die unter Titeln wie "Herzblut", "Feiern", "Kaputt", "Verboten" oder "Wo bitte geht s zum Krieg?" erschienen waren.20 Jahre alt der "Alltag" ist rechtzeitig gestorben, so eine Zeitschrift darf nicht alt werden, sie muß mit ihrer Blüte eingehen, zumal wenn sie im Untertitel "Die Sensationen des Gewöhnlichen" heißt. An anderen Zeitschriften kann man sehen, wie verschnarcht sie nach dreißig Jahren werden.Man grübelte mit dem Auditorium noch ein wenig, was denn heute die Chance hätte, als originell auf dem Zeitschriftenmarkt angesehen zu werden. "Das Schema", spöttelte Rutschky. Denn differenzieren könne heute jeder Blöde, mit Fragen wie "Was bedeutet Globalisierung für die Lyrik?" oder Debatten wie "Was ist Europa?" würden unsere Gedanken allwöchentlich in Feuilletons gebunden. Man könnte statt dessen exemplarisch zeigen, wie einfach die Welt wirklich ist und wie hilfreich es sein kann, sie in schön portionierte Blöcke zu zerschlagen und in Schubladen einzusortieren. Darauf ging die Trauergemeinde schließlich einen heben.Die bei Elefantenpress erschienenen Jahrgänge des "Alltag" sind noch käuflich, pro Heft 192 Seiten für 25 Mark, im Buchhandel oder direkt zu bestellen beim Verlag.