In der Charlottenburger Altstadt ist mit Verstand saniert worden Wohnen in Berlin - Teil 97: Hier spiegelt sich Geschichte wider

BERLIN, 9. Februar. "Schlorrendorfer" war früher eine wenig schmeichelhafte Bezeichnung für die Charlottenburger. Doch für Werner Jockeit ist "Der Schlorrendorfer" durchaus positiv. Unter diesem Titel erschien Anfang der achtziger Jahre eine Kiez-Zeitung von Initiativen zur Erhaltung der Charlottenburger Altstadt. Jockeit war der letzte Herausgeber der Zeitung. "Diese Altstadt hat mein Leben verändert", sagt er. Als Assistent an der Hochschule der Künste hatte der Architekt bis zu seinem Umzug in die Charlottenburger Altstadt allerdings eher mit Neubauten zu tun. Stuckabschlagen gefördertDie Altstadtatmosphäre sensibilisierte ihn für die Architekturgeschichte dieses Kiezes. Jockeit begeisterte sich, stieg in die Altbausanierung ein und war an der "Wiederbelebung" vieler Häuser im Viertel beteiligt. "Noch bis in die 70er-Jahre wurde das Stuckabschlagen bei Modernisierungen sogar öffentlich gefördert. Die detailgenaue Rekonstruktion des Ursprünglichen wie etwa in der Wilmersdorfer Straße 158 war für uns oftmals nur durch detektivische Kleinstarbeit möglich", sagt er. An das alte Dorf Lietzow hinter dem Charlottenburger Rathaus erinnern nur noch die Straßennamen. Die Altstadt findet man auf der westlichen Seite, zwischen Richard-Wagner- und Schlossstraße. Von Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg weit gehend verschont, wird die Altstadt an der Schlossstraße von repräsentativen Villen und vor allem durch Mietshäuser aus der Gründerzeit geprägt. Während der Sanierung in den Achtzigern wurden Fassaden erneuert, Wohnungen modernisiert, Höfe begrünt, die Vorgärten der Villen wiederhergestellt. Einige Nachkriegsbauten füllen Baulücken. Kontraste fallen überall auf: Am Gierkeplatz steht das erste Schulhaus Charlottenburgs. Es wurde so rekonstruiert, wie es 1798 ausgesehen hat. Daneben prangt eine Schule der Neuzeit. Auch andere Gebäude spiegeln die wechselvolle Baugeschichte der Altstadt wider. So fügt sich an das Ackerbürgerhaus von 1823 in der Haubachstraße 13 ein zweigeschossiger Putzbau von 1880 an. Dieses Gebäude war ein Ackerbürgerhaus von 1730, wurde 1880 aufgestockt und in dieser Fassung detailgetreu rekonstruiert. "Die Mieter- und Kleingewerbestruktur ist weit gehend erhalten geblieben, auch deshalb, weil es keine massive Luxussanierung gab", sagt Jockeit. Auch das dürfte ein Erfolg der Bürgerinitiativen gewesen sein. Anwohner waren es auch, die zu Weihnachten 1983 den illegalen Abriss des ältesten Hauses im Kiez in der Schusterusstraße 13 verhinderten. In Alt-Charlottenburg lebt es sich trotz des regen Verkehrs auf einigen Straßen relativ ruhig. Mit U-Bahn und Bus sind die Bewohner schnell in der Charlottenburger City. Einkaufsmeile ist die Wilmersdorfer Straße. In der Altstadt selbst locken zum Beispiel ein Naturkostladen in der Behaimstraße, ein Geschäft mit griechischen Weinen in der Schusterusstraße,das Café Charlotte mit Kleinkunst sowie viele gepflegte Kneipen.Historie // Schloss: Zwischen 1695 und 1716 ließ Friedrich I. neben dem Dorf Lietzow ein kleines Schloss - die Lietzenburg - für seine Frau Sophie Charlotte bauen. Als sie 1705 starb, erhielten das Schloss und die neue Stadt den Namen Charlottenburg. Die Stadt hatte damals 100 Einwohner, und der König war "Erster Bürgermeister". 1720 wurde Lietzow eingemeindet.Rathaus: Das wuchtige Rathaus am Richard-Wagner-Platz ist die dritte Rathausversion Charlottenburgs. Das Gebäude entstand zwischen 1899 und 1905 in einer Mischung aus Spätgotik und Jugendstil, optisch dominiert von dem 88 Meter hohen Turm.Richard-Wagner-Platz: Der Platz war jahrhundertelang der Markt in Alt Charlottenburg. Seinen heutigen Namen erhielt er im Dezember 1934, zuvor hieß er Wilhelmplatz.Luisenkirche: Die erste Kirche Charlottenburgs auf dem heutigen Gierkeplatz wurde 1716 gebaut. 1823-1826 von Schinkel umgebaut, erhielt sie damals den Namen der verstorbenen Frau von Wilhelm Friedrich III. Im zweiten Weltkrieg brannte die Kirche aus. Die heutige, an Schinkel orientierte Umgestaltung stammt von 1987.BLZ/KARL MITTENZWEI Der Richard-Wagner-Platz inmitten der Altstadt Charlottenburgs gehört zu den lärmgeplagten Orten im Kiez.